Hightech Zuhause

Smart Home für Oma

Von Birgit Ochs
16.03.2016
, 12:33
Schon wieder die Butter vergessen. Da hätte der Kühlschrank doch mal wirklich mitdenken können.
Das Hightech-Zuhause ist noch die Ausnahme. Es könnte eine größere Rolle spielen - vor allem mit dem Blick auf das Wohnen im Alter.

Smart Homes. Mal ehrlich, wer denkt schon an alte, hilfsbedürftige Menschen, wenn es um Gebäude geht, deren Haustechnik digital vernetzt ist? An betagte Seniorinnen, die per Tablet ihren Bluthochdruckwert an den Hausarzt schicken? Vielmehr dürften die meisten das clevere Zuhause, in dem Sensoren Raumtemperatur und Verschattung regeln, sich die Waschmaschine von unterwegs per Smartphone starten lässt oder in dem die Heizung rechtzeitig vor Rückkehr der Bewohner hochfährt, mit der Avantgarde der Digitalisierung assoziieren. Mit Technikfreaks. Noch sind die Super-Hightech-Bauten selten und die Vorbehalte (nicht nur zu Unrecht) groß. Soll man allen Ernstes sein Leben in die Hand schlauer Haustechnik legen? Ist das nicht zu teuer, viel zu kompliziert? Und vor allem verrückt, wenn es ums Wohnen im Alter geht?

Sabine Brückner-Zahneisen findet das nicht. Die Bambergerin bewohnt selbst seit gut drei Jahren ein Smart Home. Ihr Arbeitgeber, das kirchliche Wohnungsunternehmen Joseph-Stiftung, hatte ein smartes Gebäude in Modulbauweise errichten lassen. Brückner-Zahneisen, Geschäftsführerin der stiftungseigenen Sophia living network GmbH, die smarte Gebäudetechnik vor allem für ältere Menschen anbietet, und ihr Mann zogen ein. Testhalber. „Eine gute Gelegenheit, die Produkte im Alltag selbst auszuprobieren“, sagt die Sozialpädagogin, die sich als nur mäßig technikaffin beschreibt.

Nun lebt das Ehepaar mit automatischer Energie- und Heizungssteuerung, einem System, das die Raumtemperatur und die Luftfeuchtigkeit erfasst. Es gibt Rauch- und Bewegungssensoren am Herd, Wassersensoren gegen Überflutung, Kameras innen und außen und, und, und. Lieblingsfunktion der Hausherrin ist die „Alles-Aus“-Anzeige. Wann immer die Smart-Home-Bewohnerin das Haus verlässt, fällt ihr prüfender Blick auf das Display. Das zeigt ihr an, ob auch wirklich alle Lichter ausgeschaltet und alle Fenster geschlossen sind, keine Steckdose unnötig unter Strom steht.

Probewohnen im intelligenten Haus

Die Joseph-Stiftung errichtete das Smart Home jedoch nicht nur, damit die Geschäftsführerin der „Sophia“ intelligente Haustechnologie aus eigener Erfahrung kennenlernen kann. Vielmehr war das Wohnungsunternehmen über Jahre Teilnehmer des europaweiten Forschungsprogramms I-stay@home, an dem sich 15 Wohnungsgesellschaften aus fünf Ländern beteiligten. Sie alle trieb die Frage um, welche smarten Assistenzsysteme hilfreich sind, damit alte Menschen in den eigenen vier Wänden wohnen bleiben können.

Werde da nicht zwischenmenschlicher Kontakt zugunsten „kalter Technik“ geopfert, lautet die gängige rhetorische Frage, wenn vom Hightech-Wohnen für Senioren die Rede ist. Viktor Grinewitschus, Professor für Energiemanagement in der Immobilienwirtschaft von der EBZ Business School in Bochum, seufzt, wenn er mit einem solchen Einwand konfrontiert wird. Der Ingenieur war am EU-Forschungsprogramm beteiligt. Bei smarten Assistenzsystemen gehe es nicht „um die volle technische Dröhnung“, sondern um eine Kombination aus Technik und Dienstleistung, stellt er klar. „Eine smarte Wohnung ist in erster Linie das Zuhause eines Menschen, aber sie erkennt eben auch, wenn der Bewohner Probleme hat, und sendet entsprechende Signale nach außen.“

Sabine Brückner-Zahneisen weist darauf hin, dass man auf unterschiedliche Weise smart wohnen könne. Für fitte Menschen reiche ein internes System. In dieser Variante empfängt nur der Bewohner akustische oder visuelle Signale, etwa wenn er vergessen hat, Geräte abzuschalten, und steuert seine Haustechnik übers Smartphone oder Tablet. In einer zweiten Stufe werden Nachrichten nach draußen gesendet, etwa an Verwandte und Nachbarn. Dies kann bei alleinstehenden, gesundheitlich stark beeinträchtigten Menschen sinnvoll sein.

