Lehren aus der Corona-Krise

Die Stadt braucht Dichte

Von Christoph Mäckler
Aktualisiert am 13.05.2020
 - 11:03
Gründerzeitviertel mit Dichte: der Münchner Gärtnerplatz
Die Erfahrung sozialer Isolation durch die Pandemie hat es gezeigt: Die belebten Straßen und Plätze der Gründerzeitquartiere fördern den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Für den Neubau haben wir daraus nichts gelernt. Ein Gastbeitrag.

Es gibt in der europäischen Stadt Viertel, die besonders beliebt sind. In Frankfurt am Main sind es das Nordend, Sachsenhausen oder Bornheim, in Berlin sind es Charlottenburg oder Mitte, in München ist es das Gärtnerplatzviertel und in Freiburg der Stühlinger.

Alle diese Stadtviertel sind angemessen eng bebaut, und sie haben eine, wie es im Planer-Jargon heißt, hohe städtische Dichte. Viele Planer halten städtisch kompakte Bauweisen noch immer für nicht zeitgemäß, was unter anderem zur Folge hat, dass solche Stadtviertel trotz ihrer Beliebtheit nicht neu gebaut werden. Der wohnungssuchende Bürger dagegen liebt diese gründerzeitlichen Bebauungen des 19. Jahrhunderts mit ihrer Einwohnerdichte und der Vielfalt ihrer Straßenräume, Plätze und Wohnhöfe, in denen städtisches Leben erfahrbar wird.

Hier eine Wohnung zu finden ist besonders schwer, weil diese Stadtviertel die begehrtesten Wohnorte in unseren Städten überhaupt sind. Hier eine Wohnung bezahlen zu können, ist auch nicht leicht, weil die Beliebtheit auf dem freien Wohnungsmarkt oft zu hohen Mietpreisen führt. Diese Tatsache verdeutlicht die gesellschaftlich anerkannte Qualität dieser Stadtteile. Sie geht mit städtischer Dichte und dem damit verbundenen Gefühl, in wohlproportionierten, lebendigen Straßen- und Platzräumen ein Zuhause gefunden zu haben, einher. Es ist das Zuhause eines Miteinanders, wie wir es in diesen Pandemiezeiten so eindrücklich erleben.

Raum entsteht nur dort, wo Häuser eng beieinander stehen

Aber wie unterscheidet sich die städtische Dichte dieser Stadtteile von einem Neubauviertel der vergangenen Jahrzehnte? Die Frage ist leicht zu beantworten: Ein Quartier mit neuen Geschosswohnungen bietet uns auf der gleichen Grundstücksgröße oft nicht einmal die Hälfte der Bebauungsdichte, wie wir sie in unseren Städten gewohnt sind. Raum entsteht nur dort, wo die Häuser der Stadt dicht beieinanderstehen und mit ihren Außenwänden, ihren „Straßenfassaden“ die Straße als Raum bilden. Diese Räume sind die „Wohnräume“ der Stadt, die wir in unseren Neubaugebieten so sträflich außer Acht lassen.

Vergleicht man den Plan eines Wohnviertels unserer Zeit, wie es sich in allen Teilen Deutschlands findet, mit dem Plan eines 150 Jahre älteren Stadtteils, so ist der Unterschied schon auf den ersten Blick erkennbar: hier die lockere Hauszeilenbebauung, die keine städtische Dichte hat und damit keinen Straßenraum einfassen kann, dort das Gründerzeitviertel mit Hofbebauung in normaler städtischer Dichte, die Straßen- und Platzräume hervorbringt. Versucht man die beiden so unterschiedlichen Bauweisen inhaltlich miteinander zu vergleichen, so ergeben sich drei wesentliche Unterschiede, die sich in sozialen, ökologischen und ökonomischen Grundlagen unseres Städtebaus wiederfinden.

