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Zimmerpflanzen

Geliebt, verpönt und wiederentdeckt

Von Christa Hasselhorst
 - 12:52
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Gestern noch altmodisch, heute hip: Monstera, Sansevieria und Aspidistra heißen die derzeitigen Superstars. Im Daheim des „Schöner Wohnen“-Mittelstands paradieren die Zimmerpflanzen ebenso wie in den Lobbys von Boutique-Hotels und stylischen Lounges. Wie bitte, Fensterblatt, Bogenhanf und Schusterpalme, so die deutschen Namen? Ja! Vor allem der Hype um die exotische Monstera mit ihren großen gelappten Blättern, glänzend grün wie gelackt, ist schlicht irre, sie und ihre Verwandten sind zum kultigen Designobjekt nobilitiert.

Kurios, galten Zimmerpflanzen doch lange als das Symbol des Spießbürgers schlechthin, als vor sich hin kümmernde Staubfänger, die falsch oder gar nicht gepflegt von Plastikpflanzen manchmal kaum zu unterscheiden waren. Jetzt feiern sie in ihrer ganzen oft dschungelartigen, bizarren, skurrilen Pracht eine wundersame Wiederkehr.

Da kichern die Kinder der fünfziger Jahre belustigt: Ach, alles schon einmal dagewesen. Damals waren Paraden von Topfpflanzen drinnen der Hit in den Panoramafenstern der Einfamilienhäuser der Wirtschaftswunderzeit. Sie zeugten vom kleinen Luxus, schließlich hatte man Zentralheizung und konnte sich große Fenster leisten. Gläserne Präsentierteller, geschmückt mit wildem Grünzeug-Mix, je exotischer, desto eindrucksvoller, gab es auf einmal günstig im Gartencenter. Man erinnert sich – in einer Mischung aus Grausen und Melancholie – an dieses monströs wuchernde Pflanzen-Potpourri: Alpenveilchen, Christusdorn und Grünlilie, auch Spinne genannt, dazu Clivie, Grünspargel, Dieffenbachia mit den grün-weiß gesprenkelten oder marmorierten Blättern, über allem rankten die Girlanden der Efeutute.

In den sechziger und siebziger Jahren eroberten Drachenbaum und Birkenfeige (Ficus benjamina) Innenräume aller Art. Keine Zahnarztpraxen, Sparkassen-Entrees und Büroräume ohne sie. Mediterranes Flair verbreitete dazu der Gummibaum, aparte Zierde neben Nierentisch und Tütenlampe, ebenso wie die Yucca-Palme. Extrem beliebt, weil unkaputtbar und robust war die Schusterpalme, das Ideal einer Büropflanze, weil sie selbst schwerste Vernachlässigung überstand. Im modernen Bad setzten Zyperngras, Bubikopf und Farn aparte Akzente, Letzterer ausquartiert aus dem Gründerzeit-Wohnraum der Jahrhundertwende.

Wie alles im Leben sind auch Pflanzen Moden unterworfen, Zimmerpflanzen ebenso. Sie spielen allerdings eine besondere Rolle in der facettenreichen und jahrhundertealten Beziehung zwischen Mensch und Pflanzen. Wann traf die Pflanze auf das Zimmer? „Im Biedermeier gab es die ersten Topfpflanzen in Innenräumen“, sagt Patricia Rahemipour. Sie hat gemeinsam mit ihrer Mitarbeiterin Kathrin Grotz das Phänomen Zimmerpflanze erforscht. „Geliebt, gegossen, vergessen“ lautet ihre Hommage in einer originellen wie lehrreichen Ausstellung im Botanischen Museum in Berlin-Dahlem, dessen Leiterin Rahemipour ist. Dort werden 50 Zimmerpflanzen aus rund 150 Jahren auf „Berlins längster Fensterbank“ präsentiert. „Im 18. und 19. Jahrhundert nannte man tropische Gewächse ,Ofenpflanzen‘, denn sie überlebten in Zimmern nur in Ofennähe, subtropische bevölkerten dagegen die Fensterbänke“, sagt Rahemipour. Damals herrschten noch wesentlich kühlere Temperaturen in den Wohnungen.