Auf diese Weise etwa konnte Sabine Brückner-Zahneisens Schwiegermutter bis zu ihrem Tod Anfang dieses Jahres trotz Demenz in ihrer Wohnung bleiben. Zwar war diese nicht so aufwendig technisch ausgerüstet wie das Smart Home von Sohn und Schwiegertochter. Die beiden aber hatten die Möglichkeit, von ihren eigenen vier Wänden aus die Heizung der alten Dame zu steuern, außerdem bekamen sie Signale über Bewegungsmelder und Rauchsensoren. „Selbstverständlich ersetzt das nicht persönliche Zuwendung, und natürlich braucht man in so einem Betreuungsfall die Hilfe von Menschen, aber so konnten wir den Umzug ins Heim vermeiden“, resümiert Brückner-Zahneisen. Ergänzt werden könne ein solches externes System noch um ein Notrufsystem, das entsprechende Signale an Polizei, Feuerwehr und Rettungsdienste sendet.

„Selbstverständlich ersetzt das nicht persönliche Zuwendung“

Welche Lösung man wählt, hängt vom Einzelfall ab. „Die Frage ist, in welcher Situation ist der Mensch, was kann die Familie leisten? Danach wird entschieden“, sagt Viktor Grinewitschus. Auf diesem Feld könnten Smart-Home-Lösungen jenseits von Luxusangeboten und Superenergieplus-Häusern zum Einsatz kommen. Denn das eigene Zuhause ist mit weitem Abstand die bevorzugte Wohnform im Alter. Auch die Wohnungsgesellschaften müssen sich angesichts einer alternden Bewohnerschaft darum bemühen, ihre Mieter so lange wie möglich zu halten. Und nicht zuletzt die Politik wirbt für „ambulant vor stationär“ - der gewaltigen Kosten wegen, die in einer Pflegeeinrichtung im Vergleich zur häuslichen Pflege anfallen. Entsprechend berge dieses Segment ein gewaltiges Potential, urteilt Florian Kaiser vom Beratungsunternehmen Dr. Wieselhuber und Partner in München und weist auf Statista-Daten hin. Die sehen in Deutschland für Assistenzsysteme bis 2020 ein Marktpotential von 181,5 Millionen Euro, 2015 waren es erst 20 Millionen Euro.

Doch woran hakt es, dass der Markt bisher nicht in die Puschen kommt? Offenbar nicht an mangelnder Aufgeschlossenheit der Zielgruppe. Jedenfalls nicht jener 180 Haushalte, die am I-stay@home-Programm teilgenommen haben. Nimmt man sie zum Maßstab, steht die Generation 65 plus smarten Angeboten grundsätzlich interessiert gegenüber. Am liebsten würden die Bewohner von ihren Familien betreut werden, berichtet Professor Grinewitschus aus der Befragung: „Aber die Leute sehen das pragmatisch und sagen: Wenn es technische Hilfsmittel gibt, die meine Selbständigkeit erhöhen - warum nicht?“ Zu den Angeboten, die bei den Teilnehmern sehr gut ankamen, zählte die Entdeckung des Tablets, nicht zuletzt wegen der Kommunikationsmöglichkeiten. Ebenfalls auf der Hitliste weit oben standen die Herdabschaltung, eine Kameraüberwachung von Haus- und Wohnungstür und Möglichkeiten des Hausnotrufs.

„Gesundheitsmonitoring kam weniger gut bis überhaupt nicht an“, ergänzt Sabine Brückner-Zahneisen die Erfahrungen der Joseph-Stiftung. Von einer vernetzten Waage etwa, die den BMI errechnet und Gewichtskurven erstellt, wollten vor allem die Teilnehmerinnen nichts wissen. Auch die Möglichkeit, Daten zum Blutdruck und Blutzuckerspiegel elektronisch zu erfassen, nahmen die Bewohner mit Zurückhaltung auf und lehnten sie mit Begründungen ab wie: „Mein Blutdruckmessgerät reicht mir.“

„Die Leute sehen das pragmatisch“

Dass smarte Lösungen noch nicht weit verbreitet sind, liegt am Angebot selbst. Zwar gibt es unglaublich viele Hersteller und Produkte, aber alles sind in sich geschlossene Systeme, sogenannte Insellösungen. „Jeder Hersteller hat seine eigenen Standards, noch gibt es keine übergeordnete App, die eine einfache Steuerung aller Angebote bietet“, skizziert Berater Kaiser das große Manko, das ganz grundsätzlich für smarte Produkte gilt. Die Folge: Vielen Interessenten sind die Anwendungen zu kompliziert. Entsprechend sieht Kaiser die Herausforderung darin, dass die Produkte viel verständlicher gestaltet werden müssen. Außerdem gebe es auf dem Markt viel Schnickschnack. „Man sollte mehr fragen, was sinnvoll ist“, fordert der Berater.

