Vier Fragen zur Immunität

Was steht drin im Corona-Impfpass?

Von Joachim Müller-Jung
26.02.2021
, 19:15
Eine App für mehr Freiheiten? So könnte der grenzüberschreitende Corona-Impfausweis künftig aussehen.
Immun gegen Corona, geht das überhaupt? Der europäische Impfpass ist von der Politik inzwischen fest avisiert, aber es sind einige Fragen offen. Was könnte in einem Immunitätszertifikat stehen, das digital überall abrufbar ist? Vier Fragen, vier Antworten.

In Brüssel und Berlin ist er schon fest eingeplant. Ungefähr drei Monate noch, kündigte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn an diesem Freitag an, dann sollen die EU-Bürger den digitalen Impfpass bekommen. Was aber steht da drin? Und vor allem: Welche Sonderrechte sind mit dem neuen Immunitätszertifikat verbunden, was darf der Träger, was Nichtgeimpfte nicht dürfen? In der Pressekonferenz des Robert-Koch-Instituts machte Spahn deutlich, dass letztere Frage, die zu möglichen Privilegien etwa im innereuropäischen Reiseverkehr oder im Hinblick auf Veranstaltungen, noch ausgehandelt werden muss. Davor stehen allerdings jenseits des Datenschutzes vor allem noch Antworten auf einige medizinische und immunologische Fragen, die die Aussagekraft des Impfpasses beeinflussen – und nach denen noch immer gesucht wird.

1. Was sagt der Stempel im Impfpass?

Zuerst: das klassische gelbe Impfheft dürfte keine Rolle mehr spielen. Der Stempel hat ausgedient. Ein digitaler Impfpass war ohnehin für Anfang 2022 zum Start der elektronischen Patientenakte vorgesehen. Mit dem Corona-Pass soll es nun einen mobilen digitalen Impfausweis ein halbes Jahr vorher geben. Was aber steht dann da, wenn man die Corona-Impfung anklickt?

„Geimpft“, Impfdatum, Impfstoffmarke und Impfdosis und gegebenenfalls die Angaben zur Auffrischungsimpfung, so wie das im gelben Heft bisher schon für andere Impfungen festgehalten wird, werden in irgendeiner Form nachzulesen sein. Gut möglich aber, dass noch einiges dazu kommt. Was wohl kaum vermerkt werden wird, ist: Ob man einen in der Zulassung als wirksam ausgewiesenen Impfstoff wie die von BioNTech/Pfizer oder Moderna bekommen hat, oder einen formal etwas weniger wirksamen wie den Vektorimpfstoff von Astra-Zeneca/Oxford. Denn was den Schutz vor der Coronakrankheit Covid-19 – das wichtigste Impfziel – betrifft, sind alle Wirkstoffe gleich: Sie schützen nach den Erfahrungen aus Zigmillionen Impfungen bisher zu 100 Prozent vor einem schweren Krankheitsverlauf und vor Tod.

Das gilt für die drei genannten zugelassenen Impfstoffe, aber auch für die gerade im Zulassungsverfahren geprüften neuen Vakzinen „Novavax“, „Sputnik V“ aus Russland, sowie für den Impfstoff von Johnson & Johnson. Unterschiede in der Effektivität wurden lediglich beim Schutz vor Infektionen mit anschließendem milden Covid-19-Verlauf (der nicht im Krankenhaus behandelt muss).

2. Sagt das Impfzertifikat etwas über die Ansteckungsschutz aus?

Die Frage, inwieweit Geimpfte keine Sars-CoV-2-Erreger mehr übertragen, ist zum jetzigen Zeitpunkt noch unklar. Mit sehr großer Wahrscheinlichkeit dezimiert eine Impfung nach wenigen Wochen, sobald die Immunantwort auf dem Höhepunkt ist, auch die Viren im Nasen-Rachenraum. Der Immunologe Leif-Erik Sander von der Charité ist überzeugt: „Die Impfungen haben einen massiven Einfluss auch auf die Infektiosität der Geimpften.“ Kein Experte erwartet allerdings von den bisher zugelassenen Wirkstoffen eine sogenannte sterile Impfung. Eine Garantie, dass man sich nicht ansteckt, wird es nicht geben. Und ziemlich sicher auch kein Schwarzweiß, was die Infektiosität von Geimpften betrifft. Das bedeutet: Steckt sich ein Geimpfter an mit dem Virus, kann es in den Schleimhäuten der oberen Atemwege durchaus zu einer Vermehrung von Viren kommen. Ob diese Infizierten ansteckend sind, wird derzeit in zahlreichen Studien geprüft.

