Lenzrosen

Auftritt der Frühjahrskönigin

Von Christa Hasselhorst
03.03.2021
, 13:47
Die Lenzrose sieht zwar aus wie eine Diva, ist aber erstaunlich robust. Das ist längst nicht ihr einziger Vorzug.

Momentan mildert eine Ouvertüre von tapfer blühenden kleinen Schönheiten – Winterlinge und Schneeglöckchen – die Sehnsucht auf das Frühjahr. Danach tritt die Königin der Frühblüher auf: die Lenzrose. Sie ist der neue Superstar im Garten, die Schar ihrer Fans wächst ständig. Dafür sorgen vor allem ihre positiven Eigenschaften wie anmutige Blüten in pastelligen bis kraftvollen Farben und wintergrünes, attraktives Laub. Zudem wirkt sie zwar wie eine Diva, ist in Wahrheit aber ein robustes Landei und kein bisschen zimperlich. Ihre Vielfalt und zarte Schönheit macht die attraktive Lenzrose immer begehrter. Nicht zu verwechseln ist sie mit der verwandten Christrose (Helleborus niger), die, wie der Name sagt, meist im Dezember und Januar blüht.

Die unkompliziertere Lenzrose ist eine von rund fünfundzwanzig Wildarten der Gattung Helleborus, die zu den Hahnenfußgewächsen gehört. Während die Blüten der Christrose seitlich abstehen, wippen die Blütenschalen der Lenzrose (Helleborus orientalis) wie kleine Schirme oder Glocken nach unten. Ein toller Trick der Natur, der vor Regen schützt. Man muss sich zu ihr hinabbeugen, um die einzelnen Blüten zu bewundern. Es sind hauchzarte Kelche, die ungefüllt ebenso bezaubern wie halb oder ganz gefüllt. Manche ungefüllte Blüten ähneln einer Anemone, dicht gefüllte wirken wie winzige Rosen. Die einen haben runde Blätter, andere wiederum spitz zulaufende. Das Spektrum der Farben reicht von reinem Weiß über Gelb, Apricot, Rosa, Bordeaux, Grün bis zu Graublau. Und stets glänzt in der Mitte ein goldgelbes Staubgefäß, das erhöht bei Blüten in tiefem Purpur, kräftigem Rosé, elegantem Weiß oder Limettengrün noch den Reiz.

Diese Staude versetzt immer wieder in Staunen, auch dank der passionierten Arbeit von Züchtern. Sie schufen aus der im Kaukasus angestammten Wildart durch verschiedene Kreuzungen jene heute als Helleborus-Hybriden bekannten Pflanzen. Vor allem die Briten befassten sich zuerst damit. „Helleborus-Queen“ Helen Ballard, die vor allem runde Blüten liebte, begann ab den 1960er Jahren und züchtete neben hellen Farben viele dunkle, fast schwarze Exemplare. Ihre große Sammlung wird inzwischen vom Düsseldorfer Gartenexperten Peter Janke fortgesetzt. Auch Briten wie Elizabeth Strangman und Eric Smith errangen Züchterruhm. Heute sind die Ashwood Nurseries europaweit führend mit ihren Züchtungen, für die sie 2018 sogar die begehrte Goldmedaille der Royal Horticultural Society erhielten. Allerdings haben alle diese Züchtungen keinen Sortennamen. Denn keine gleicht der anderen vollkommen. Das wäre nur möglich, wenn sie durch Teilung, also vegetativ vermehrt würden eine zeit-, arbeits- und somit kostenaufwendige Prozedur. Die Alternative ist die Züchtung und Vermehrung im Labor, dann sind die Pflanzen hundertprozentig identisch mit ihren Nachkommen.

Züchtungen haben die Farbpallette deutlich erweitert

Doch noch immer werden Helleborus-Hybriden durch Handbestäubung und Sämlinge vermehrt. Damit ist jedes einzelne Exemplar ein Unikat, keines ist exakt genauso wie seine „Eltern“. Dafür spielt der Zufall mit und beschert oft hinreißende Überraschungen. Ein Grund mehr, warum Ute Klingel und Andreas Luckhardt begeisterte Züchter von Lenzrosen sind. Beide befassen sich in ihrer Staudengärtnerei im niedersächsischen Wingst seit fast dreißig Jahren mit ihrer Vermehrung und Kultivierung. Warum wird unter den rund zwei Dutzend Wildarten der Gattung Helleborus ausgerechnet die Helleborus orientalis zum Kultivieren gewählt? „Es ist die einzige Art, die dieses breite Farbspektrum zur Verfügung stellt“, so der Fachmann. Durch Einkreuzungen mit anderen Wildarten, wie H. torquatus mit ihren schalenförmigen purpurnen Blüten oder H. odorus, die sogar zart duftet und die Farbe Gelb in die Züchtung brachte, habe sich die Farbpalette deutlich erweitert und obendrein doppelt blühende Auslesen erschaffen.