Übersichtlich und leicht zu verstehen? Bisher fehlt die „Killer-App“, mit der sich alle Funktionen leicht nutzen lassen.
Übersichtlich und leicht zu verstehen? Bisher fehlt die „Killer-App“, mit der sich alle Funktionen leicht nutzen lassen. Bild: dpa

Was sinnvoll ist und was nicht, erweist sich spätestens im Praxistest. Sabine Brückner-Zahneisen und ihr Mann etwa haben sich rasch von einer Fußmatte getrennt, die bei Sturz Alarm schlagen sollte. Doch das Ding dröhnte schon bei jeder kleinen Bewegung los. Regelmäßiger „Nachjustierung“ bedarf in ihrem Smart Home die automatische Herdabschaltung. Was die Sensoren angeht, wurde seit dem Einzug schon die zweite Generation verbaut. „Die allerdings ist jetzt super“, lobt die Testbewohnerin.

Bleibt als weiteres Hemmnis der Preis. Wer im Neubau sein Einfamilienhaus mit smarter Haustechnik ausstatte, müsse für die Basisversion mit zusätzlichen Kosten von mindestens 10 000 Euro rechnen, überschlägt Kaiser. In den Bestandswohnungen der Senioren geht es eher um nachträgliche Einbauten. Für sogenannte Ambient Assisted Living Systeme (AAL) liegen die Durchschnittskosten im Kreditprogramm „Altersgerecht Umbauen“ der KfW bei 2500 bis 5000 Euro, im Zuschussprogramm bei 900 bis 1600 Euro. „Dafür bekommt man Einsteigerlösungen“, sagt Brückner-Zahneisen. Um die Wohnung ihrer demenzkranken Schwiegermutter umzurüsten, waren etwa 2500 Euro nötig. Zur schon erwähnten Ausstattung kamen noch ein Nachtlicht hinzu, eine externe Türschlosssteuerung, ein Tablettenkarussell, Weglaufalarm und ein externer Schlüsseltresor. Übernommen hat die Kosten die Pflegekasse. Eine Ausnahme - wie Brückner-Zahneisen und auch Grinewitschus sagen. Der Professor moniert, dass die Wohnberater bei den Pflegekassen selten einschätzen könnten, welche Assistenzsysteme nötig seien. „Wenn man auf die Anfrage nach der Förderung einer Herdabschaltung die Antwort bekommt, man solle doch einfach die Sicherung rausdrehen, konterkariert das die Forderung von ambulant vor stationär“, wettert er.

Noch wenig Information und Erfahrung auf Seiten der Wohnberater

Tatsächlich scheinen sich die Kassen mit dem Thema schwerzutun. Nach Angaben der AOK zahlen die Pflegekassen zwar bis zu 4000 Euro für wohnumfeldverbessernde Maßnahmen. Nicht alles, was man geneigt ist, dafür zu halten, wird aber auch von den Kassen so eingeschätzt. Auf Anfrage schreibt die Barmer, entsprechende Technologien zur Unterstützung eines selbständigen Lebens pflegebedürftiger Menschen in den eigenen vier Wänden seien ein relativ neuer Trend, der in der Leistungspraxis der Pflegekassen keine große Rolle spiele. Die Kassen könnten einen Zuschuss bewilligen, wenn die häusliche Pflege durch die Umbaumaßnahmen erst möglich beziehungsweise erheblich erleichtert werde. Oder wenn durch AAL-Maßnahmen der alte Mensch eine möglichst selbständige Lebensführung wiedererlange und er nicht mehr so stark von der Hilfe anderer abhängig sei. Ein bisschen verblüffend ist dann das Fazit: „Dementsprechend können Smart-Home-Technologien das Leben generell erleichtern, sind aber für die Pflegekassen keine bezuschussungsfähigen Maßnahmen.“

Man sollte sich die Argumentation der Pflegekassen genau ansehen, rät Sabine Brückner-Zahneisen. Oft helfe es, zu erklären, warum die AAL-Maßnahmen eben doch genau den Anforderungen entsprächen. „Schließlich geht es bei den meisten Maßnahmen nicht um irgendwelche verrückten Technikgags, sondern um die Frage Heim oder Zuhause.“

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Ochs-Koffka, Birgit
Birgit Ochs
Verantwortliche Redakteurin für „Wohnen“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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