150 Jahre Fritz Hansen

Sie kriegen die Kurve

Von Jasmin Jouhar
09.08.2022
, 13:46
Früh experimentierte Hansen mit Schichtholz aus verleimten Furnierlagen – später entwickelte Arne Jacobsen daraus die legendären Schalenstühle „Ameise“.
Der Möbelhersteller Fritz Hansen hat Ikonen des dänischen Designs geschaffen. Gegen die günstigere Konkurrenz versucht er mit Langlebigkeit zu punkten.
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Es ist diese perfekte Rundung, die vielleicht mehr als alles andere für Fritz Hansen steht. Wie mit einem weit ausholenden, zügigen Strich gezeichnet, spannt sich die Rü­ckenlehne in einem Bogen auf. Aus der vollrunden Unterseite kommend, nimmt die Kurve Anlauf und schwingt sich bis zum oberen Abschluss der Lehne. Der „Egg“-Sessel wurde nicht umsonst nach der ebenso perfekten Rundung des Eis benannt – und vielfach zitiert oder kopiert. Wer Arne Jacobsens Sessel einmal gesehen hat, erkennt ihn sofort wieder – so einfach und zugleich sinnfällig ist die Form der Sitzschale. Armlehnen, Öhrchen und Kopfpolster wachsen wie selbstverständlich aus der Gesamtform heraus und wollen einen umarmen. Und Jacobsens Entwurf von 1958 löst das Versprechen der einladenden Geste auch wirklich ein. Der Sessel ist wirklich bequem, man fühlt sich darin geborgen und beschützt. Und: Die perfekte Form trifft auf eine ebenso perfekte Verarbeitung. Wenn Fritz Hansen zu seinem 150. Geburtstag für sich in An­spruch nimmt, das Außergewöhnliche zu gestalten – „Shaping the Extraordinary“, so lautet der Claim im Original –, dann sind es vor allem Jacobsens Meisterwerke im organischen Stil wie die „Egg“- und „Swan“-Sessel oder die Stühle der 7er-Serie, die diesen Anspruch begründen.

Die Konkurrenz um originelles Design ist größer geworden

„Wir stehen für außergewöhnliches Design“, bekräftigt Josef Kaiser, seit 2020 Geschäftsführer von Fritz Hansen. „Wir wollen keine Mainstream-Produkte, das passt nicht zu uns. Die Produkte dürfen eine Richtung vorgeben, sie sollen überraschen. Dennoch sollen sie als Fritz Hansen erkennbar sein.“ In 150 Jahren Firmengeschichte hat der mutmaßlich älteste noch existierende Möbelhersteller Dänemarks eine Reihe solcher richtungsweisender Produkte auf den Markt gebracht. Natürlich die Entwürfe des Architekten und Designers Jacobsen, aber auch Möbelstücke seiner Kollegen Poul Kjærholm, Kaare Klint oder Hans J. Wegener. Bis heute bilden sie das Fundament des Unternehmens, wirtschaftlich wie ideell.

Der „Egg“-Sessel im organischen Stil gilt als Markenzeichen von Fritz Hansen.
Der „Egg“-Sessel im organischen Stil gilt als Markenzeichen von Fritz Hansen. Bild: Fritz Hansen

Doch anlässlich des runden Geburtstags in diesem Jahr stellt sich die Frage, wie auf diesem Fundament die Zukunft aufgebaut werden kann. Denn die Welt ist nicht mehr so klar und übersichtlich wie in der Hochzeit der dänischen Moderne in den 1950- und 1960-Jahren, als viele der Klassiker entstanden. Zwar gehören die nordischen Länder, allen voran Dänemark, auch heute zu den impulsgebenden Orten auf der Landkarte des Designs. Das zeigten die 3 Days of Design in Kopen­hagen gerade eindrucksvoll. Doch das Ge­schäft ist schneller und internationaler geworden, viel mehr große und kleine Marken und Hersteller kämpfen um Aufmerksamkeit und Marktanteile. Gleichzeitig ist originelles Design von namhaften Gestalterinnen und Gestaltern heute günstiger zu haben, dank digitaler Vermarktung und Produktion in Billiglohnländern au­ßerhalb Europas. Die Kopenhagener Konkurrenz rund um Hay und Muuto hat es in den letzten zwanzig Jahren bewiesen, immer neue Marken folgen ihrem Vorbild. Ein so traditionsreicher Hersteller wie Fritz Hansen lief zu­letzt Gefahr, alt auszusehen neben den jungen, frischen Konkurrenten.