„Die älteste Zimmerpflanze war der mediterrane Myrtenbaum, eine Hochzeitsblume. Sie stand im 18. Jahrhundert in jedem deutschen Haushalt, die junge Ehefrau pflanzte einen Ableger des Brautkranzes in einen Topf als Symbol für beständiges Eheglück.“ Später kamen die Kamelie aus China, dann die aus Südafrika stammende Clivie hinzu.

Viele botanische Magazine zeigten die damals noch kostbaren Zimmerpflanzen. Manchmal wurden sie deshalb nur ausgeliehen, denn Pflanzen dienten vor allem als Schmuck. Mit dem späten 19. Jahrhundert waren Zimmerpflanzen auf einmal heißbegehrt, denn sie wurden zum bürgerlichen Statussymbol. Mit ihnen konnte die Dame des Hauses subtil demonstrieren, dass sie erstens Zeit hatte, um sich diesem exklusiven Hobby zu widmen, und obendrein das botanische Wissen durch entsprechende Literatur besaß.

Vor allem eine Pflanze eroberte die mit Möbeln vollgestopften, mit dichten Vorhängen vom Tageslicht abgeschirmten Wohnräume des viktorianischen Zeitalters: der Farn. Seit die Briten ab 1830 im „Fearn Fever“ waren, Miniatur-Farn-Schluchten in ihren Gärten anlegten und spezielle Bücher wie das „Handbook of British Fearn“ erschienen, sprang die Faszination für diese uralte botanische Pflanze von der Insel auf den Kontinent, vom Garten ins Haus. Riesige Exemplare prangten auf Etageren und eigens angefertigten Jardinieren neben den Sofas, verbreiteten fremdländisches Flair. Dazu gesellten sich die Fächerwedel ausladender Palmen.

Auch die Yucca-Palme, im 17. Jahrhundert noch kostbare Rarität im Wintergarten oder Gewächshaus, krönte nun großbürgerliche Wohnzimmer. Eine andere einst exklusive Diva verkam derweil zur Massenware: Die Kamelie, anfangs eine Rarität, wurde von der Orchidee abgelöst. Diese entwickelte sich zum Klassiker – ungebrochen beliebt bis heute. „Zimmerpflanzen sind unsere täglichen Begleiter, duldsame Mitbewohner, stumme Zeugen unseres Lebensgefühls“, erinnert Rahemipour an ihren sozialen wie psychologischen Stellenwert. „Es sind Gewächse, die nicht nur unsere Innenräume, sondern auch unser Innenleben spiegeln.“ Zeige mir deine Zimmerpflanze, und ich sage dir, wer du bist? Die zwei Expertinnen lächeln und schweigen. Verweisen auf die Bauhaus-Ära, in der Zimmerpflanzen tabu waren. „Von Walter Gropius gibt es ein Bild mit einem einzigen Kaktus!“, sagt Grotz lachend. Bei diesem Stil sei die Natur innen negiert worden, „allenfalls große Vasen mit Schnittblumen waren erlaubt“.

Kakteen als stumme Mitbewohner verewigte schon Carl Spitzweg im Biedermeier. Sein berühmtes Porträt eines Kaktusfreundes, der versonnen die auf seiner Fensterbank aufgereihte Sammlung betrachtet, ist für die Kuratorinnen „Beleg für die lange Tradition der Kakteensammlungen in Deutschland“. Sie kamen übrigens nie so ganz aus der Mode. 1934 machten die Comedian Harmonists mit „Mein kleiner grüner Kaktus“ (auch wenn der draußen am Balkon stand) den Schlager samt Kaktus zum Bestseller. Kakteen sind heute vor allem bei Kosmopoliten, die dauernd unterwegs sind, Favoriten, werden zum Stillleben arrangiert. Dabei sind längst nicht alle Kakteen wirklich pflegeleicht.