Der analoge Impfausweis hat bald ausgedient.
Der analoge Impfausweis hat bald ausgedient. Bild: dpa

Daten und vereinzelte Studienergebnisse aus Israel, wo die meisten Erfahrungen mit dem mRNA-Impfstoff gesammelt wurden, deuten auf eine überraschend starke Dämpfung der Infektiosität hin. Ob die ersten Zahlen von annähernd neunzig Prozent oder mehr „Blockade“ zutreffen, ist allerdings noch umstritten. Die Datenerhebung in Israel gilt zwar als beispielhaft, aber in den Beobachtungsstudien, in denen anfangs Abertausende Nichtgeimpfte und Geimpfte über einen kurzen Zeitraum miteinander verglichen wurden, gibt es methodische Schwächen, die anders als in einer streng kontrollierten klinischen Studie eine Vergleichbarkeit schwierig machen. Dazu gehört, dass sich Geimpfte nach der Impfung erwartungsgemäß weniger einem PCR-Test unterziehen als Ungeimpfte, die noch nicht über den Impfschutz verfügen. Zudem gibt es „Confounder“ – methodisch schwer zu korrigierende Unterschiede in den beiden Studiengruppen der Geimpften und Nichtgeimpften, die zumindest Fragezeichen bei solchen Beobachtungsstudien lassen (Vorerkrankungen, Alter, soziale Kontakte, ect.). Zweifel daran, dass die vom mRNA-Impfstoff hervorgerufene Immunantwort tatsächlich auch in sehr vielen Fällen vor Übertragungen schützt, gibt es kaum. Zuletzt ist eine noch nicht in einem Fachmagazin veröffentlichte Untersuchung bekannt geworden, an der unter anderem Wissenschaftler der Universität Cambridge beteiligt waren.

Dabei wurden mehrere Tausend symptomfreie Mitarbeiter im britischen Gesundheitssystem zwischen dem 18. und 31. Januar auf das Virus getestet. Bei der Untersuchung ging es speziell um die Schutzwirkung bei nur einer Dosis mit der Vakzine von BioNTech/Pfizer. Eigentlich sind zwei Dosen im Abstand von einigen Wochen vorgesehen. Im Untersuchungszeitraum erhielten 0,80 Prozent der nicht-geimpften Personen ein positives Testergebnis (26 von 3252). Unter Geimpften, deren erste Dosis mindestens 12 Tage zurücklag, waren es 0,20 Prozent (4 von 1989). Die Verringerung der Infektiosität schon nach der ersten Impfdosis ist also beeindruckend. Wie groß die Unterschiede zwischen den Impfstoffen hinsichtlich der Verringerung der Ansteckungsgefahr sind, bleibt abzuwarten. Es wird auch ganz entscheidend davon abhängen, ob und welche Virusvarianten mit Immun-Fluchtmutationen in dem jeweiligen Lebensbereich des Geimpften kursieren. Fazit: Eine Notiz nach dem Muster „Kommt als Überträger noch in Betracht: Ja/Nein“ ist auszuschließen.

3. Werden „Booster“ für neue Virusvarianten erfasst?

Ein Update zu Auffrischungsimpfungen, die gegen neue Virusvarianten gerichtet sind, dürfte sinnvoll sein – sofern die Zulassungsbehörden solche Varianten auch als potentiell gefährlich identifiziert haben. Als eine solche Variante käme derzeit etwa die südafrikanische Variante B.1.351 infrage. Sie enthält eine Kombination von Mutationen, die dem Erreger helfen, der Immunantwort teilweise zu entkommen. Sie ist aber weniger ansteckend, sie verbreitet sich derzeit auch sehr viel weniger schnell als die britische Variante B.1.1.7 und macht weniger als fünf Prozent der kursierenden Sars-CoV-2-Viren aus. Das schließt nicht aus, dass noch andere Varianten mit immunologischen Fluchtmutationen auftauchen. Christian Drosten von der Charité hält es aber für ein vorübergehendes Phänomen am Anfang einer solchen Pandemie: „In den nächsten Jahren hilft ein starker Immunschutz der Bevölkerung.“ Neue Mutationen entstehen bei einer geringen Verbreitung des Erregers sehr viel seltener, die Herdenimmunität schützt. Der Virologe ist zudem skeptisch, ob B.1.351 noch einen „durchschlagenden Effekt“ hierzulande haben wird. Die Verbreitungsfähigkeit dieses Erregers sei doch deutlich eingeschränkt in Konkurrenz zu den anderen Virenvarianten wie B.1.1.7.