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Einen Gang runterschalten

„Wir wollen das Schnelllebige nicht unterstützen“, sagt Kaiser. „Es ist für uns eine wichtige Aufgabe, zu verstehen, was die jungen nordischen Firmen tun. Aber wir versuchen nicht, ihnen zu folgen.“ Vielmehr sei es der Anspruch von Fritz Hansen, Produkte zu gestalten, die in dreißig oder fünfzig Jahren noch gefallen. „Wir haben heute sicher einen schnell­lebigeren Markt und mehr Druck, Produkte zu bringen. Das hat bei uns dazu geführt, dass wir zu rasch an Dingen ge­arbeitet haben. Das fahren wir jetzt zu­rück. Es geht nicht um Geschwindigkeit“, sagt Kaiser, der 2020 ins Unternehmen kam und vorher in leitender Position beim Schweizer Möbelhersteller Vitra tätig war.

Eiersessel im Ensemble
Eiersessel im Ensemble Bild: Fritz Hansen

Anlässlich des Jubiläums hat sich Fritz Hansen vom Kopenhagener Architekturbüro Henning Larsen einen temporären Pa­villon bauen lassen. Der Bau aus schwarz gefärbtem Massivholz und Polykarbonatplatten steht den ganzen Sommer über im Innenhof des Design­museums in Kopenhagen. Darin zeigt der Hersteller Neuheiten und ausgewählte Ob­jekte aus der langen Geschichte. Die Leuchte „Clam“ des jungen Designerinnenduos Ahm & Lund schwebt über dem „China Chair“ von Hans J. Wegener, die „Concert“-Leuchte von Jørn Utzorn hängt neben den Sesseln des spanischen Gestalters Jaime Hayon. Zum Jubiläum erstmals in Serie produzierte Archivstücke von Jacobsen und Kjærholm bekommen ihren großen Auftritt. Im Garten stehen die Outdoormöbel von Skagerak, Fritz Hansen hat den ebenfalls dänischen Hersteller Ende des vergangenen Jahres er­worben. Im Pavillon gibt es Café, Sofaecken und große Arbeitstische – der Bau soll für Workshops, Sommerschulen oder Präsentationen öffentlich zugänglich sein. Im Herbst wird er demontiert und zur Weiternutzung an den Hauptsitz von Fritz Hansen nördlich von Kopenhagen transportiert. Die Architekten haben den Pavillon so konzipiert, dass er sich einfach zerlegen lässt, kein Teil ist verschweißt oder geklebt. Denn die Verantwortlichen von Fritz Hansen wissen, dass ohne das Bekenntnis zu mehr Nachhaltigkeit heute kein Unternehmen mehr auskommt.

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Erstes Designhotel der Ge­schichte

Mit solchen Fragen musste sich der Tischler Fritz Hansen aus Naksov in Süddänemark nicht beschäftigen, als er 1872 einen Gewerbeschein erwarb. Der junge Mann erwies sich als so tüchtig, dass er binnen kurzer Zeit seine Tischlerei nach Kopenhagen verlegen konnte, in das Viertel Christianshavn auf der anderen Seite des Hafens. 1896 folgte das eigene Sägewerk in Allerød, wo sich heute noch der Hauptsitz des Unternehmens befindet. Bereits in den frühen Jahren experimentierte Fritz Hansen mit Schichtholz aus verleimten Furnierlagen – Jahrzehnte später sollte Arne Jacobsen auf Basis dieser Technik seine legendären Schalenstühle „Ameise“, „Grand Prix“ oder die 7er-Serie entwickeln. Fritz Hansen war auch das erste Unternehmen in Skandinavien, das nach dem Vorbild Thonets Bugholzmöbel herstellte. Die Zusammenarbeit mit Architekten begann der Sohn des Firmengründers, Christian E. Hansen, mit Projekten wie der Einrichtung des dänischen Parlaments und dem Kopenhagener Rathaus. In den 1930er-Jahren entstanden unter dem Einfluss des Bauhauses erste Stahlmöbel, zeitgleich tritt erstmals Jacobsen auf den Plan, der einen Stuhl für das Restaurant Bellevue Theatre in Klampenborg entwirft.

