Ruhequelle in Hanglage

Text von JUDITH LEMBKE
Fotos von PHILIPP VON DITFURTH

01. April 2021 · Wie baut man ein Haus für den Ruhestand? Ein Ehepaar hat im Schwarzwald eine ganz eigene Antwort gefunden.

Auf die Frage, wie man im Ruhestand wohnen möchte, gibt es zwei gängige Antworten: Die allermeisten bleiben dort, wo sie auch als Berufstätige gewohnt haben, selbst wenn die Wohnung zu groß ist und die Treppen zu steil sind. Es gibt aber auch diejenigen, die aus dem großen Haus am Stadtrand oder vom Dorf in eine kleinere Wohnung im Zentrum ziehen, wo Geschäfte und Ärzte in Schlagweite liegen.

Auch Sabine Schröder und Donatus Neudeck haben sich diese Frage gestellt, als sich das Ende ihres Berufslebens abzeichnete – und eine ganz andere Antwort gefunden. „Wir wollten aufs Land ziehen, denn wir sehnen uns nach mehr Natur und Ruhe“, sagt Sabine Schröder, die mit ihrem Mann jahrelang in Stuttgart-Zuffenhausen wohnte, wo beide bei Porsche arbeiten. 

Über Freunde lernten sie den kleinen Ort Dobel im Nordschwarzwald kennen und schätzen: mitten in der Natur, aber trotzdem nicht allzu weit von Karlsruhe entfernt. Uneins war sich das Paar jedoch, wie das neues Zuhause aussehen sollte. Während Schröder ein Neubau vorschwebte, suchte Neudeck nach einem alten Haus, um es umzubauen. „Ich habe mit meiner ersten Frau schon einmal gebaut und weiß, wie viel Aufwand das ist“, sagt der Ingenieur. 

Yoga mit Ausblick: Den offenen Raum im Untergeschoss nutzt das Paar für Übungen.
Yoga mit Ausblick: Den offenen Raum im Untergeschoss nutzt das Paar für Übungen.
Bauherr Donatus Neudeck
Bauherr Donatus Neudeck
Seine Meinung änderte er, als sie dieses Grundstück entdeckten: Schmal und lang rollt es sich wie ein roter Teppich den Hang hinunter in die Landschaft aus. Für die beiden der perfekte Platz, um sich ein Zuhause für die bevorstehende neue Lebensphase zu schaffen. Ein offenes Haus, das Platz für gesellige Runden bietet und gleichzeitig ruhige Ecken zum Lesen. Dabei sollte der Blick auf die gegenüberliegenden Hügel bestmöglich inszeniert werden. „Im Zentrum stand die Frage, wie man ein Haus gestaltet, das dem neuen Lebensabschnitt gerecht wird“, sagt Neudeck. Auch darauf fand das Paar in den Fünfzigern eine ganz eigene Antwort. Es verzichtete auf die Einliegerwohnung fürs Pflegepersonal, zu der Freunde rieten, und baute auch nicht barrierearm. Stattdessen schufen sie sich eine Ruheoase in einem Gebäude, das so weit wie möglich auf ökologische Baustoffe setzt und durch sein gutes Raumklima besticht. „Wir wollten ein modern interpretiertes Schwarzwaldhaus, das in die Umgebung und Landschaft passt“, beschreibt Neudeck die Vorstellung der Bauherren. Die Formen sollten klar sein und die verwendeten Materialien sichtbar bleiben.

In Partner und Partner fanden sie die Architekten, um ihre Vorstellungen zu realisieren. Das Berliner Büro, dessen Ursprung im Schwarzwald liegt, hat sich dem nachhaltigen Bauen verschrieben: Holz steht als Baustoff im Mittelpunkt, die Häuser sollen kreislaufgerecht sein, so dass die eingesetzten Materialien am Ende des Gebäudelebens ohne Qualitätsverlust möglichst wiederverwendet werden können.

„Die größte Herausforderung war es, den Baukörper optimal auf dem engen Grundstück zu plazieren“, erläutert Architekt Klaus Günter. Das Haus sollte einerseits nicht wirken, als sei es zwischen den Nachbarhäusern eingeklemmt, sich andererseits an der Straße aber behaupten und nicht im Hang verschwinden. Für die Position des Gebäudes spielte zudem eine Rolle, wie stark die Wohnräume mit dem Garten verbunden sein sollten. Wollen die Bauherren mit ihrer Kaffeetasse morgens direkt auf die Terrasse treten, oder schätzen sie eher die Aussicht auf die Landschaft? Zahlreiche Entwurfsvarianten später schlug das Panorama den Morgenkaffee an der frischen Luft: Aus der Küche führt eine Treppe in den Garten, der auf dem direkten Weg von den Schlafräumen im Untergeschoss erreicht wird.

Schwarzwaldhaus, modern interpretiert: Das Gebäude öffnet sich zum Garten, während es sich zur Straße eher verschlossen zeigt.
Schwarzwaldhaus, modern interpretiert: Das Gebäude öffnet sich zum Garten, während es sich zur Straße eher verschlossen zeigt.

Von der Straße kommend, hebt sich das Gebäude deutlich von seinen Nachbarn ab, was vor allem an der dunklen Fassade liegt. Das astfreie Holz der Weißtanne wurde abgeflammt und dadurch haltbarer gemacht. Pate stand die japanische Shou Sugi Ban oder auch Yakisugi-Technik, die auch in Deutschland immer beliebter wird. Trotzdem wirkt das Haus nicht wie ein Fremdkörper, da es ebenso wie die angrenzenden Gebäude traufständig zur Straße steht und eine ähnliche Dachneigung hat. Zur Straße zeigt es sich erst einmal verschlossen, da die kleinen Öffnungen kaum Einblick erlauben. 

