Wer tanzt hier aus der Reihe?

Warum Sie das Reihenhaus nicht unterschätzen sollten

Von Birgit Ochs
08.09.2020
, 10:35
Reihenhäuser gelten als langweilig. Dass Wohnen in der Reihe aber keineswegs öde sein muss, zeigt eine neue Ausstellung und beweist: Aus diesem Haustyp lässt sich richtig viel herausholen!

Reihenhäuser haben in Deutschland ein Imageproblem. Immer noch. Es gibt nicht wenige, die diesen Gebäudetyp nach wie vor gar nicht für ein Einfamilienhaus halten. Jedenfalls kein echtes. Zu dessen Definition gehört für diese Mitmenschen der Garten – und zwar rundherum. Viele Reihenhausbesitzer selbst geben sich zurückhaltend. Obwohl Eigentümer einer Immobilie, schränken sie beinahe schon entschuldigend ein: „Es ist ja nur ein Reihenhaus.“

Warum so bescheiden? Die Herabsetzung der in Reihe gebauten Häuser ist unangemessen. Reihen- und Doppelhäuser sind schließlich keine Exoten, sondern gehören seit mehr als hundert Jahren zum Bestand unsere Städte – und sind teils ausgesprochen interessante Zeugnisse der Architekturgeschichte: In den sozialreformerischen Konzepten der Gartenstadtarchitekten um die vorletzte Jahrhundertwende spielten sie die zentrale Rolle. Einige Jahre später experimentierten Siedlungsplaner wie Ernst May in Frankfurt in der Zeit des Neuen Bauens mit der seriellen Herstellung der Reihenbauten. Es gibt prächtige, ja luxuriöse Exemplare und sehr, sehr einfache. Sorgsam geplante und lieblos entworfene. Das Reihenhaus sei wahrscheinlich der meistgebaute Haustyp der alten Bundesrepublik, sagt Ute Maasberg von der Architektenkammer Niedersachsen, für die sie die Ausstellung „Wachgeküsst – Umbauen in der Reihe“ konzipiert hat. Die Schau ist seit vergangenem Freitag zu sehen – und zwar als erste von weiteren Stationen in der Galeria Kaufhof in der Innenstadt von Hannover. Es ist ein ungewöhnlicher Ausstellungsort für eine Architekturausstellung, aber es sind auch ungewöhnliche Zeiten. Unpassend ist das Warenhaus als Umfeld keineswegs, eben weil dem Reihenhaus jeder exklusive Charakter fehlt.

Knapp 9000 neue Reihenhäuser im vergangenen Jahr

Wie viele Reihenhäuser es in Deutschland gibt, hat allerdings nicht einmal das Statistische Bundesamt gezählt. Entsprechend bleibt der Anteil am Gebäudebestand nebulös. Im Neubau immerhin herrschen klare Verhältnisse: Im vergangenen Jahr sind in Deutschland laut Destatis knapp 9000 Reihenhäuser gebaut worden, gegenüber mehr als 83.000 frei stehenden Einfamilienhäusern. Von diesen Zahlen sollte man sich nicht täuschen lassen, ebensowenig vom Image. Am Häusermarkt ist dieser Immobilientyp nämlich längst keine zweite Wahl mehr. Er ist begehrt, weil er zum – halbwegs – erschwinglichen Preis bietet, was sehr viele Menschen wollen: ein Haus mit Garten in Stadtnähe.

Die Ausstellungsmacher halten das Reihenhaus jedoch nicht nur für die günstigere Lösung, um sich diesen Wunsch zu erfüllen. Auch was Nachhaltigkeit und Klimaschutz angeht, sehen sie es im Vergleich zum frei stehenden Einfamilienhaus im Vorteil. „Schließlich verbraucht es deutlich weniger Platz und schont entsprechend die knappen Baulandressourcen“, sagt Ute Maasberg.

Die Ausstellung rückt nun aber nicht den Neubau in den Blick, sondern den Bestand. Der Eigentümerwechsel bei Reihenbauten ist schließlich in vollem Gang. In vielerlei Hinsicht passen die zwischen den zwanziger und siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts entstandenen Häuser nicht mehr zu den heutigen Ansprüchen. Was sich aber durch eine Modernisierung aus Reihen-, aber auch Doppel- und Kettenhaus machen lässt, zeigt „Wachgeküsst“ an sieben jüngeren Beispielen aus Niedersachsen und Bremen.

