Kolumne Hütten und Paläste

Vom Reiz die Nachbarn zu beobachten

Von Anne-Christin Sievers
09.08.2021
, 10:04
Was gibt’s denn da zu sehen?
Die bodentiefen Fenster laden zum Hinschauen ein. Auf diese Weise kommt man seinen Nachbarn ungeahnt nahe.
ANZEIGE

Wer in einem modernen Mehrfamilienhaus lebt, so einem mit großer Glasfront im Wohnzimmer und bodentiefen Fenstern, der weiß, dass das Leben darin bisweilen dem von Zootieren im Glaskäfig gleichkommt. Das ist nicht jedermanns Sache, weshalb manche die Raffstores bis zum Anschlag runterfahren, die Vorhänge zuziehen und sich im Dunkeln verschanzen. Doch was die einen stört, übt auf die anderen einen besonderen Reiz aus: Sie schauen gerne zu.

So ging es Frau R., die mitten im Lockdown zu Hause mit Kleinkind ob der Eintönigkeit des Pandemiealltags langsam einen Rappel bekam. Zum Glück wohnte im Haus gegenüber Lena mit ihren drei Katzen. Wenn Mutter und Tochter beim Essen saßen, sahen sie zu, wie Kasimir, so hatten sie die Getigerte genannt, und seine Gefährten über Esstisch, Sofa und Katzenbaum sprangen.

Doch auch Lena und ihren Freund zu beobachten vertrieb die Zeit und bot Anlass für Spekulationen: Lena studierte bestimmt auf Lehramt, sie hatte eine so liebe Ausstrahlung, fand Frau R. Den Freund, einen blonden Hünen mit zurückgegelten Haaren, hielt sie trotz seines legeren Auftretens in Jogginghose und Hoodie eher für einen Jurastudenten. Ob das wohl eine Verbindung fürs Leben war? Und wie konnte sich das junge Pärchen eine solche Wohnung leisten, samt der exorbitanten Terrasse, die sie wie im Einrichtungskatalog mit großzügiger Chill-Lounge, riesigem Esstisch, Hängesessel und Profigrill ausgestattet hatten? War Lena vielleicht doch Influencerin oder Modebloggerin? Immerhin erschien sie, sobald der erste Sonnenstrahl lockte, fast täglich in einem neuen Outfit auf der Terrasse, warf die brünette Mähne zurück und drapierte sich für Selfies auf dem Outdoor-Sofa.

ANZEIGE

Teilhaben am Leben der anderen

Manchmal kam eine Freundin zum Kochen vorbei, seltener gab es einen Pärchenabend, meistens aber saßen Lenas Freund und seine bis zu sechs (!) Kumpels im Wohnzimmer und zockten Playstation, standen mit Bier am Grill und drehten die Musik laut auf. Und in die Entrüstung über die Corona-Partys mischte sich bei Frau R. eine heimliche Freude darüber, dass gegenüber wenigstens ein paar stellvertretend für alle etwas Spaß hatten – und dass sie daran teilhaben konnte, vielleicht weil ihr eigenes Leben etwas leer geworden war. Sie beruhigte es, dass die anderen da waren, und sie fühlte sich ein bisschen weniger allein.

ANZEIGE

Gestern traf Frau R. Lena in der Tiefgarage: „Tschüss, wir ziehen aus“, sagte die junge Nachbarin. „Oh nein“, dachte Frau R. „Alles Gute“, sagte sie, und obwohl sie sich gar nicht kannten, war Frau R. traurig. Doch bald schon hielt ein Umzugswagen vorm Haus, Kisten wurden ausgepackt, neue Nachbarn zogen ein – ohne Vorhänge. Frau R.s Stimmung hellte sich auf. „Na, da haben Sie ja wieder was zu gucken“, rief Frau W. ihr vom Nachbarbalkon aus zu. Ertappt!

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Sievers Anne
Anne-Christin Sievers
Redakteurin im Ressort „Wohnen“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot
Kapitalanalge
Erzielen Sie bis zu 5% Rendite
Sprachkurse
Lernen Sie Englisch
Immobilienbewertung
Verkaufen Sie zum Höchstpreis
Zertifikate
Ihre Weiterbildung im Projektmanagement
ANZEIGE