Tritt doch noch eine neue gefährliche Mutante auf, die den Immunschutz durch die Impfung unterlaufen könnte, kann möglicherweise schon in drei Monaten eine Booster-Dosis für die Auffrischung des Impfschutzes hergestellt werden. Das ist das Ziel des für die Impfstoffe zuständigen Paul-Ehrlich-Instituts, das nach Auskunft ihres Präsidenten Klaus Cichutek derzeit mit europäischen Partnerinstituten an einem „Wechsel-Verfahren“ für Varianten-Impfstoffe arbeitet. Ein Eintrag einer Auffrischungsdosis mit Hinweis auf die daraufhin geprüfte Variante ist also denkbar.

4. Wird die Immunität einer früheren Infektion anerkannt?

Wer eine Sars-CoV-2-Infektion hinter sich hat – ob mit oder ohne Krankheitssymptome – wird für eine gewisse Zeit auch eine Immunität aufweisen: Antikörper, T-Immunzellen und Immun-Gedächtniszellen. Allerdings ist nach Studienlage dieser Immunschutz sehr unterschiedlich ausgeprägt. Bei symptomlosem Verlauf der Infektion werden so wenige neutralisierende Antikörper gebildet, dass diese oft schon nach wenigen Wochen oder Monaten nicht mehr relevanten Schutz bieten. Grundsätzlich gilt: Je ausgeprägter die Symptome nach der Ansteckung, desto besser – und mutmaßlich ausdauernder – die Immunität. Doch wie soll man den Immunstatus nach einer früheren Infektion nachweisen? Denkbar wären Antikörpertests mit dem Blut, die es auch bereits als Schnelltest gibt. Allerdings wird damit nur ein Teil des möglichen Immunschutzes erfasst. Das Ergebnis könnte über eine frühere Ansteckung, aber kaum über den tatsächlichen aktuellen Immunstatus auch nur ansatzweise sicher Auskunft geben.

Blutentnahme für einen Antikörper-Test.
Blutentnahme für einen Antikörper-Test. Bild: dpa

Charité-Immunologe Sander hält solche Testergebnisse im Immunitätsausweis für sinnlos. „Wir kennen die Rolle der Antikörper viel zu wenig.“ Gemeint ist damit, dass aus den bisherigen Studien noch immer kein Immunmerkmal ermittelt werden konnte, das quantitativ angibt, ob ein Immunschutz gegen Sars-CoV-2 sicher vorliegt. Das gilt für natürliche Infektionen ebenso wie für die Impfungen. Hätte man dieses „Immunkorrelat“, könnte man mit dessen Mengen im Blut (dem Titer) bestimmen, ob ein bestimmter Grenzwert über- oder unterschritten wird – und entsprechend im Impfzertifikat bescheinigen. Ist dieser Immunmarker durch weitere Forschungen endlich identifiziert und validiert, könnte man nach dem Dafürhalten von Christian Drosten zum Beispiel mit einem „Elisa“-Test, einem antikörperbasierten Nachweisverfahren im Labor, die Höhe des Immunschutzes jedes Impfpass-Inhabers ermitteln – und entsprechend im Impfpass eintragen. Theoretisch zumindest. Der Haken bei einfachen Antikörpertests: Auch die effektiven neutralisierenden Antikörper, die anfangs hoch sind, bleiben nicht stabil, sie werden sukzessive allmählich abgebaut, wenn nicht die sie produzierenden B-Gedächtniszellen durch einen weiteren Kontakt mit dem Erreger nochmals zur Produktion frischer Antikörper angeregt werden.

Quelle: FAZ.NET
Joachim Müller-Jung- Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Joachim Müller-Jung
Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.
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