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Zweihundert Jahre im Geschäft

Design mit Geschichte

Von Jasmin Jouhar
 - 10:06
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St. Gallen im Jahr 1819: Ein junger Mann namens Christian Fischbacher bietet auf dem Markt Webwaren aus Leinen an, die er bei den Bauersfrauen in den umgebenden Dörfern eingesammelt und zu Fuß in die Stadt gebracht hat. Boppard am Rhein im Jahr 1819: Ein junger Mann namens Michael Thonet gründet seine eigene Tischlerwerkstatt und experimentiert mit neuen Holzbiegetechniken.

Zweihundert Jahre und einige Generationen später verdienen die Fischbachers ihr Geld immer noch mit Textilien und die Thonets immer noch mit Möbeln aus gebogenem Holz. Eine beeindruckende Kontinuität über einen so langen Zeitraum, in dem alte Märkte zusammenbrechen und neue gefunden werden, in dem ganze Geschäftszweige erblühen und wieder absterben, in dem Revolutionen und Weltkriege ganz unmittelbar auch die Existenz der Unternehmen bedrohen. Ein langer Zeitraum, in dem viele ähnliche Unternehmen lange schon aufgegeben haben und in Vergessenheit geraten sind. Warum also haben ausgerechnet der Textilverlag aus St. Gallen und der heute im hessischen Frankenberg beheimatete Möbelhersteller überlebt? „Wir hatten viel Glück“, sagt Michael Fischbacher, der die Firma in der sechsten Generation als Geschäftsführer leitet. Norbert Ruf, Kreativdirektor und Mitglied der Geschäftsführung bei Thonet, sieht es ähnlich: „Natürlich gehört eine große Portion Glück dazu.“ Denn, so ergänzt er, nur ein kleiner Prozentsatz aller Familienbetriebe schaffe den Sprung vom Ein- zum Mehrgenerationen-Unternehmen.

Fischbacher und Thonet sind in der Design- und Einrichtungsbranche nicht die einzigen Jubilare, die in diesem Jahr Grund zum Feiern haben. Beim norddeutschen Möbelhersteller Müller begeht die mittlerweile fünfte Generation das 150-jährige Jubiläum. Die thüringische Leuchtenmarke Midgard wiederum wird 100 und startet nach Neuaufstellung und Umzug nach Hamburg durch. Zwei internationale Firmen freuen sich über ihren 70. Geburtstag: der Fußbodenhersteller Bolon aus Schweden und der Kunststoffspezialist Kartell aus Italien, beide ebenfalls noch immer familiengeführt. Der Siebzigste mag vielleicht nicht so richtig rund wirken, dafür eint diese Geburtstagskinder, dass sie 1949, also in der Aufbruchszeit nach dem Zweiten Weltkrieg, geboren wurden. Siebzigjähriges Bestehen feiert übrigens auch das schwedische Regalsystem String, das wie nur wenige andere Möbelentwürfe den Geist ebendieser Zeit verkörpert. Denn das ist – neben der Extraportion Glück – vielleicht das wichtigste Erfolgsgeheimnis der Langzeit-Unternehmen: dass sie immer wieder den Geist der Zeit erkennen. „Ich glaube, ein Kernfaktor für den Erfolg ist es, sich die Offenheit zu bewahren“, sagt Norbert Ruf von Thonet. „Sich kontinuierlich zu hinterfragen, ob das, was wir machen, noch gültig ist – designästhetisch, produktionstechnisch, gesellschaftlich.“ Das schlechteste Argument in seinen Augen? „So haben wir das schon immer gemacht.“

Das wichtigste Prinzip ist die Leidenschaft

Sich die Offenheit zu bewahren und den Zeitgeist im Blick zu behalten kann auch bedeuten, harte Entscheidungen zu treffen. Bei Christian Fischbacher war es beispielsweise Ende der achtziger Jahre so weit, als das damalige Kerngeschäft zusammenbrach. Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs hatten die Schweizer den größten Teil ihres Umsatzes mit sogenannten Fashion Fabrics erwirtschaftet, mit Textilien für die Bekleidungsindustrie. Zu ihren Kunden gehörten so namhafte Häuser wie Christian Dior, Christian Lacroix, Givenchy, Versace oder Van Laack. Fischbacher entwarf aufwendig bedruckte Stoffe und ließ sie auf Bestellung der Modehäuser in der Schweiz produzieren. Doch der Geschmack änderte sich, solche Stoffe kamen buchstäblich aus der Mode, und das Unternehmen drohte, seine Haupteinnahmequelle zu verlieren. „Mein Vater hat dann die schwierige, aber mutige Entscheidung getroffen, ganz aus dem Geschäft mit den Modetextilien auszusteigen“, sagt Michael Fischbacher. Die Entscheidung sollte sich als lebensrettend für das Unternehmen erweisen. Die damaligen Schweizer Hersteller von Bekleidungsstoffen gebe es heute alle nicht mehr, sagt Fischbacher. Stattdessen konzentrierte man sich in St. Gallen fortan ganz auf das bisherige Nebengeschäft mit Heimtextilien. Dabei ist es bis heute geblieben, die Marke entwirft hochwertige Vorhangstoffe, Bettwaren und Badtextilien und lässt sie bei Produzenten in der ganzen Welt herstellen – manches davon immer noch in der Schweiz.

