Was Reykjavík lebenswert macht

„Die Leute wollen mehr Bänke“

Von Anna-Lena Niemann
21.11.2019
, 16:51
Was eine Stadt lebenswerter macht, wissen meist die Bewohner am besten. Man muss sie nur fragen. Die isländische Hauptstadt Reykjavík zeigt, wie das erfolgreich geht.

In Reykjavík soll Schluss sein mit tristen Spielplätzen und vertrockneten Parkanlagen. Anwohner nehmen die Verschönerung ihrer Stadt dort selbst in die Hand – und das mit reichlich Geld aus der Stadtkasse. Als Island vor zehn Jahren in die Finanzkrise stürzte, suchten Politiker nach Wegen, das Vertrauen ihrer Bürger zurückzugewinnen. Die Lösung: mehr Beteiligung und echte Entscheidungsmacht anbieten. Und wo ginge das besser als im eigenen Stadtviertel? Über die digitale Abstimmungsplattform „My Neighbourhood“ verteilen Reykjavíks Bürger nun jedes Jahr drei Millionen Euro auf Projekte, mit denen sie ihre Stadt lebenswerter machen wollen. Wir haben mit dem Erfinder des Projektes, Robert Bjarnason, darüber gesprochen, wie sich die Stadtkultur verändert hat, ob Stadtplaner nun ausgedient haben und worin der zeitlose Charme einer Parkbank liegt.

Herr Bjarnason, über die Plattform „My Neighbourhood“ können die Bürger von Reykjavík Projekte vorschlagen und über sie abstimmen. Im Laufe der Jahre wurden so etwa 700 Ideen umgesetzt. Was haben Sie davon eigentlich selbst zuletzt genutzt?

Mein Büro liegt ganz in der Nähe eines Parks, und ich benutze die Outdoor-Sportgeräte dort. Auch wenn ich das häufiger tun sollte.

Gibt es bestimmte Projekte, die besonders beliebt sind?

Wir können mit Hilfe Künstlicher Intelligenz kalkulieren, wie sehr sich bestimmte Ideen ähneln. Die größte dieser Ideengruppen betrifft Dinge, mit denen man draußen Spaß haben kann: Spiele, Basketballkörbe oder so etwas. Als wir uns das vergangene Jahr angesehen haben, drehte sich da alles um die „Smart City“, und die Leute brachten lauter Hightech-Projekte ein. Wonach die Nutzer aber immer fragen, sind Bänke. Und auch wenn es wie eine Kleinigkeit wirkt, nach einer Bank zu fragen – wir haben gesehen, wie es die Leute in manchen Nachbarschaften auf einmal zusammengebracht und glücklich gemacht hat.

Das sagt viel darüber aus, was Anwohner eigentlich von ihrem Stadtraum wollen.

Absolut, und ich denke, von all den verschiedenen Beteiligungsprojekten ist es beim „partizipativen Budget“, beim Bürgerbudget, am einfachsten, die Ergebnisse dessen zu sehen. Manchmal sind sie ja buchstäblich aus Beton gebaut. Das setzt einen Kreislauf des Vertrauens in Gange. Denn was bei so vielen Menschen tief festsitzt, ist doch die Annahme, dass die Regierung das eine sagt und etwas ganz anderes macht. Ich weiß, dass das zynisch klingt und nicht stimmt. Die meisten Politiker, die ich getroffen habe, wollen für ihre Gemeinden etwas Gutes tun. Der Öffentlichkeit wiederum die Komplexität dieser politischen Entscheidungsfindung bewusst zu machen kann beiden Seiten helfen, sich besser zu verstehen.

Jedes Jahr stellt die Stadt Reykjavík dafür sechs Prozent ihres Infrastrukturbudgets, also rund drei Millionen Euro, zur Verfügung. Wie wird entschieden, was mit dem Geld passiert?

Die Leute haben drei Wochen Zeit, um ihre Ideen einzureichen. Die Stadt hat dann sechs Monate, um die Projekte zu prüfen, und stellt letztlich 200 von ihnen zur Wahl. Was gewählt ist, wird dann auch verbindlich umgesetzt! Das ist ein großartiger Mechanismus, denn das Geld wird besser eingesetzt, und die Nachbarschaften sind zufriedener. In diesem Jahr haben wir mit 1100 eingereichten Ideen einen neuen Rekord erreicht, 6000 haben sich eingeloggt und an den Debatten beteiligt, und 36000 Isländer haben die Website besucht. Nach inzwischen acht Jahren ist das ein echter Teil der Stadtkultur geworden.

Was ist, wenn die Stadt eine Idee ablehnt, die bei den Nutzern sehr beliebt war?