Bebauungen, die keine Dichte und damit keinen städtischen Raum aufweisen, führen grundsätzlich zum Flächenfraß und zu weitreichender Versiegelung unserer Böden. Sie erzeugen unnötigen Verkehr und die damit verbundenen allmorgendlichen Staus. Sie widersprechen in erheblichem Maße der notwendigen Energieeinsparung und führen zur Verteuerung der Mieten, weil der teure Grund und Boden in einer lockeren Bauweise verschwendet wird. All das ist in der Diskussion um modernen Städtebau unwidersprochen, und man fragt sich, warum wir an dieser Bauweise trotzdem festhalten.

In Neubaugebieten verkümmert der soziale Zusammenhalt

Lässt man diese Argumente aber beiseite, so ist das wirklich Tragische an dieser aufgelockerten Bebauung vor allem die Verödung des sozialen Zusammenhalts unserer Gesellschaft. In den Neubaugebieten, ohne den so notwendigen öffentlichen Raum von Straße und Platz, verkümmert der soziale Zusammenhalt. Obwohl dies mit Händen zu greifen ist, scheint die bundesdeutsche „Heimatpolitik“ dies nicht zu realisieren. Nicht einmal die hessischen Grünen scheinen den Zusammenhang von Dichte und sozialem Zusammenhalt zu realisieren, obwohl sie zumindest in Frankfurt überwiegend in den dichtbebauten Gründerzeitvierteln und nicht im Neubauviertel wohnen. Und natürlich tut dies auch die überwiegende Zahl der Planer, die sich nach wie vor vehement für lockere Bauweisen starkmachen und eine Änderung der bundesdeutschen Baugesetze zu verhindern suchen. Auch sie lieben die „Stadt der kurzen Wege“ und ziehen diese unseren Neubauvierteln vor.

Die Erfahrung sozialer Isolation durch die Pandemie hat in den vergangenen Wochen noch einmal verdeutlicht, wie wichtig der öffentliche Straßen- und Platzraum der Städte für den sozialen Zusammenhalt unserer Gesellschaft ist. In den Medien war von dem „seltenen Moment des Miteinanders“ die Rede, der seinen Ausdruck im gemeinsamen Singen und Händeklatschen an den geöffneten Fenstern in den Straßenräumen der Städte gefunden hat.

Konnte man das in unseren Neubauvierteln erleben? Nein, denn diese locker bebauten Viertel kennen keinen gefassten Straßenraum, der zur Bühne für seine Bewohner werden könnte. Das Zuhause im Neubauviertel findet im eigenen Wohnzimmer, nicht aber im öffentlichen Straßenraum statt, da es diesen hier nicht gibt.

Wer dagegen das Fenster zur Straße in einem 150 Jahre alten Stadtteil öffnet, und dies hat die Corona-Krise der vergangenen Wochen noch einmal besonders verdeutlicht, kann am Leben „seiner Straße“teilnehmen. Die Straße wird das Zuhause, im dichtbebauten Stadtviertel wird der Straßenraum zum Wohnraum.

Wir müssen verstehen, dass eine der grundlegenden Voraussetzungen für das Funktionieren eines lebendigen Stadtviertels seine hohe Einwohnerdichte ist. Die heute üblichen Nutzungsdichten müssten wenigstens verdoppelt werden, weil nur so ein soziales Zusammenleben befördert wird.

Gleichzeitig kann auch nur so die Ansiedlung gewerblicher Nutzungen gelingen, weil das wirtschaftliche Funktionieren eines Ladens in erheblichem Maße von der Einwohnerzahl eines Viertels abhängig ist. Wie will man ein Café führen, wenn es zu wenige Einwohner gibt?

Trotzdem wird der Begriff der Dichte mit ungesunden Wohnverhältnissen, dunklen Hinterhöfen und Enge in Verbindung gebracht. Dass dies so nicht richtig ist, beweist die Tatsache, dass diese Gründerzeitviertel in unseren Städten heute durchweg die beliebtesten Wohngebiete darstellen. So finden sich in Hamburg Gründerzeitgebiete, die eine zwei- bis dreifach höhere Geschossflächenzahl gegenüber den zulässigen Höchstwerten der Baunutzungsverordnung aufweisen.

