Kolumne Hütten & Paläste

Zurück ins Jugendzimmer!

Von Ursula Kals
18.10.2021
, 16:32
Gästezimmer: Kurzzeitwohner brauchen alltagstaugliche Lösungen.
Home sweet Home? Von wegen. Wer auf Zeit in einer WG, im Hotel oder einem Gästezimmer wohnt, muss hart im Nehmen sein.
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Vier Wochen Praktikum im untervermieteten WG-Zimmer, eine Arbeitswoche im Hotel, drei Monate Vertretung in der fremden Stadt im – allein schon dieses Wort – teilmöblierten Apartment. Die einen nehmen die aseptische Umgebung stoisch hin. Hauptsache, die Matratze ist hart, die Dusche sauber und die Kaffeemaschine entkalkt. Übernachtung, Frühstück, das reicht als Provisorium. Wir sind hier ja zum Arbeiten und nicht zu unserem Vergnügen oder um unsere Schöner-Wohnen-Träume auszuleben. Geht alles für eine Übergangszeit. Tagsüber halten wir uns im Büro oder auf Terminen auf, abends flüchten wir ins wiedererwachte Freizeitleben.

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Andere leiden unter diesem ­spartanischen Heim auf Zeit, das eben kein richtiges Heim ist. Sie gestalten das Zuhause so schön, wie es irgendwie geht. Promis machen das vor und bekunden, während langer Dreharbeiten ihr Hotelzimmer mit Duftkerzen, Lieblingslilienbouquets und dem eigenen Kopfkissen aufzuhübschen, manche hängen Bilder um oder ab und ersetzen sie. Aber Promis reisen auch mit großem Gepäck und sind nicht mit normalen Durchschnittsbürgermaßstäben zu messen.

Das muss mit

Kurzzeitwohner brauchen alltagstaugliche Lösungen. Was muss also mit ins Übergangsquartier? Die Blitzumfrage im Bekanntenkreis ergibt folgende Liste: Ladekabel (Smartphone ist überlebensnotwendig und nicht der Erwähnung wert), Foto der Liebsten, Bettwäsche, Handtücher, Lieblingstasse und – ähhm – ein Kuscheltierchen.

Die Abgebrühten schrauben die Standards runter. So wie der Dok­torand im Ruhrgebiet, tagsüber an der Uni, am Wochenende bei der Freundin und zwischendurch ertappt als unbehauster Antikoch, der in seinem kargen WG-Zimmer vor gerösteten Erdnüssen sitzt, als Teller dient ein Blatt Papier. „So entsalze ich die“, erklärte er auf entgeisterte Nachfragen im Videotelefonat. Geschirr war nicht gespült, der Putzplanboykotteur an der Reihe. „Versuch’s mal mit Gemütlichkeit“, das gehöre als Ohrwurm ins Dschungelbuch, nicht in sein durchgetaktetes Uni-Leben, rechtfertigt sich der Betriebswirt. Geschirr werde im Allgemeinen überschätzt, dozierte der angehende Doktor, der über effiziente Lagerhaltung forscht.

Der Kerl ist robust, so robust, dass es ihn nicht im Geringsten stört, für Frankfurter Recherchewochen ins sozusagen naturbelassene Jugendzimmer seiner Cousine zu ziehen. Eingerahmt von Boygroup-Poster, Kork-Pinnwand und viel, viel Mädchendeko in Pink, klappt er auch dort seinen Laptop aus. Der Blick über den Taunus entschädige ihn für das Ambiente. „Schön hier“, meldet der Großstadtpendler zufrieden. „Und ganz für umme mit Familienanschluss.“

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Quelle: F.A.S.
Ursula Kals - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Ursula Kals
Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Jugend schreibt“.
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