Im partizipativen Budget gibt es kein politisches Element, das ist eher ein technokratischer Prozess. Auf unserer anderen Plattform, bei der es um Gesetzesvorschläge und Initiativen geht, hatte die Stadt anfangs schon Bedenken: Was ist, wenn wir nein sagen müssen? Unsere Hypothese lautet, wenn es so weit kommt, muss einfach vorsichtig erklärt werden, warum. Und wenn die Stadt sich entschieden hat, ob sie einen Vorschlag umsetzen will, schickt sie eine Begründung per E-Mail an alle, die irgendwie mit der Idee verbunden sind, sie abgelehnt oder unterstützt haben.

Wird Bürgern zu oft misstraut?

Ich denke ja. Es wird viel darüber geredet, dass Bürger den Politikern nicht trauen, aber es ist mit Sicherheit auch andersherum so. Hier in Island blockiert aber keiner der Politiker die Beteiligungsplattform. Im Grunde sehen alle Parteien die Vorteile und unterstützen den Prozess. Das liegt auch daran, wie unser Debattiersystem konstruiert ist, die Politiker bekommen qualitativ gutes Feedback. Es ist nicht wie bei Facebook, wo die Art, wie Leute reden, vollkommen außer Kontrolle geraten ist.

Bei dem ganzen Projekt hatten Sie aber auch Glück, als zu Beginn gleichzeitig der Komiker Jón Gnarr zum Bürgermeister von Reykjavík gewählt wurde.

Manchmal funktionieren Dinge, weil das Timing stimmt. Wir haben damals allen Parteien angeboten, mitzumachen. Aber nur eine wollte: die „Best Party“. Sie ist eigentlich eine Satirepartei, wird von einem Komiker angeführt und hatte keinerlei ernsthafte politische Ziele. Und da waren wir, mit einer Crowdsourcing-Plattform für politische Ideen! Als die Partei die Wahlen gewonnen hatte, sagte sie den Wählern, sie sollten einfach zu unserer Plattform „Better Reykjavík“ kommen.

Aber es scheint, als spielten in dem Prozess Fachleute wie Architekten oder Stadtplaner keine Rolle mehr?

Vor einigen Jahren hat die Stadt entschieden, diejenigen mit den beliebtesten Ideen einzuladen, damit sie die Designer und Architekten treffen können. Die Ideengeber sollen sich in das Design einbringen können. Trotzdem wird das Verfahren von Experten gesteuert. Die finale Gestaltung liegt bei ihnen, nicht bei demjenigen, der die Idee hatte. Das stand für uns nie in Frage. Und die meisten beschweren sich darüber auch nicht, sie vertrauen darauf, dass die Stadtplaner und Architekten einen guten Job machen.

Würde die Plattform denn in einer großen Stadt wie Berlin auch funktionieren?

Vor etwa fünf Jahren wurden wir von der Stadt Madrid beauftragt, ihnen ihre eigene „Better Madrid“-Version zu bauen. Die Stadt hat um die drei Millionen Einwohner, und es hat großartig funktioniert. Software ist Software, das sind letztlich nur Werkzeuge und- ehrlich gesagt, der einfachste Part. Ich will unsere Software nicht kleinreden, aber das eigentlich Komplizierte ist doch der politische Prozess, die Verwaltung und Leute zum Mitmachen zu bewegen. Wie strukturiert man es? Wo passt es rein? Bekommen Anwohner echte politische Entscheidungsgewalt? Wir haben Städte gesehen, denen es nicht ernst war, und in so einem Fall wird die Beteiligung zur sinnlosen Übung.

Wenn also nur so getan wird, als ob?

Genau, und das entfremdet Leute und beschädigt Vertrauen. Da ist es besser, gar keine Beteiligung zu organisieren. Aber zum Glück ist das nur ein paar Mal auf unserer Plattform passiert.

Es gibt einfach eine Bewegung hin zu offeneren Regierungen. Und weil wir mit der Open-Source-Software gemeinnützig arbeiten, können wir selbst Gemeinden mit 700 Einwohnern bedienen.

Was hat sich in Ihrer Stadt geändert, seit es die Plattform gibt?

Mehr Spaß und mehr Beteiligung haben Einzug in die Kultur gehalten. In jeder Nachbarschaft muss man nur fünf Minuten laufen und stößt auf etwas, das sich ein Bürger erträumt, die Gemeinschaft weiterentwickelt und die Einwohner der Stadt gewählt haben. Ich glaube, das macht Reykjavík interessanter. Für manche vielleicht auch schöner, aber das liegt ja im Auge des Betrachters.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Niemann, Anna-Lena
Anna-Lena Niemann
Redakteurin in der Wirtschaft.
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