Die Rückkehr der bösen Banker

Von CORINNA BUDRAS, Fotos: LUCAS BÄUML
Blick ins Atrium: Gerade wird die Szene mit Kamerakran gedreht

26.04.2019 · Gier, Macht, Verrat: Die Erfolgsserie Bad Banks geht in eine neue Runde. Corinna Budras hat die Dreharbeiten besucht.

S onntag, 10 Uhr, im Herzen des Frankfurter Bankenviertels. Ein smarter Banker, schlank und großgewachsen, in der Hand einen silbernen Aktenkoffer, betritt den Eingangsbereich einer internationalen Großbank. Ein paar Schritte kann er unerkannt gehen, dann bleiben einige Mitarbeiter überrascht stehen, drehen sich um und applaudieren. Erst zögerlich, dann wird der Applaus tosender, irgendwann bricht sich der Jubel hemmungslos Bahn, immer mehr Menschen, Männer und Frauen in schicken Hosenanzügen, kommen hinzu. Einige der Herren fallen dem smarten Banker der Reihe nach um den Hals. Eine Umarmung folgt der nächsten. Die Herren klopfen sich gegenseitig aus wie staubige Teppiche, ganz so, wie das erfolgreiche Männer nun einmal tun.

Der Mann, der diese Gefühle auslösen kann, ist Gabriel Fenger, eine Ikone der deutschen Bankerszene, welt- und sprachgewandt, berechnend und verschlagen. Der smarte Banker aus der Kultserie Bad Banks. Natürlich heißt er im richtigen Leben nicht Gabriël Fenger, deshalb erwähnen wir hier auch seinen bürgerlichen Namen Barry Atsma. Gerade war er wieder im Einsatz für seine international agierende Großbank Deutsche Global Invest, vier Monate lang, an seiner Seite wie auch schon in der ersten Staffel die ehrgeizige Nachwuchs-Bankerin Jana Liekam (Paula Beer) und ihre eiskalte Mentorin Christelle Leblanc (Désirée Nosbusch).

Gabriël Fenger (Barry Atsma) wird von seinen Mitarbeitern gefeiert.

Die sechs neuen Folgen von Bad Banks sind jetzt abgedreht, die Jubelstürme am vergangenen Sonntagmorgen gehörten zu den letzten Filmminuten, die noch in den Kasten mussten. Wofür die Mitarbeiter Gabriël Fenger so frenetisch feiern, dürften wir nicht verraten, selbst wenn wir es wüssten. Die Handlung von Serien ist ähnlich geheim wie die Zusammensetzung einer toxischen Collateral Debt Obligation. Noch dazu verliert man leicht die Übersicht, schließlich wird nicht chronologisch gedreht. Gut möglich, dass der Ursprung von Fengers Erfolg schon vor Wochen gedreht wurde, in Luxemburg, in Berlin oder auf Mauritius. Ein bisschen wird sich der Zuschauer also noch gedulden müssen. Anfang des nächsten Jahres wird „Bad Banks II“ ins deutsche Fernsehen (ZDF und Arte) und – noch wichtiger – in die Mediatheken kommen. Dann hofft man auf neue Begeisterungsstürme eines elektrisierten Publikums, die schon den Durchlauf der ersten Staffel begleiteten.

Regisseur Christian Zübert hat die Bankenwelt voll durchschaut.

Wenige Hochhäuser weiter sieht die Welt weniger rosig aus. Dort, in den Türmen der beiden verbliebenen Großbanken Deutsche Bank und Commerzbank, wird womöglich gerade mit ähnlicher List und Tücke vorgegangen wie in der fiktionalen Welt von Bad Banks – nur wahrscheinlich weniger glamourös. Dort schlagen sich die Banker ihre Nächte und ihre freien Wochenenden um die Ohren, um einen nationalen Champion zu formen. Das ist Knochenarbeit, und trotzdem wird am Ende keiner in Begeisterungsstürme verfallen, so viel lässt sich jetzt schon sagen. Christian Sewing, Deutschlands mächtigster Banker, ebenfalls großgewachsen und stets in feinen Zwirn gehüllt, kann noch so viele pompöse Eingangshallen durchschreiten, die Jubelstürme werden ausbleiben. Jetzt, nach der geplatzten Fusion mit der Commerzbank gibt es allenfalls leichten Applaus – und auch nur, weil schlimmeres verhindert wurde.