Denn so wie Fischbacher hat auch St. Gallen in den vergangenen zweihundert Jahren große Wandlungen durchgemacht. Einst ein Zentrum der Textilproduktion, 1912 machten St. Gallener Textilien 70 Prozent des gesamten Außenhandelsvolumens der Schweiz aus, berichtet Michael Fischbacher, sind dort nach der Deindustrialisierung heute nur noch wenige Unternehmen aus der Branche zu finden.

Christian Fischbacher gehört wohl auch deswegen zu diesen wenigen, weil sich die Verantwortlichen die Leidenschaft für Stoffe bewahrt haben. „Das ist das Schönste am ganzen Geschäft, neue Stoffe zu entwickeln“, sagt der Chef. Dafür ist vor allem seine Frau Camilla Fischbacher zuständig. Sie ist die Artdirektorin der Marke und leitet das hauseigene Designstudio mit mehreren Textildesignerinnen. Damit der Geschmack der Kundschaft auch wirklich zuverlässig getroffen wird, tauscht sich das Designteam regelmäßig mit der Verkaufsabteilung aus. Aber das wichtigste Prinzip ist und bleibt die Leidenschaft: „Wir machen keinen Stoff, von dem wir nicht begeistert sind.“

Den Zeitgeist auf seiner Seite

Warum sich die Menschen noch immer für Thonet-Möbel begeistern, hat für Kreativdirektor Norbert Ruf auch mit der großen Tradition des Unternehmens zu tun: „Sie kaufen ein Stück Kultur und ein Stück Designgeschichte“, diagnostiziert er. Die Stühle, Sessel und Tische zeichnen sich durch „ästhetische und funktionale Nachhaltigkeit“ aus. Es sind Produkte, die ihre Besitzer oft über viele Jahre begleiten – und vererbt werden. Der beste Beweis ist der Kaffeehausstuhl Nr. 14, heute als 214 im Programm, einst von Michael Thonet selbst entwickelt und seit 1859 auf dem Markt. Vielen gilt der 14er als Beginn des Industriedesigns überhaupt, er war der erste zumindest in Teilen industriell hergestellte Stuhl. Seine Gestaltung orientierte sich an der arbeitsteiligen Serienfertigung und war optimiert für den Einsatz des Biegens von massivem Holz mit Dampf, einer Technik, die der Thonet-Gründer in den 1850er Jahren perfektioniert hatte. Bis heute hat Thonet rund 50 Millionen Stück davon verkauft. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts prosperierte das Unternehmen ungemein, insgesamt sechs Fabriken in Osteuropa und seit 1889 das Werk in Frankenberg produzierten die Bugholzmöbel. Zu der Zeit hatte Thonet auf der ganzen Welt rund 30.000 Mitarbeiter. Eine Erfolgsgeschichte, die später die Stahlrohrmöbel aus dem Bauhaus fortschrieben. In den dreißiger Jahren war Thonet der international größte Produzent von Stahlrohrmöbeln.

Umso massiver dann der Einschnitt durch den Zweiten Weltkrieg und seine Folgen: Alle Werke in Osteuropa wurden enteignet, die Anlagen in Frankenberg bei einem Bombenangriff völlig zerstört. Georg Thonet, Urenkel des Firmengründers, verlegte den Firmensitz dennoch dorthin und baute das Werk bis 1953 wieder auf. Pünktlich zum zweihundertsten Firmengeburtstag und zum hundertsten des Bauhauses scheint Thonet den Zeitgeist wieder auf seiner Seite zu haben: Vor dem Hintergrund der Diskussion um Kunststoffe hätten die Thonet-Materialien Holz und Stahl eine große Aktualität, sagt Norbert Ruf. Mit den Klassikern von Marcel Breuer, Mart Stam und Ludwig Mies van der Rohe, den Freischwingern und Satztischen, bestreitet Thonet immerhin ein Drittel seines Umsatzes. Zur Kölner Möbelmesse im Januar kam noch ein runder Beistelltisch von Mies van der Rohe dazu, der in den Dreißigern schon einmal zum Portfolio gehört hatte. Doch die Pflege des reichen Erbes ist nur die eine Seite. „Wenn man in der Vergangenheit verharrt, dann stirbt ein Unternehmen“, sagt der Kreativdirektor. Man müsse mit der Substanz der Marke arbeiten und das in die heutige Zeit übersetzen. Eines der aktuellen Ergebnisse dieser Strategie: der Holzstuhl 118, den der omnipräsente deutsche Designer Sebastian Herkner entworfen hat. Mit der Sitzfläche aus Rohrgeflecht und dem gebogenen Sitzrahmen ist der 118 ein echter Thonet. Aber dank subtiler Details wie der abgeflachten Beine wirkt er nicht retro, sondern ganz von heute.

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Quelle: F.A.S.
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