Wohlwagen

Wenn das Haus mit umzieht

Von Noah Akuscheska, Eichsfeld-Gymnasium, Duderstadt
03.10.2020
, 20:41
Das Göttinger Unternehmen Wohlwagen bietet ein Zuhause für Menschen, die unabhängig bleiben wollen. Das funktioniert – auch dank eines serienmäßig eingebauten Ofens.

Mobile Wohneinheiten wie die „Tiny Houses“ liegen im Trend. Auch das 2007 gegründete Unternehmen Wohlwagen aus Göttingen wächst stetig. Nach Angaben des Gründers Alex Borghorst ist man „Deutschlands größte Firma im Bereich der mobilen Wohneinheiten mit Fahrgestell“. Wohlwagen sind kleine mobile Häuser aus Holz.

Das Unternehmen entstand aus einer persönlichen Geschichte des Gründers in seiner Studentenzeit. Er lebte mit drei Studenten in einem Haus. Allerdings bot dieses nur Platz für drei Personen, und so wurde kurzerhand ein alter Zirkuswagen gekauft und zu einem weiteren Zimmer umgebaut. Dieser Wagen wurde mitgenommen, und Gäste wurden in ihm untergebracht. Diese seien begeistert gewesen, erzählt Borghorst.

Bis Ende März habe er knapp 120 Wagen verkauft und 2019 einen Umsatz von 2 Millionen Euro erzielt, berichtet der Unternehmer. Der Umsatz habe sich in den vergangenen drei Jahren verdoppelt. Die Preise für einen Wohlwagen beginnen bei 75 000 Euro. Das Unternehmen beschäftigt 27 Mitarbeiter, jeweils fünf bis sechs arbeiten an einem Wagen.

Gewinne nicht im Vordergrund

Sehr wichtig ist Borghorst der persönliche Kontakt mit den Kunden. Seine Arbeit bezeichnet er als erfüllend. „Man darf nicht vornehmlich auf Gewinne gucken.“ Die Mitarbeiter gestalten den Wagen ganz nach Kundenwunsch, nur die Modelle sind festgelegt. Denn es gebe Grenzen in der Statik.

Das Unternehmen verkauft sechs Modelle, vom M1 mit 25 Quadratmetern bis zum XXL mit bis zu 96 Quadratmetern, das auch Platz für Familien bietet. Das meistverkaufte Modell ist der M2 mit 29 Quadratmetern. Er habe zwei ausfahrbare Erker; das ermögliche einen abgetrennten Schlaf- und Arbeitsbereich.

Der Wagen gleiche einer Zweizimmerwohnung und könne durch die Angliederung eines kleineren Wagens noch erweitert werden, erklärt Borghorst. Für die Zukunft könne er sich auch die Herstellung von Hausbooten vorstellen. Allerdings gebe es in Deutschland einen Mangel an Wasserliegeplätzen.

Produktion in Polen hat Vorteile

Gebaut werden die Wagen in Polen, in der Nähe von Breslau und Posen; dort hat das Unternehmen zwei Werkstätten. Der Geschäftsführer nennt zwei große Vorteile der Produktion in Polen. Man könne sich zum einen in den polnischen Wäldern seine Bäume selbst aussuchen, und zum anderen gebe es viele gute Handwerker, die nicht so sehr auf einzelne Produkte spezialisiert seien wie in Deutschland. Sie könnten daher sehr flexibel unterschiedliche Einzelstücke herstellen.

Bis der Wohlwagen bei den Kunden steht, vergehen sieben bis zwölf Monate. Es gebe eine Wartezeit, weil es sich das Unternehmen nicht leisten könne, keinen Auftrag zu haben. Der Bau eines Wagens dauert nur vier Wochen, dann liefert ihn Borghorst an die Kunden aus. Er hat schon Wagen mit der Fähre nach Teneriffa gebracht und mit zwei Treckern in die Schweizer Berge. Am häufigsten werden die Wohlwagen aber auf kurzen Strecken hinter einem Lastwagen oder einem landwirtschaftlichen Schlepper transportiert.