Den Schwarzwald im Blick: Die Bauherren haben dem Panorama den Vorzug vor einem direkten Gartenzugang gegeben.
Den Schwarzwald im Blick: Die Bauherren haben dem Panorama den Vorzug vor einem direkten Gartenzugang gegeben.

Umso mehr öffnet sich das Haus nach Süden: Große Glasflächen geben den Blick auf den Garten und die dahinterliegende unverbaute Landschaft frei. Ausblick auf ein Farbspiel in Grün, das sofort den Stresspegel senkt. „Ich war eigentlich für kleinere Fenster, bin aber im Nachhinein froh, dass meine Frau und der Architekt mich überzeugt haben“, sagt Neudeck. An einigen Stellen habe man ihn vor seinem schlechten Geschmack bewahrt. „Ich habe gelernt, dass man den Bauherren nicht zu viel gestalterischen Spielraum lassen sollte“, sagt er und lacht.

Im Erdgeschoss liegen der großzügige Wohn-/Essbereich mit offener Küche sowie das Bad und der Hauswirtschaftsraum, die sich zur Straße orientieren. Der Wohnraum öffnet sich fast sechs Meter hoch bis unter das Dach, wo eine Galerie liegt, die die Bewohner im Moment als Arbeitszimmer nutzen. Denn seit auch beim Ehepaar Schröder-Neudeck Homeoffice angesagt ist, hat es seinen Lebensmittelpunkt schon vor Beginn des Ruhestandes von Stuttgart in den Schwarzwald verlegt.

Im Untergeschoss befinden sich mit direktem Zugang auf die Terrasse das Schlafzimmer sowie ein offener Raum, den die beiden zum Beispiel für ihre Yoga-Stunden nutzen. Dahinter, im Hang, liegt der Haustechnikraum.

Das Material soll sichtbar sein: Die Wandverkleidung ist aus unbehandelter Fichte.

Das Gebäude ist ein Holzbau, der auf einem Untergeschoss aus Stahlbeton ruht. „Überall, wo es ging, haben wir mit Holz gebaut. Aber die steile Hanglage verlangt einen Sockel aus Beton“, sagt Architekt Günter. Die Außenwände sind Holzständer, die mit Holzweichfaserplatten gedämmt sind. Sie sind von innen mit Lehm verputzt. Ein konventionelles Wärmedämmverbundsystem kam nicht zum Einsatz. Die Innenwände und Decken sind aus Brettsperrholz. „Das Haus funktioniert nach dem Prinzip: Weiche Schale, harter Kern“, erklärt Günter. Die weiche Außenwand dämmt gut, die harten Innenwände und Decken speichern die Wärme und nehmen die Feuchtigkeit auf. Die Bauherren lüften selbst. Ziel von Architekt und Bauherren war nicht nur, möglichst nachhaltig zu bauen, sondern auch weitestgehend auf Haustechnik zu verzichten. 


„Das Haus funktioniert nach dem Prinzip: Weiche Schale, harter Kern“
KLAUS GÜNTER

Die Einbaumöbel stammen vom Bruder des Bauherren, einem Schreiner.
Die Einbaumöbel stammen vom Bruder des Bauherren, einem Schreiner.

Im Erdgeschoss dominiert Holz, im Untergeschoss Sichtbeton. Im Bad kam Tadelakt, ein marokkanischer Kalkputz, zum Einsatz, der durch seine hohe Verdichtung besonders wasserbeständig ist. Der Bodenbelag ist ein dunkler Sichtestrich. Mit Blick auf dem Kreislaufgedanken hatte Günter für einen Trockenestrich plädiert. Anders als bei dem jetzigen Bodenbelag, der flüssig verarbeitet wird, hätten sich die Rohre der Fußbodenheizung dann nach dem Abriss des Hauses noch vom Boden trennen lassen. Fürs Recycling oder gar eine Wiederverwendung des Materials wäre das besser gewesen. Doch die Bauherren gingen diesen Schritt nicht mit. „Irgendwie hat mir die Vorstellung widerstrebt, beim Bau des Hauses schon über seinen Abriss nachzudenken“, sagt Neudeck.

Mit Blick auf ihre Lebensplanung sieht sich das Ehepaar als Corona-Profiteur. „Wir schätzen es sehr, dass wir schon jetzt so viel Zeit im Haus verbringen können, obwohl wir noch arbeiten“, sagt Schröder. Nach Stuttgart zieht es sie kaum noch, ihre dortige Wohnung wollen sie aufgeben. „Mich stören die Luftverschmutzung und der ständige Lärm in der Stadt.“ Dank der Umstände können sie die ersehnte Ruhe auch schon vor dem Ruhestand genießen. 

Querschnitt: Partner und Partner, Berlin

Baujahr: 2018/19
Bauweise: Holzbau mit einem Untergeschoss aus Stahlbeton
Energiekonzept: Wärmepumpe, die mit einer Photovoltaikanlage auf dem Dach betrieben wird.
Wohnfläche: 144 Quadratmeter
Baukosten: (ohne Grundstück) 635.000 Euro
Standort: Dobel im Nordschwarzwald
Architekturbüro: Partner und Partner, Berlin
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01.04.2021
Quelle: F.A.S.