Das ist ungerecht, denn Bad Banks wäre nicht annähernd so erfolgreich, hätte man beim Zuschauen nicht das Gefühl, dass sich die grenzenlose Gier, der entfesselte Sex und das rücksichtslose Vorantreiben der eigenen Karriere auf Kosten von anderen auch in der realen Bankenwelt so abspielen könnte.

Barry Atsma und Désirée Nosbusch während der Vorbereitungen zum Dreh am Set.

Der frenetisch gefeierte Fernseh-Fenger und der glücklose Sewing – vielleicht ist diese Konstellation geradezu bezeichnend für den Zustand der Bankenbranche und die Wahrnehmung in der Öffentlichkeit. Die Exzesse in der Zeit vor der Finanzkrise wünscht sich wahrlich niemand zurück. Aber der aktuelle Tiefpunkt, der so etwas wie Demut lehren könnte, ist nun auch wieder nicht recht: Niemand möchte staunend eine Fusion begleiten, mit der zwei gefallene Größen nur noch um die Rückgewinnung ihrer Bedeutung kämpfen – und das auch noch zu Lasten der Belegschaft und des Steuerzahlers.

Bad Banks ist derweil in ganz anderen Sphären unterwegs. In der zweiten Staffel steigt die Deutsche Global Invest groß in die Fintech-Szene ein. Das hat den Vorteil, dass Disruption im Spiel ist: Menschen laufen in Jeans und Sneakern herum, sind aber genauso ehrgeizig und geldfixiert wie ihre konventionellen Kollegen in den gläsernen Frankfurter Bankentürmen. Natürlich ist diese Welt auch den besagten Fusionspartnern in der realen Welt nicht fremd, nur gelingt es ihnen bisher nicht, etwas vom Glanz dieser neuen Bankerszene auf sich abstrahlen zu lassen.


„Als ich die Bücher für die zweite Staffel gelesen hatte, dachte ich mir: Kann Christelle Leblanc wirklich so agieren und noch rigoroser werden?“
DÉSIRÉE NOSBUSCH

Noch fieser, noch abgebrühter, das lässt sich schon jetzt sagen, wird die Fortsetzung. „Als ich die Bücher für die zweite Staffel gelesen hatte, dachte ich mir: Kann Christelle Leblanc wirklich so agieren und noch rigoroser werden?“, sagt Désirée Nosbusch. Ihre Empörung allerdings hält sich in Grenzen, es überwiegt die Faszination über die Frage: „Wo ist ihre Moral abgeblieben?“

Von Bad Banks lässt sich viel über die Bankerszene lernen, nur ein Vorurteil lässt sich beim besten Willen nicht bestätigen. Die Film- und die Finanzbranche bilden allenfalls optisch krasse Gegensätze. In Wahrheit sind sie einander ganz erstaunlich ähnlich. Wer am Sonntagmorgen um halb zehn in das Bürogebäude in der Mainzer Landstraße zu den Filmaufnahmen eintrifft und damit rechnet, einer völlig übermüdeten und noch nicht ganz ausgenüchterten Filmcrew zu begegnen, liegt völlig daneben.

Kompetente Darsteller: Patrick Dewayne (rechts) ist auch im echten Leben Börsenfachmann.

Man hat sich selbst noch gar nicht gesammelt, da geht schon die erste Probe los. Es herrscht eine Kommandostruktur, wie man sie sich auf der Baustelle des Berliner Flughafens wünschen würde. Hundert Menschen wissen an diesem Morgen genau, was sie zu tun und zu lassen haben. Zügig, ernsthaft, straff wird das Programm durchgezogen. Es wird gejohlt, wenn gejohlt werden muss, ansonsten herrscht volle Konzentration. Dass hundert Menschen auf einem Haufen eine solche Ruhe ausstrahlen können, müsste jeden Großraumbüro-Arbeiter zu denken geben. Der Einzige der ständig ruft, als sei er auf einem türkischen Basar, ist der Regieassistent, laut und durchdringend. „Ton ab“, ruft er. „Ton läuft“, lautet die Antwort aus dem Off. „Kooomparsen los ... Und bitte!“

Das krasse Kontrastprogramm zu der aalglatten, durchtrainierten Welt der Banker bildet niemand Geringerer als Regisseur Christian Zübert, ein schlanker großer Typ, betont lässig gekleidet. Seine Mütze setzt vor allem einen optischen Akzent. Anarchisch ist allerdings auch hier allenfalls der Kleidungsstil. Wie jeder effiziente Chef setzt er sich nicht selbst lautstark in Szene, sondern zieht im Hintergrund die Fäden. Die einzigen Menschen, mit denen er spricht sind der Regieassistent, der Kameramann und die Schauspieler. Dirigieren tun andere. Perfektionismus herrscht allerorten. „Die Banker reflektieren zu viel“, mosert die Maskenbildnerin. Dass sie damit nicht die selbstkritische Grundhaltung der Komparsen moniert, wird schnell klar. Deshalb werden die 60 Laienschauspieler schnell nachgepudert, die Einstellung noch einmal wiederholt.