Dichtgebaute Stadt der kurzen Wege

Es ist zudem ein weitverbreiteter Irrglaube, dass städtische Dichte nur in Großstädten und nur in deren innerstädtischen Lagen benötigt wird. Auch kleinere Städte, wie beispielsweise Münster, Dresden oder Freiburg mit ihren drei- bis viergeschossigen Häusern, benötigen in ihren Neubaugebieten städtische Dichte.

Eines der beliebtesten Stadtviertel in Freiburg beispielsweise ist der „Stühlinger“, der im Inneren eines jeden Blocks dicht bebaut ist und dabei eine hohe Mischnutzung aufweist. Betrachtet man diese Bebauung mit ihren Hofhäusern und vergleicht sie mit den Zeilenbauten heutiger Stadtquartiere, so wird deren Ödnis überaus deutlich.

Der heutige Zeilenbau, dessen geringe Dichte und stadträumliche Zusammenhanglosigkeit das Zusammenleben seiner Bewohner anonymisiert, muss aufgegeben werden. Er muss durch städtische Haustypen, von denen der Städtebau der europäischen Stadt geprägt ist, durch Hof- und Flügelhäuser, die eine deutlich höhere Dichte aufweisen, ersetzt werden. Anders als die kastenförmigen Zeilenbauten unserer Zeit haben gründerzeitliche Häuser rückwärtige Anbauten, die einen Hofraum bilden, der von den Hausbewohnern als Erweiterung der eigenen Wohnung genutzt wird und das soziale Miteinander fördert.

Dichte ist kein Wert an sich, sondern muss mit sozialer und funktionaler Vielfalt und städtebaulich gefassten, qualitätsvollen Straßen- und Platzräumen einhergehen. Die dichtgebaute „Stadt der kurzen Wege“, wie sie in der Gründerzeit zu finden ist, führt auf ihren Plätzen und in ihren Wohnhöfen zu Sozialkontakten, die man in der flächenfressenden Weite unserer Neubaugebiete künstlich versucht mit „Bürgertreffs“ und der Organisation eines „Stadtteilmanagements“ herzustellen.

Wäre es nicht eine groteske Vorstellung, wenn wir ein Stadtteilmanagement in Charlottenburg oder im Frankfurter Nordend installieren müssten? Und zeigt uns nicht erst dieser Gedanke, welche Bedeutung das Zusammenleben von Menschen in einem dichtbewohnten Stadtraum hat?

Dass man die dichte europäische Stadt in der bundesdeutschen Gesetzgebung der sechziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts zugunsten der Ideologie einer aufgelockerten und durchgrünten Stadt aufgegeben hat, ist ein tragischer Fehler der Städtebaus, der zu einer Anonymisierung in den Neubaugebieten führte, die unserer demokratischen Gesellschaft noch heute erheblichen Schaden zufügt, ohne dass uns dies so richtig bewusst wäre.

In der vom Deutschen Institut für Stadtbaukunst im vergangenen Mai veröffentlichten „Düsseldorfer Erklärung zum Städtebaurecht“ wird unter anderem auch der Entfall der Dichte-Obergrenzen der Baunutzungsverordnung gefordert (F.A.Z. vom 7.5.2019). Die Erklärung wurde bis heute unter anderem von mehr als hundert Baubürgermeistern, Planungsdezernenten und Planungsamtsleitern aus ganz Deutschland unterzeichnet. Diese überdeutliche Willensbekundung der verantwortlichen Planer unserer Städte, die Gesetze endlich zu ändern, und die Erfahrung des sozialen Zusammenhalts der vergangenen Wochen gibt uns die Hoffnung, dass wir uns in der Planung der Stadt endlich auf die beliebten Viertel der europäischen Stadt besinnen. Ein schnelles Umdenken der Politik und der Menschen ist möglich. Das haben die vergangenen Wochen bewiesen.

Christoph Mäckler ist Architekt und Stadtplaner und Direktor des Deutschen Instituts für Stadtbaukunst in Frankfurt.

Quelle: F.A.S.
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