Vasen in allen Variationen

Zerbrechliche Zierde

Von Quynh Tran
Aktualisiert am 28.10.2020
 - 13:28
Rudel: Kristallvasen von Fundamental Berlinzur Bildergalerie
Vasen sind immer ein Abbild ihrer Zeit und in jeder Epoche präsent. Auch die neuen Objekte zeigen einen Wandel im Wohnen: Es wird individueller.

Es war einer dieser Tage, an denen man aus einer Laune heraus ohne Ziel in den Buchladen hineinlief. In der Zeitschriftenabteilung fiel ein Cover besonders auf: Es war die Paris Review of Books, die dieses Mal nicht wegen der phantastischen Autoren-Interviews in die Handtasche wandern sollte, sondern schlichtweg wegen der Hülle. Die war leuchtend rosa mit einer floralen Abbildung, die ein bisschen an eine amorphe Gießkanne erinnerte. Es war eine Vase der Künstlerin Francesca DiMattio, der in dieser Ausgabe ein ganzes Bild-Editorial samt Lobrede gewidmet wurde und die die Renaissance des altehrwürdigen Gefäßes kaum besser auf den Punkt hätte bringen können. Die Vase war das gefeierte Cover-Girl.

Fast mehr noch als Bilder und Schriften waren schließlich Vasen stets das Abbild ihrer Zeit und gelten nicht umsonst als wichtiges archäologisches Artefakt oft als Symbolbild ihrer Ära, ob sinnbildlich für Perioden des antiken Griechenlands, chinesische Dynastien oder europäische Epochen. In Europa befeuerte die Sehnsucht nach chinesischen Vasen nicht nur die Entdeckung europäischen Porzellans, sondern ließ gar August den Starken 600 Soldaten für 150 chinesische Vasen – seitdem nach dem Regiment Dragonervasen benannt – eintauschen. Jede kunsthandwerkliche Materialinnovation wandelte auch die Vasenmode, ob in böhmischem Kristall, Tiffany’s oder den verschiedenen Techniken aus Murano, Gallé oder Lalique.

Selten waren Vasen so individuell wie jetzt

Auch jetzt zeigen die Vasen wieder den Wandel im Wohnen. Fand man in den letzten Jahrzehnten – abgesehen von der ein oder anderen Rosenthal-Edition – bestenfalls bunte Glaszylinder in deutschen Kaufhäusern, so explodiert die Auswahl an Formen und Farben derzeit geradezu. Wenn die achtziger und neunziger Jahre die gleichmachende Kommerzialisierung in Vasenform waren, dann ist die Jetztzeit vielleicht die ersehnte Re-Individualisierung.

Als der Künstler Anselm Reyle vor einigen Jahren nach einer Pause wieder auf den Kunstmarkt zurückkehrte, machte er erst mal Vasen. Luxus-Designer wie Bocci haben Vasen lanciert, und aufstrebende Floristen und Produktdesigner kollaborieren immer häufiger für Sondereditionen miteinander, wie etwa Fundamental Berlin und Marsano oder Anatomie Fleur und Katharina Ruhm. Selbst Traditionshäuser wie Bitossi Ceramiche oder Porzellanmanufakturen wie KPM setzen wieder ein Augenmerk auf das Dekorationsobjekt. Und selbst im mittelpreisigen Segment, wie bei Iittala und Muuto, und bei Discountern wie H&M und Zara wächst das Sortiment stetig. Selbst wer kein besonderes Geschick beim Blumenstecken besitzt, kann mit der richtigen Vase auch aus einem billigen Blumenstrauß aus dem Supermarkt einiges herausholen. Oder sogar ohne Blumen.

Das mag mit dem Mid-Century-Trend vor einigen Jahren angefangen haben, als venezianisches Sommerso-Glas und Vasen aus weißem Biskuit-Porzellan auf Flohmärkten wieder Hochkonjunktur erlebten. Die waren, zumeist als Konvolut, auch ganz ohne Blumen Dekoration genug. Gleichzeitig erlebte der Kunstmarkt einen neuen Aufschwung. Die Preise für antike Vasen, vor allem aus China, brechen seit ein paar Jahren einen Rekord nach dem anderen. Da war die chinesische Cloisonné-Vase aus dem 19. Jahrhundert, die bei iGavel Auctions mit mehr als 800.000 Dollar das zweitausendfache ihres Schätzpreises erzielte, oder die Qianlong-Vase, die bei Sotheby’s für fast dreizehn Millionen Dollar versteigert wurde. Eine chinesische Vase aus derselben Zeit, die bei einer Wohnungsauflösung in London entdeckt wurde, fand gar für 62 Millionen Dollar einen neuen Eigentümer.

Das alles lässt nur erahnen, wie viel mehr Aufmerksamkeit dem Wohnaccessoire gewidmet wird. Vasen, so bemerkte einst auch der italienische Architekt Aldo Rossi in seinen Vorlesungen am Mailänder Politecnico, seien schon im antiken Griechenland bewusst Dekoration gewesen, denn selbst in den ärmsten Häusern waren sie prächtig. Sie waren das eine Objekt, das man auch bei einem Umzug mitnehmen würde, und das wiederum passt in die heutige Zeit der Hypermobilität. Vielleicht waren sie, wenn man es so interpretieren mag, das Statussymbol des Haushalts, das Totem des Bestrebens, irgendwann einmal mehr zu erreichen. Hat man den angestrebten Reichtum dann erreicht, so konnte man diesen inneren Kern auch nach außen kehren und noch prächtigere Vasen als architektonische Fassadenelemente wie Wächter die Tore nur zur Zierde flankieren lassen.

Die Rundungen des weiblichen Körpers als Vorbild

Dass Vasen abgesehen davon immer schon etwas Langlebiges waren, darauf deuten archäologische Funde aus der Etrusker-Zeit hin, wo anscheinend so etwas wie Second-Hand-Märkte für Vasen existierten.

Über die Jahrhunderte arteten die Deutungen von Vasen, die meist aus Glas, Keramik und Porzellan, bisweilen aber auch aus Cloisonné, Alabaster und Jade gefertigt wurden, in kuriose Interpretationen aus. Man denke etwa an die Kristallvasen nur für die Präsentation von Sellerie im viktorianischen England, oder an jene, die Soldaten während des Ersten Weltkriegs im Graben als Zeitvertreib aus ausgeschossenen Patronenhülsen machten.

Kaum ein anderes Objekt verbindet Funktion und Kunsthandwerk so sehr, denn die Verspieltheit tut dem Nutzen kaum Abbruch, braucht es doch nur eine Öffnung und etwas Raum. Und obgleich Vasen immer schon an den Körper angelehnt waren, an weibliche Rundungen wohlgemerkt, nimmt in der Diversifizierung der Formen auch die Verkörperlichung immer mehr zu. Nicht nur Tiere wie Papageien oder Elefanten geben Form. Auch menschliche Gesichter, wie schon bei Pablo Picasso und Jean Cocteaus Nachkriegsvasen, und Körper und erogene Zonen, wie bei Ettore Sottsass’ ikonischer Penis-Vase aus den Siebzigern, oder gerade jetzt die Popotin-Vase von Anissa Kermiche werden zu Gefäßen. Und warum sollte ein Gegenstand, der so etwas Vergängliches trägt wie Blumen, nicht auch aussehen wie der zerbrechliche Mensch? Als Allegorie von Raum, der das Leben an sich vorbeigleiten, verwelken sieht. Die Vase, das irdische Gefäß, bleibt die Konstante bei all dem Vergänglichen.

Quelle: F.A.S.
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