Christian Zübert gibt Barry Atsma Regieanweisungen.

Eine Einstellung jagt die nächste; ein ums andere Mal muss sich Fenger vom stürmischen Jubel überraschen lassen und Dankesumarmungen von gerührten Bankern entgegennehmen. Mal wird mit Kran gedreht, mal mit einer 360-Grad-Kamera. Die Filmcrew kauert hinter dem breiten Eingangstresen, damit auch kein ausgelatschter Turnschuh im Bild den riesigen Aufwand zunichtemacht. Knapp zehn Millionen Euro kostet die zweite Staffel, das sind noch einmal fast zwei Millionen mehr, als die sechs Folgen der ersten Staffel kosteten. Auch im Filmgeschäft gilt die Daumenregel: Viel hilft viel.

Die Parallelen zur streng hierarchischen Finanzwelt sind für Regisseur Zübert keine Überraschung, sie liegen quasi auf der Hand. „Der Film funktioniert ähnlich wie die Finanzbranche“, stellt er unumwunden fest. „Auch bei uns gibt es Menschen, die ihr ganzes Leben dafür aufgeben. Auch bei uns geht es viel um Ego, Selbstbestätigung und manchmal auch um das Ausfüllen einer inneren Leere. Banker sehen zwar anders aus und fahren andere Autos, aber das Mindset ist doch genau das gleiche.“


„Der Film funktioniert ähnlich wie die Finanzbranche“
CHRISTIAN ZÜBERT

Bleibt die Frage, ob auch die Zuneigung auf beiden Seiten ähnliche Ausmaße annimmt. Bad Banks hat in der Finanzwelt eingeschlagen wie der Kurssprung nach einem Rekordgewinn. Angesichts der Fülle an menschlichen Abgründen hätte das auch anders laufen können, aber viele erwachsene Investmentbanker und Wirtschaftsanwälte werden noch heute überraschend zu Groupies, wenn Bad Banks zur Sprache kommt.

Das stößt zwar nicht auf eine ähnlich bedingungslose Liebe in der Filmwelt, aber die Leidenschaft wächst. Man kann keine guten Filme machen, wenn man für seinen Stoff kein Verständnis entwickelt. Und wo Verständnis ist, kommt auch die Zuneigung. Selten hat eine deutsche Produktion schon im Vorfeld so viel Wert auf detaillierte Recherche gelegt, etliche Berater haben der Produzentin Lisa Blumenberg und dem Drehbuchautor Oliver Kienle zur Seite gestanden.

Désirée Nosbusch spielt die eiskalte Bankerin Christelle Lablanc.

Schauspielerin Nosbusch kann sich zwar keine Figur vorstellen, die entfernter von ihr ist, als die eiskalte Bankerin Christelle Leblanc. Eine Frau, die nur ihre Karriere im Kopf hat und bereit ist, dafür einen extrem hohen Preis zu zahlen. Trotzdem ist sie von ihrer Figur hingerissen. „Wenn man sich intensiv mit einer Figur auseinandersetzt, erkennt man natürlich die vielen Facetten eines Menschen“, sagt Nosbusch. Christelle Leblanc hat große Angst davor, ihre Position und damit ihre Macht zu verlieren. Auch das Älterwerden macht ihr zu schaffen. Alles Dinge, die Nosbusch bestens nachvollziehen kann.


„Es gibt dieses Klischee von Bankern als kapitalistische Heuschrecken“
BARRY ATSMA

Ähnlich geht es Barry Atsma, der schon von Natur aus als Inkarnation des berauschten Bankers durchgehen könnte. „Es gibt dieses Klischee von Bankern als kapitalistische Heuschrecken“, sagt der Niederländer. „Die Banker sehen das naturgemäß anders, und ich verstehe, warum. Die Banker sagen: Wir erfüllen Träume.“ Das ist beim Film auch nicht anders.

Auf dem Bildschirm wird überprüft, ob die Anschlüsse stimmen.
26.04.2019
Quelle: F.A.S.