Innenstädte in Gefahr

„Der stationäre Einzelhandel fährt gegen die Wand“

Von Jan Hauser
Aktualisiert am 14.09.2020
 - 14:52
Ausverkauf in der Innenstadtzur Bildergalerie
Wohnimmobilien werden in den Großstädten weiter teurer – doch die Angst um die Innenstädte wächst. Es ist vor allem der Handel, der dringend Hilfe braucht, heißt es von der Immobilienwirtschaft.

Das Karstadt-Haus in der Frankfurter Innenstadt ist dem nahenden Ende noch einmal von der Schippe gesprungen. Eigentlich sollte die Filiale an der Zeil Ende Oktober schließen wie ursprüngliche mehr als 60 Standorte der Kaufhauskette, doch vor einigen Tagen erst hörten die Mitarbeiter die frohe Botschaft: Der angeschlagene Warenhauskonzern Galeria Karstadt Kaufhof betreibt das Geschäft weiter. Zumindest bis zum Januar 2025 bleibt Karstadt in dem Gebäude. Doch in welcher Form sich Kleidung, Spielsachen und anderes hier weiter kaufen lässt, ist noch unbekannt.

Unsicherheit spiegelt in Corona-Zeiten auch die allgemeine Lage des stationären Einzelhandels wider. Der Handelsverband fürchtet das Aus für zehntausende Geschäfte. Immobilienfachleute sehen die Folgen drastisch. „Die Lebendigkeit der Innenstädte ist bedroht – es sind die wegbrechenden kleinen Einzelnutzer in Fußgängerzonen und Handelszentren, die fehlen werden“, sagt Andreas Mattner, Präsident des Zentralen Immobilien Ausschusses (ZIA), dem Spitzenverband der Immobilienwirtschaft „Wenn wir hier jetzt nicht gegensteuern, fährt der stationäre Einzelhandel gegen die Wand.“ Schon heute sei klar, dass es Zahnlücken in Fußgängerzonen und Handelszentren geben wird. Für die betroffenen Immobilien müssen neue Konzepte erdacht werden.

Kleine Geschäfte, große Ketten und zahlreiche Hotels spüren die Folgen der Corona-Einschränkungen. Viele Unternehmen sind in ihrer Existenz bedroht, wie aus dem Herbstgutachten zur Immobilienwirtschaft in und nach der Corona-Krise hervorgeht, das der ZIA am Montag vorgestellt hat. Im ersten Halbjahr meldeten 1840 Unternehmen aus dem Handel Insolvenz an, aber das waren rund zehn Prozent weniger als im Vorjahreszeitraum. Als Grund dafür gilt die momentan ausgesetzte Insolvenzantragspflicht für Unternehmen, die aufgrund der Corona-Krise zahlungsunfähig geworden sind.

Wohnungspreise steigen mit einer Ausnahme

Die Corona-Schutzmaßnahmen beschleunigen den Trend zum Online-Einkauf. Das spürt besonders das textile Ladengeschäft mit Umsatzrückgängen. Impulskäufe würden auch unter dem Einkaufserlebnis mit Abstands- und Hygieneregeln leiden. Kaufhäuser haben schon seit Jahren Problemen aufgrund großer Flächen und fehlender Profilschärfe. Michael Gerling, Geschäftsführer des Kölner EHI Retail Institute, der in dem Gutachten auf die Einzelhandelsimmobilien geblickt hat, sieht, dass die Nahversorgungs-Standorte florieren. Er fordert schnelle und pragmatische Genehmigungsverfahren für den Umbau, um den Innenstädten zu helfen.

Während gewerbliche Immobilien unter Druck geraten, bleibt für Wohnimmobilien alles wie bisher. Demnach zeigt sich beim Wohnungsbau kein Einbruch, die Kaufpreise für Eigentumswohnungen sowie für Ein- und Zweifamilienhäuser steigen weiter. Bundesweit lag die mittlere Angebotsmiete für Bestandswohnungen von April bis Juni bei 7,23 Euro je Quadratmeter und damit ähnlich wie in den ersten drei Monaten des Jahres. In den Großstädten legen die Mieten um etwa 3 Prozent zu.

In Berlin zeigt sich, dass die Marktmieten leicht sinken. Dieser Effekt war aber auch vor der Corona-Pandemie schon zu erkennen, heißt es im Gutachten. Allerdings hat sich in der Hauptstadt die Zahl der öffentlich angebotenen Wohnungen von rund 11.000 auf zuletzt nur noch 5.400 von April bis Juni halbiert. Die Autoren schreiben das nicht der Pandemie zu, sondern dem Mietendeckel in Berlin. Dieser führt voraussichtlich zu einem sinkenden Angebot und einer steigenden Nachfrage. Wohnungen würden teilweise nicht mehr neu vermietet, sondern an Selbstnutzer verkauft, als Zweitwohnsitz genutzt, möbliert kurzzeitvermietet oder leer stehen gelassen.

Hotels vor Insolvenzwelle

Dennoch könnte es auch auf dem Wohnungsmarkt einen Wandel geben, wenn durch verstärkte Heimarbeit die Pendeldistanzen weiter werden und somit die Nähe zum Arbeitgeber weniger zwingend scheint. Dadurch könnten das Umland von Städten und ebenso ländliche Raum mit einer gewissen Anbindung attraktiver für die Wohnungssuche werden.

Der Tourismus in Deutschland wird nach der Studie sich nur langsam erholen und erst 2022 wieder das Niveau von 2019 erreichen. Im ersten Halbjahr sank die Zahl der Übernachtungen um fast 50 Prozent. Das wird Folgen für das Gastgewerbe haben: Die bestehenden staatlichen Maßnahmen reichen der Einschätzung nach kaum aus, um einer Insolvenzwelle in der Hotellerie entgegenzuwirken, deren Ausmaß durch die Aussetzung der Insolvenzantragspflicht verschleiert werde.

Andreas Schulten, Generalbevollmächtigter des Beratungsunternehmens Bulwiengesa, erwartet, dass kleine mittelständische Hotelbetriebe mit geringen Liquiditätsreserven und veralteten Konzepten aufgeben werden, während der Einfluss finanzstarker Hotelketten wächst. Auf dem Land würden Schließungen zu Arbeitslosigkeit und Gewerbesteuerverlusten führen. Auch fehlt dann die öffentliche Funktion der Hotelbetriebe mit Restaurant uns Veranstaltungsmöglichkeiten. Er hat für die Studie die Entwicklung der Büro-, Logistik-, Hotel und Pflegeimmobilien betrachtet.

Der Markt für Büroimmobilien dürfte ähnlich wie bisher bleiben. In Großstädten steht eine vitale Nachfrage einem limitierten Angebot gegenüber. Zwar gibt es den Effekt, dass mit mehr Heimarbeit der Bedarf an Büroflächen um schätzungsweise 10 Prozent sinkt. Schulte hält hingegen den Effekt für bedeutend, dass die Zahl der Bürobeschäftigten seit Jahren zulegt. Auch Pflegeimmobilien bleiben gefragt. Die Spitzenrenditen für Pflegeheime liegen derzeit bei rund 4,3 Prozent und für Betreutes Wohnen bei 3,5 Prozent.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Hauser, Jan
Jan Hauser
Redakteur in der Wirtschaft.
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