Denn alle Pflanzen sind lebendige Wesen, benötigen auch drinnen Pflege, Wasser, Zuwendung. Zimmerpflanzen kommen heute aus der ganzen Welt, viele von ihnen aus dem südafrikanischen Kapland, und sind für jeden erschwingliche, oft billig produzierte Massenprodukte. Stellt der Mensch zu diesen Gebrauchsobjekten überhaupt noch eine Verbindung her? „Es geht uns auch um die Beziehung und Haltung des Menschen zur Pflanze. Begreift er sie als reines Dekorationsobjekt, Gebrauchsgegenstand oder Statussymbol?“, fragt Rahemipour.

Grünlilie und Gummibaum sind mittlerweile wieder hip

Soll sich jeder selbst seinen Reim auf die Wechselwirkung zwischen Mensch und Topfpflanze machen. Ist jemand altmodisch oder hip, der einen Gummibaum besitzt? Schreckgespenst und Büro-Allzweckwaffe in den siebziger und achtziger Jahren, danach total verpönt, ist er heute längst wieder rehabilitiert dank grünem Retro-Chic. Ebenso wie die Grünlilie, aus Afrika stammendes Spargelgewächs und Bürgers Liebling des 19. Jahrhunderts.

Hobby-Botaniker Geheimrat Goethe war fasziniert von ihr, weil sie eine Lebendteilung hat, er sandte unzählige Ableger an Freunde. Vor Jahrzehnten galt sie, robust und pflegeleicht, unter dem Spitznamen „Beamtengras“ als die unverwüstliche Büropflanze schlechthin. Heute steht sie auf jedem Bistro-Tischchen, vielleicht auch weil sie anerkanntermaßen zur Luftverbesserung beiträgt.

In Paris (Leaf), Amsterdam (Wildernis), Berlin (The Botanical Room) und Hamburg (Plant Station) gibt es mittlerweile Läden speziell für Zimmerpflanzen, in sozialen Medien wie „Urban jungle bloggers“ tauschen sich junge Fans der alten Pflanzen begeistert über ihre Leidenschaft aus, stillen ihre Sehnsucht nach einem Quantum Natur in ihren vier Wänden und gehen völlig unbelastet an Omas Grünzeug heran.

Darum sorgt auch die Flamingoblume (Anthurie), jene apart-exzentrische Erscheinung aus tropischen Regenwäldern, abermals für Furore. Aus sattgrünen Blättern prangen herzförmige Hochblätter, fälschlicherweise als Blüten bezeichnet, mittendrin als eigentliche Blüte ein spitzer Kolben. Je nach Art weiß oder orange changierend, explodiert sie geradezu vor Erotik mit flammend roten Hochblättern. Früher wurde die Flamingoblume „Schweineschwänzchen“ genannt, „im Ruhrgebiet ,Pimmelblume‘“, grinst Rahemipour, „und in der DDR wurde sie so gezogen, dass sie ausgerechnet zum Frauentag blühte!“.

Heute ziert sie als exaltierte Dekoration in üppigen Bouquets oder als Solistin in dezenter Vase die stylischen Restaurants der Metropolen und das luxuriöse Ambiente der Upper Class. Der Fotograf Robert Mapplethorpe stilisierte sie in Schwarzweiß zum rätselhaften Sujet, die Malerin Georgia O’Keeffe, „Mutter der amerikanischen Moderne“, war ebenso von ihr fasziniert wie die Deutsche Elvira Bach. Wer weiß, welche Topfblume demnächst zum Kultobjekt erkoren wird? Kathrin Grotz hat zumindest schon einmal eine Idee: „Das Alpenveilchen!“

„Geliebt, Gegossen, Vergessen“, Botanisches Museum Berlin, bis 2. Juni 2019

Quelle: F.A.S.
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