„Bei uns ist alles Manufaktur, echtes gärtnerisches Handwerk“, erklärt Luckhardt. Alle seine Pflanzen werden mit möglichst ruhiger Hand, Pollen für Pollen, per Pinzette bestäubt, um möglichst viele positive Eigenschaften an die Nachkommen weiterzugeben. „Ich muss aufpassen, dass keine Hummel dazwischenfunkt“, grinst er, deshalb werden feine luftige Säckchen aus Stoff genäht und über die bestäubte Blüte gestülpt. Ein aufwendiger Prozess, und Geduld ist sowieso gefragt: „Von der Aussaat der Samen bis zum Verkauf dauert es drei bis vier Jahre. Dann ist es jedes Mal sehr spannend, wenn sich erstmals eine Blüte öffnet, denn die Variabilität ist quasi unendlich.“ Sein Züchtungsziel sind vor allem mehrfarbige Blüten, „Bicolor“ im Fachjargon, die aussehen, als sei eine zweite Farbe wie mit freiem Pinselstrich hingewischt. Waren vor zehn Jahren noch dunkle, fast morbide Purpur- und Pflaumentöne gefragt, hat sich die Mode längst geändert. „Dunkle Farben erkennt man kaum im Garten, helle Blüten hingegen haben eine schöne Fernwirkung.“ Generell passiere bei Novitäten nicht mehr wirklich viel, „selbst bei den Freaks in England“, gesteht er, doch leidenschaftliche Sammler wollten eben immer etwas Neues.

Der eine schaut nach besonderen Farben, der andere nach mehrfarbiger Zeichnung. Besonders begehrt sind Exemplare mit gefärbten Blattadern, das heißt dann „Picotee“. Oder Blütenkelche mit andersfarbigen Sprenkeln, im Fachjargon „guttatus“, was sogar wild in der Natur vorkommt, aber in der Zucht weiter verfeinert werden kann. Dabei gilt: je feiner die Zeichnung, umso extravaganter.

„Am besten ist ein durchlässiger, humoser Boden mit guten Nährstoffen“

Liebhaber von Lenzrosen sollten ihre neuen Schätze während der Blüte kaufen, um zu wissen, was ihnen zukünftig im Garten blüht. Und damit sie lange Freude an diesen Stauden haben, sind der richtige Standort und Boden die wichtigste Voraussetzung. „Das ist das Tolle, sie sind so tolerant und robust, dass sie in fast jeder Situation gedeihen“, sagt der Züchter. Ideal sei ein sonnendurchfluteter Gehölzrand, ein Beet mit hellem, lichtem Halbschatten, unter Laubgehölzen, gedämpftes Sonnenlicht oder ein halber Tag Sonne. Bei viel Sonne unbedingt regelmäßig gießen, im totalen Schatten wird die Lenzrose blühfaul. „Am besten ist ein durchlässiger, humoser Boden mit guten Nährstoffen ohne Staunässe. Als kalkliebende Pflanzen kann man regelmäßig etwas Kalk drum herum leicht einharken“, sagt Luckhardt. Einmal eingewachsen, brauche sie nur noch wenig Pflege. Da sie enorm tief, bis zu einem halben Meter, wurzelt, stecke sie selbst Trockenperioden bis zu drei Wochen locker weg. Als Dünger – am besten ab April und bis Ende Juli – ­ empfiehlt er einen Volldünger, organisch oder mineralisch, der Stickstoff, Phosphor und Kalium enthält. „Hornspäne reichen nicht für die Bildung der Blüten“, warnt er, und um die gehe es schließlich. So empfindsam die fragilen Blütenkelche der Lenzrose wirken, so frosthart ist sie. Eigentlich erübrige sich ein Winterschutz, nur anhaltende Kahlfröste könnten die Blüte ruinieren, dann müsse man die Pflanze halt nachts mit einem umgedrehten Eimer schützen, rät der Fachmann.

Da die Lenzrose in vielen Gartenbereichen gedeiht, ist die Palette passender Begleiter groß. So schafft man mit ihr als Hauptdarstellerin vom frühen Frühjahr bis in den Mai hinreißende Arrangements. Ideal sind Frühjahrsblüher mit ähnlichen Ansprüchen wie Lerchensporn, Buschwindröschen, Adonisröschen, Primeln und alle Zwiebel-Frühjahrsblüher. In dichten Teppichen wintergrüner Elfenblumen kommen ihre Blüten besonders zur Geltung, mit wintergrünen Farnen wie dem Weichen Schildfarn ergibt sich eine reizvolle Liaison. Hollands Gartenkünstlerin Jacqueline van der Kloet kombiniert die sich zu dichten Horsten entwickelten Lenzrosen mit Lungenkraut, Narzissen und Storchschnabel, dessen frühes Laub die Frühlingskönigin sanft um-schmeichelt. Ihr eigenes Laub ist ein weiteres Plus, denn nach ihrer – oft vergrünenden – Blüte prunkt sie noch lange mit ledrig glänzenden, fingerartig gefächerten, winzig gezähnten Blättern, anfangs hell-, später flaschengrün. „Schon allein wegen ihres Blattschmucks ist die Pflanze gestalterisch wertvoll“, sagt Luckhardt. Bienenfreunde können bei den beliebten gefüllten Blüten übrigens beruhigt sein, denn darin finden die Insekten noch Pollen. Und so anspruchslos die Lenzrose ist, eines mag sie überhaupt nicht: umziehen! „Lassen Sie sie in Ruhe an ihrem Standort, dann haben Sie mit Glück zwanzig, dreißig Jahre Freude daran.“ Und dank Hummeln und Selbstaussaat vielleicht auch weitere neue Schönheiten – namenlos, aber wunderbar.

Quelle: F.A.S.
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