Die Produktion besteht aus dem Fahrwerksbau – ihn führt ein anderer Betrieb durch, der fast ausschließlich für Wohlwagen arbeitet –, dem Fenster- und Türenbau, der Isolierung, der Möblierung und der vorherigen Trocknung des Holzes. Zudem müssen die Elektrik und die Anschlüsse für Wasser, Strom und Abwasser gelegt werden. Oft könne der Wagen einfach an die vorhandenen Leitungen und Netze angeschlossen werden. „Ansonsten können auch eigene Brunnen für die Wasserversorgung genutzt werden, oder es werden eigene Wärmepumpen oder Solaranlagen montiert“, sagt Borghorst.

Beratung zur Baugenehmigung

Man berät die Kunden zum Thema Baugenehmigung. „Es gibt kein Gesetz, welches das Baurecht ganz genau bestimmt. Das liegt daran, dass der Wohlwagen weder ein Bauwerk noch ein zulassungspflichtiges Fahrzeug ist“, erklärt Borghorst. Er empfiehlt seinen Kunden, das Vorhaben mit den Nachbarn abzusprechen. „Wenn dabei keine Probleme auftreten, gibt es auch mit der Baubehörde keine Probleme.“

Die Schwierigkeiten, die bisher aufgetreten seien, habe man in der Regel schnell und einfach beseitigt, indem der Wagen im Nachhinein genehmigt oder lediglich um ein paar Meter verschoben worden sei. In vielen Kommunen würden die Wohlwagen als Bauwerk eingeordnet und brauchten eine vereinfachte Baugenehmigung.

Die Wohlwagen sind den aus Amerika stammenden Tiny Houses sehr ähnlich. Tiny Houses sind nach Angaben der Internetseite tiny-houses.de bis zu 37 Quadratmeter groß. Sie sind maximal 3,5 Tonnen schwer, damit sie mit einem Fahrzeug auf der Straße gezogen werden können. Die Wohlwagen wiegen hingegen rund 8 Tonnen oder mehr. „Das Gewicht spielt bei uns eine untergeordnete Rolle. Die Wagen müssen stabil sein und aus gutem Material bestehen, damit sie langlebig und pflegeleicht sind“, erklärt Borghorst. Als Material verwendet man Lärche, Kiefer und junge Fichte.

Meistens Hauptwohnsitz

Die meisten Kunden nutzen den Wohlwagen als Hauptwohnsitz. Durch die Isolierung und einen serienmäßigen Ofen ist das auch bei kalten Temperaturen gut möglich. Die Kunden wohnen auf einem vor der Anschaffung des Wohlwagens gekauften Grundstück oder auf ihrem vorherigen Grundstück. Manche pachten auch ein Grundstück. Es leben Einzelpersonen sowie Paare mit einem und sogar mit mehreren Kindern in den kleinen Häusern.

Christine Runge wohnt seit zehn Jahren in ihrem Wohlwagen, nahe Lüneburg mitten im Wald auf einem eigenen Grundstück. Sie konnte sich damals nicht vorstellen, sich von 90 auf 28 Quadratmeter zu verkleinern. Das Modell mit 28 Quadratmetern war aber das einzige Modell des Unternehmens. So entstand auf ihren Wunsch das Modell XL mit 46 Quadratmetern. Sie habe damals nach etwas Mobilem gesucht, weil ein Arbeitsplatzwechsel bevorgestanden habe und sie nicht gewusst habe, wohin es sie in Deutschland noch ziehe, erklärt Runge. Sie hat ein Schlaf-, ein Ess- und ein Badezimmer sowie eine Küche, einen Arbeitsbereich und einen begehbaren Kleiderschrank.

Die Vorteile des neuen Wohnens beschreibt sie als „Befreiung, zum Beispiel von Klamotten, die man sowieso nie trägt“. Ihr Wunsch sei schon lange ein Garten gewesen, dieser sei nun ein bisschen größer. „Ich werde wahrscheinlich nie wieder wegziehen, dafür ist es hier einfach zu schön. Es ist ein Traum. Ich muss mich öfter mal zwicken.“

Der Artikel stammt aus dem Schülerprojekt „Jugend und Wirtschaft“, das die F.A.Z. gemeinsam mit dem Bundesverband deutscher Banken veranstaltet.

Quelle: F.A.Z.
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