Im kleinen Stadtstaat setzt man wie auch in England und den Beneluxländern schon seit Mitte des 19. Jahrhunderts auf diesen Häusertyp. Heute prägt das „Bremer Haus“ mit seinen teils prächtig verzierten Fassaden aus den Epochen Klassizismus, Historismus und Jugendstil maßgeblich das Gesicht der Hansestadt. Von Pracht war allerdings bei jenem Haus an der Braunschweiger Straße im Stadtteil Peterswerder nicht mehr viel übrig, als Architekt Theis Janssen die Planung für Sanierung und Ausbau des Wohnhauses übernahm (Beispiel rechts oben).

Im Krieg getroffen, standen nur noch Souterrain und Erdgeschoss. Im Zuge von Umbau und Aufstockung sind zwei eigenständige Wohnungen mit je gut 90 und 145 Quadratmeter Wohnfläche entstanden. Die neu hinzugekommenen oberen Etagen wurden in Holzständerbauweise errichtet. Janssen hat die lokale Tradition mit zeitgemäßem Bauen verbunden. Im Innern wird das sichtbar: unverputztes rotes Mauerwerk trifft hier auf Holzbalken. Am Haus sind ein Balkon und eine Dachterrasse entstanden und bieten Freiräume. Was das Beispiel auch gelungen macht: Maßstab und Rhythmus der Umgebung bestimmen das Aussehen des sanierten und erweiterten Hauses.

Es kann ein radikaler Eingriff ins Innenleben sein

„Für den Umbau eines Reihenhauses ist das ein entscheidendes Kriterium“, sagt Ute Maasberg. Bei der Auswahl für die Ausstellung hat sie viele Fälle gesehen, in denen sich Architekten und Bauherren über das Umfeld hinweggesetzt haben, gerade so, als handele es sich um ein frei stehendes Haus. Das zerstört den Charakter der Reihe. Besonders gravierend sind solche Ausbrüche im Fall von Doppelhäusern, wo nach einer Modernisierung oft eine Hälfte so gar nicht mehr zur anderen passt. „Die Kunst ist es aber, etwas eigenes zu machen, ohne den anderen weh zu tun“, sagt Maasberg. Vieles tut diesem Haustyp gut, nur nicht, aus der Reihe zu tanzen.

Dafür kann es ruhig ein radikaler Eingriff ins Innenleben sein, wie das Beispiel eines bescheidenen Siedlungshauses in Braunschweig zeigt (Bild links unten). Es stammt aus den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts und ist Teil einer Wohnanlage aus schmalen, zweigeschossigen Gebäuden mit großen Gärten, die die Klavierfabrikanten Zeitter & Winkelmann damals für ihre Mitarbeiter errichten ließen. Äußerlich gibt sich das nach Plänen von Kathrin und Armin Meyer-Herbig umgebaute Haus unspektakulär. Innen aber zeigt es, dass man das Potential dieses Gebäudetyps nicht unterschätzen sollte. Das Haus wurde komplett entkernt, der Grundriss entsprechend neu konzipiert, so dass plötzlich eine unerwartete Raumhöhe entstanden ist. Sie wie auch neue Fassadenöffnungen zur Gartenseite tragen zu einem ganz anderen Raumgefühl durch mehr Tageslicht bei.

Wie das Innere, lässt sich auch aus dem Außenraum der Reihenhäuser einiges machen. Vor allem die älteren Exemplare punkten mit zwar schmalen, aber dennoch vergleichsweise großen Grundstücken. Die waren ursprünglich als Anbaufläche gedacht, damit die Bewohner sich mit Kartoffeln, Bohnen und Johannisbeeren selbst versorgen konnten. Heute lässt das die Herzen urbaner Stadtgärtner höher schlagen. Beete und Rasenfläche sind jedoch nur eine Option. Die Beispiele zeigen auch, wie der Reihenhausgarten, entsprechendes Budget und Planungsaufwand vorausgesetzt, durchkomponiert den Wohnraum ergänzen kann.

Die Wanderausstellung „Wachgeküsst – Umbauen in der Reihe“ ist derzeit in Hannover zu sehen. Erste Station ist Galeria Kaufhof an der Marktkirche.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Ochs-Koffka, Birgit
Birgit Ochs
Verantwortliche Redakteurin für „Wohnen“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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