Kolumne Hütten & Paläste

Das Gartengrab

Von Ursula Kals
19.08.2021
, 12:47
Stein trifft Formschnitt
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Eine Ladung Kies im Vorgarten hier, eine Ladung schwarzer Split da. Schottergärten sind beliebt. Dabei sind sie für alle eine Zumutung.
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Leidenschaftliche Gärtner abonnieren für viel Geld Hochglanzmagazine mit opulenten Farbstrecken wiederentdeckter Ranunkeln. Sie pilgern zu Gartenmessen, um ihr kleines Paradies hinterm oder vor dem Haus noch ein bisschen paradiesischer herzurichten. Andere haben dafür weder Zeit noch Sinn und setzen daher auf das robuste Trio aus Lavendel, Hortensien und Kirschlorbeer. Wieder anderen ist auch das schon zu viel des Guten. Auf Bodendecker setzen oder genügsames Immergrün? Nö, zu krautig. Puristen legen Schottergärten an, und das geht so: Rasen raus, die Fläche platt machen, Folie drauf und tüchtig Steine aufschütten. Schwarzer Schotter wird bevorzugt, Grautöne gehen auch, so wie im Gewerbegebiet. Ganz Kreative ziehen dann Muster ein und füllen einen Kreis mit weißen Kieseln, eingefasst mit Marmorkante.

Wo, um Himmels willen, holen sich diese Steinfreunde ihre Inspirationen her? Böse Menschen mutmaßen, sie lassen sich von Friedhöfen anregen, konkret von pflegeleichten Gräbern. Gestalterischer Höhepunkt im Schottergarten sind Formschnittgehölze, Nadel- oder Buchsbäumchen, akkurat getrimmt. Trotzdem sieht das Ganze kahl aus. Ein Blickfang muss her, ein großer Stein, ein Pflanzbetonring ohne Pflanze, ein grüner Glaskristall, eine Steinsäule, vielleicht noch eine Metalllaterne dazu – Anregungen gibt es auf dem verstörend-grandiosen Blog „Gärten des Grauens“.

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Pflegeleichte Steingärten sind eine Mär

Nicht nur der Klimaaktivistin im Aachener Vorort ist das ein Dorn im Auge. „Ist doch die Frage, wer sich da sein eigenes Grab schaufelt!“ Kopfschüttelnd starrt sie über die Gabionen, mit Steinen gefüllte Drahtkörbe, wo früher eine Hecke stand. Das stolze „Alles vollversiegelt, da kommt kein Grashalm durch!“ dürfte dem rabiaten Schottergärtner nach der Flutkatastrophe nicht mehr ganz so fluffig über die Lippen kommen, wenn er alle paar Wochen mit Hochdruckreiniger die angegammelten Steine poliert. Denn dass diese Steingärten pflegeleicht sind, ist eine Mär.

Noch praktischer scheint die Parkbucht direkt vor dem Haus. Vom Frühstückstisch fällt der Blick gleich auf die Kühlerhaube. Je nach Einparkbegabung wird drum herum gerne dekoriert, zwei, drei Metallkugeln oder ein neckisches Keramikfröschlein dürfen es schon sein. Für lebende Tiere ist das kein Platz. Kein Schmetterling. Nirgends.

Schräg gegenüber in der Nachbarschaft gibt es statt Vorgarten Steinplatten und als Hingucker einen Waschbetonkübel mit eingelassenen Kiessteinen. Solche Kübel im Siebzigerjahre-Gedächtnislook machen tote Innenstadt-Fußgängerzonen ohne Fußgänger gleich noch ein bisschen toter.

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Viele Passanten schütteln den Kopf. Was dem einen sin Uhl, ist dem anderen sin Nachtigall. Das ist Plattdeutsch und heißt, über Geschmack lässt sich nicht streiten. Wohl über Artenschwund und aufgeheizte Städte.

Quelle: F.A.S.
Ursula Kals - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Ursula Kals
Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Jugend schreibt“.
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