1960 eröffnete in Kopenhagen das SAS Royal Hotel, das Designer Jacobsen vom Türgriff über die Leuchte bis zum Sessel durchgestaltete.
1960 eröffnete in Kopenhagen das SAS Royal Hotel, das Designer Jacobsen vom Türgriff über die Leuchte bis zum Sessel durchgestaltete. Bild: Fritz Hansen

In den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg scheinen Kreativität und Innovationsfreude in der dänischen Designwelt geradezu zu explodieren, nicht nur bei Fritz Hansen. Der Höhepunkt ist wohl 1960 erreicht, als in der Nähe des Kopenhagener Hauptbahnhofs das SAS Royal Hotel eröffnet. Nicht einfach ein Hotel der Fluggesellschaft, sondern ein Manifest der Moderne, in seiner Architektur und Einrichtung, die Arne Jacobsen entwirft. Das funktionale Konzept ist ungemein zeitgemäß, mit eigenem Terminal im Haus, von dem aus die SAS-Passagiere mit Bussen zum Flughafen fahren können. Vom Türgriff bis zur Leuchte, von der Fassade bis zum Sessel – Jacobsen hat das ganze Haus durchgestaltet, weswegen es vielen als erstes Designhotel der Ge­schichte gilt. Zumindest im Room 606, dem einzigen bis heute unveränderten Zimmer des Hotels, ist Jacobsens Vision immer noch zu sehen, inklusive der bestens bekannten Klassiker aus Fritz Hansens Portfolio, dem „Egg“, dem „Swan“ oder dem 2014 erstmals in Serie gefertigten „Drop“-Stuhl.

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Lokale Produktion gewinnt an Bedeutung

Heute ist Fritz Hansen einer der größten dänischen Möbelproduzenten mit rund 400 Mitarbeitern. Hergestellt wird der überwiegende Teil der Produkte al­lerdings seit 2014 in einem eigenen Werk im polnischen Rawicz. Im Moment arbeitet man an einer weiteren Expansion und baut Werke in China und den USA auf, um sperrige Stücke wie Sofas dort direkt für lokale Märkte zu fertigen. Die lokale Produktion ist ein Schritt auf dem Weg zum klimaneutralen Wirtschaften. Ein weiteres Thema ist der Stahl, den Fritz Hansen von Zulieferern bezieht und der „in der ganzen Produktionskette sehr stark belastet ist“. Auch hier suche man nach Lösungen.

Die Produktion des „Egg“-Sessels in den 1960er Jahren. Er wurde 1958 von Arne Jacobsen entworfen.
Die Produktion des „Egg“-Sessels in den 1960er Jahren. Er wurde 1958 von Arne Jacobsen entworfen. Bild: Fritz Hansen

Und wie geht es mit der Gestaltung weiter? Nach den 1980er- und 1990er-Jahren, als man noch vom übergroßen Nimbus der Vergangenheit zehrte, und geradezu hyperaktiven Phasen in der jüngeren Vergangenheit mit etwas wahl­losen Zukäufen und Produktlaunches, will man sich jetzt besinnen. Unter der Leitung von Chefdesignerin Marie-Louise Høstbo sollen bestehende, teilweise langjährige Beziehungen zu Designerinnen und Designern gepflegt werden. „Ich bin nicht interessiert an einmaligen Koope­rationen“, sagt der Geschäftsführer. Er schwärmt von der dänischen Gestalterin Cecilie Manz, die mit ihrem Tisch „Es­say“ schon seit einigen Jahren Teil der Familie ist. Im Herbst wird Fritz Hansen einen Hocker aus gebogenem Holz von Manz auf den Markt bringen. Erste, noch nicht serienreife Exemplare konnten zu den 3 Days besichtigt werden – ein feines Möbelstück mit schönen Details und einer spannungsvollen, Fritz-Hansen-typischen Rundung. Das ist auf jeden Fall ein vielversprechender Anfang für die nächsten 150 Jahre.

Quelle: F.A.S.
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