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Wohnen in Frankfurter Altstadt

Nicht im Bademantel vor die Tür!

Von Rainer Schulze
 - 13:13
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Im Winter macht der Trubel in der neuen Frankfurter Altstadt eine Pause. Der Nieselregen fällt auf das Kopfsteinpflaster. Ein Stadtführer steht einsam vor dem Brunnen auf dem Hühnermarkt und wartet auf Kundschaft. Einige Touristen ziehen schon morgens um neun Uhr ihre Kreise. Vor einem Wirtshaus haben Handwerker ihre Maschinen aufgebaut. „Doch, doch, wir haben geöffnet“, sagt ein junger Mann und bittet hinein. Auch drinnen wird gewerkelt, die rustikale Gemütlichkeit, die der Betreiber mit viel Holz erzielen will, stellt sich noch nicht ein. Es wirkt alles zu unfertig und zu frisch.

Vor einem Dreivierteljahr wurde die Frankfurter Altstadt fertiggestellt. Etwas später, Ende September, feierte die Stadt zur Eröffnung eine große Party. Die neue Altstadt ist der Stolz der Stadt Frankfurt, sie soll ihr das Herz zurückgeben und an die lange Tradition als wichtige Handelsstadt erinnern. Auf einem fußballfeldgroßen Stück zwischen Dom und Römerberg sind 35 Häuser entstanden: 20 Neubauten und 15 Rekonstruktionen. Der alte Stadtgrundriss mit seinen engen Gassen und kleinen Plätzen wurde weitgehend wiederhergestellt. Das kommt allgemein gut an. Aber bewährt sich die Altstadt auch im Alltag?

Ein „Disneyland für Touristen“

Es ist November, als sich der Dom-Römer-Ausschuss mit den Klagen der ersten Bewohner beschäftigen muss. Sie sind in großer Zahl erschienen und machen ihrem Ärger Luft. Schnell fahrende Straßenbahnen vor der Haustür, sich hinziehende Reparaturen, aber vor allem die Touristenführer mit ihren Megaphonen gehen ihnen auf die Nerven. Die Stadt müsse sich entscheiden, meint ein Mann, der eine der rund 70 Wohnungen gekauft hat: Soll die Altstadt ein normales Wohnviertel werden oder ein Disneyland für Besucher?

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Mit der Drohne über Frankfurts neue Altstadt

Da ist es wieder, das beliebte Totschlagargument. Ein „Disneyland für Touristen“, die durch eine künstlich anmutende Kulissenlandschaft schlendern, das könne doch niemand wollen. Und das will die Stadt auch nicht. Sie hat einige Mühe darauf verwendet, dass ein wohnliches und im positiven Sinne normales Stadtquartier entsteht. Das beginnt bei einer Gestaltungssatzung für die aufwendig geplanten Gebäude und endet bei der Nutzung der Erdgeschosse.

Die neue Altstadt wird einige Jahre brauchen, bis sie Patina ansetzt. Den Vergleich zu anderen, unzerstörten Altstädten muss sie daher scheuen. Der Vergleich hinkt ohnehin: Denn diese Altstädte sind historisch gewachsene, authentische Gebilde. Die Frankfurter Altstadt hingegen ist eine Mischung aus Alt und Neu. Andererseits hat Frankfurts Altstadt den Fußgängerzonen von Stralsund bis Freiburg sogar etwas voraus: Anders als dort prägen nicht Filialen von H&M, Kik, Rossmann und Penny die Straßen.

Noch nicht alle Geschäfte und Lokale geöffnet

Das liegt an einer klugen Entscheidung. Anders als ursprünglich geplant hat die Stadt die Altstadthäuser nämlich nicht komplett veräußert, sondern ist Teileigentümerin geblieben. Nicht alle, aber doch die meisten Gewerbeflächen in der Altstadt sind in städtischer Hand. Damit entscheidet die Stadt, wer diese Flächen bespielt. Und sie behält das Heft in der Hand.

Diese Entscheidung ist für die Altstadt ein „Joker“. Denn hätte die Stadt die Flächen vergeben, wäre es auch zwischen Dom und Römer so wie überall: Wer die höchsten Mietpreise zahlt, bekommt den Zuschlag. Das sind in der Regel nicht die kleinen, charmanten und individuellen Geschäfte, sondern die Filialisten. In der Altstadt wären dann sicherlich nicht Kunsthandwerker, Blumenhändler und Spielzeugverkäufer zum Zug gekommen, sondern Souvenirläden und Einzelhandelsketten. Auch am Frankfurter Krönungsweg wäre der übliche, austauschbare Ramsch zu haben gewesen, der in sämtlichen deutschen Fußgängerzonen eine solche Tristesse ausstrahlt, dass sich das Verreisen bald schon gar nicht mehr lohnt, weil man die Geschäfte und ihr Angebot ja ohnehin schon aus der eigenen Innenstadt kennt. Viele Städte wünschen sich einen Hebel, um das Angebot der Läden zu beeinflussen und somit die Attraktivität ihrer Innenstädte zu steigern. Aber sie haben ihn nicht.

