Kolumne Hütten & Paläste

Der Dauernörgler

Von Florian Siebeck
26.08.2021
, 10:03
Wer hat die Tür aufgelassen? – Solche und weitere Beschwerden finden sich inzwischen nicht nur auf dem Schwarzen Brett im gemeinsamen Hausflur.
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Früher wies der Nachbar die Hausgemeinschaft per Zettel im Flur zurecht. Neuerdings verschickt er seine Mahnungen online. Das nervt.
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Die Nachbarn aus der Bahnhofstraße 24 haben seit Corona eine Whatsapp-Gruppe. Das war vor allem im ersten Lockdown sehr praktisch, als alle zu backen anfingen. Oder als einer mal seinen Kronleuchter im Aufzug vergaß. Bis zu dem Tag, an dem eine neue Nachbarin ein Bild in die Gruppe schickte. Das sollte alles für immer verändern. „Ich weiß nicht, wie das in Deutschland läuft“, schrieb sie unter eine Aufnahme, die leere Blumenkästen und allerlei Papiermüll im Hausflur zeigte. „Aber vielleicht sollten wir uns ein paar neue Mülltonnen zulegen.“

Es dauerte keine Minute, da kam die erste Reaktion. „Wer war das??“, fragte Nachbar B., der sich in der Gruppe bislang noch nicht hervorgetan hatte. War er womöglich der anonyme Verfasser von Pamphleten wie „Papier gehört in und nicht auf die Tonne“ oder „Warum steht das Fahrrad hier?“, die die Infotafel im Hausflur zeitweise wie die Plakatwand eines Multiplex-Kinos hatten wirken lassen? Er war es, und er fing gerade erst an. Die Nachbarin bemühte sich noch klarzustellen, sie habe niemanden bloßstellen wollen, doch da hatte die Tirade schon ihren Lauf genommen.

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Die Mülltonnen waren immer schon Stein des Anstoßes gewesen. Um sie kümmerte sich der Gastwirt im Erdgeschoss. Nur, der war zu Lockdown-Zeiten selten im Hause. Während also manche Hausbewohner, den Abfallkalender im Blick, die Tonnen selbst rausstellten, bestand B.s Beitrag allein darin, schriftlich zu beklagen, wenn das mal ausblieb.

Beschwerden jetzt auch immer und überall

B. ist der klassische Nörgler: Er macht nicht, er mahnt. Als er noch mit Zettel und Stift zugange war, waren die anderen Bewohner zumindest in ihren Wohnungen vor seinen Aufwallungen sicher. Doch mit der Digitalisierung hat er eine neue Bühne gefunden. Sein Publikum erreicht er jetzt rund um die Uhr – sogar im Urlaub. Wer’s mit Humor nimmt, der wird mitunter durch aberwitzige Dialoge belohnt. Zum Beispiel diesen hier: „Wer lässt die Flügeltür immer auf?“ – „Der Riegel ist lose.“ – „Okay. Aber wer lässt sie immer auf?“ – „Das passiert von alleine.“ – „Es wäre toll, wenn nicht jeder ins Haus kann. Finde ich.“

Den vorläufig letzten Akt erreichte das Schauspiel des Nörglers mit der Wiedereröffnung der Außengastronomie. Wie konnten die Gastronomen, die sich all die Monate nicht um den Müll gekümmert hatten, es jetzt wagen, ausgelassen zu tanzen? „Schönen Gruß an die Nachbarn aus der Gastro“, schrieb B. in einer der ersten warmen Sommernächte. „Ich hoffe, ihr habt einen einmaligen Grund zum Feiern und schreit hier jetzt nicht jede Nacht rum.“ Die Gastronachbarschaft, geschult im Umgang mit schwierigen Gästen, antwortete ganz ausgeschlafen am nächsten Nachmittag: „Danke! Wir haben Ihren Gruß angenommen und grüßen herzlich zurück.“

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Quelle: F.A.S.
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