In der Frankfurter Altstadt ist das anders. Die Stadt steht hier selbst am Steuer. Man muss sich das ungefähr wie in einem großen Einkaufszentrum vorstellen: An der Spitze sitzt ein Centermanager, der nach bewährten Kriterien die Flächen vermietet. Wie ein guter „Mix“ über den Erfolg des Einkaufszentrums entscheidet, bringt die gelungene Mischung an Geschäften auch Vielfalt in die Altstadt. Natürlich spielen auch Architektur und Städtebau eine wichtige Rolle. Aber die Prägung der Erdgeschosse trägt doch entscheidend zum Flair der Altstadt bei.

In Frankfurt sind noch nicht alle Geschäfte und Lokale geöffnet. Aber doch die meisten. Außerdem wird es in der Altstadt drei Museen geben. Eines beschäftigt sich mit dem Lokaldichter Friedrich Stoltze, eines widmet sich dem prächtigen Fachwerkhaus „Goldene Waage“ und ein drittes, das „Struwwelpeter-Museum“, zielt auf Kinder ab. Aber der Ausbau zieht sich hin. Vor dem Sommer ist kaum mit einer Eröffnung zu rechnen.

„Dessous brauche ich eher selten“

Mittlerweile zeichnet sich ab, welche Angebote in der Altstadt funktionieren und welche nicht. Dessous finden keinen reißenden Absatz. Eher mäßig besucht wirkt auch das Reformhaus, aber das hat wohl auch mit einer Baustelle vor der Tür und der unauffälligen Einrichtung des Geschäfts zu tun. Der Friseur und der Blumenladen laufen jedoch gut, ein Spielwarengeschäft findet auch Kundschaft, die Apotheke ebenfalls. Auch Töpferwaren und andere Geschenke sind beliebt. Gut laufen auch die Restaurants, Cafés und Kneipen, wenn sie eine zündende Idee haben: Eine Bar bietet zum Beispiel „Original Frankfurter Krönungswurst“ an. Auch bei der Gastronomie hat die Stadt übrigens auf Filialisten verzichtet: Statt an Ketten wie „Café Extrablatt“ oder „Alex“ vermietet sie lieber an eine Weinbar.

Die Bewohner der Altstadt sind allerdings kaum die primäre Zielgruppe der Geschäfte und Restaurants. „Dessous brauche ich eher selten“, sagt August Heuser und lacht. Er ist in eines der Altstadthäuser gezogen und vermisst vor allem Dinge des täglichen Bedarfs. „Einen Bäcker zum Beispiel oder einen Zeitungskiosk.“

„Das kommt noch“, brummt Michael Guntersdorf. Der Geschäftsführer der städtischen Dom-Römer GmbH ist für den Bau der Altstadt zuständig und auch für deren Vermietung. Ein Bäcker soll noch einziehen, und ein Zeitungskiosk ist ebenfalls geplant. Sorge machen Guntersdorf eher Geschäfte, die anderes anbieten als verabredet. Statt Antiquitäten zum Beispiel billige Second-Hand-Ware.

Erst 40 der rund 140 Bewohner in die Altstadt eingezogen

Und die Touristen? Die nerven im Winter zwar weniger als im Sommer. Einige tausend am Tag sind es dennoch. „Man gewöhnt sich dran“, sagt Heuser, der zu seinem Leidwesen aber beobachtet, dass immer mehr Straßenmusikanten kleine Verstärker mitbringen. Andererseits weiß er auch, dass man nicht sozusagen nach Venedig ziehen und sich dann über Reisegruppen beschweren kann: „Wir wussten, was auf uns zukommt. Man kann hier sehr gut leben, ich fühle mich wohl.“

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Ob die Altstadt ein beliebtes Wohnviertel wird, lässt sich noch nicht sagen. Heuser schätzt, dass erst 40 der rund 140 Bewohner in die Altstadt eingezogen sind. Guntersdorf meint, dass schon die Hälfte der Wohnungen bezogen ist. Wer in der Altstadt eine Wohnung erworben hat, hat sein Geld jedenfalls gut angelegt. Einige Käufer vermieten ihre Wohnungen weiter, zum Teil für horrende Summen. Neulich wurde eine 100 Quadratmeter große Wohnung für 2450 Euro Miete angeboten. „Das ist schon mordsviel Geld“, meint Heuser.

Er hat sich an den Trubel in seinem Viertel gewöhnt und passt seinen Schritt dem Schlender-Tempo der Passanten an. In Jogginghose traut er sich allerdings nicht aus dem Haus. „Hier steht man gleich sehr im öffentlichen Raum. Ich habe immer das Gefühl, ich unterbreche deren Urlaubsstimmung, wenn ich den Müll runterbringe. Das macht man lieber nicht im Bademantel.“

Quelle: F.A.S.
Rainer Schulze
Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.
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