Nobelpreisträgertagung Lindau

Online mit Top-Oldies

Von Joachim Müller-Jung
03.07.2021
, 14:52
Lindauer Nobelpreisträgertagung 2021
74 Nobelpreisträger, fast 700 Nachwuchsforscher und ein schwärmerischer 101-Jähriger: Der Jubiläumstreff in Lindau war ein digitales Ereignis – gerade, weil man wieder ein Zeichen für die Wissenschaft setzte.
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Die Inselhalle: eine digitale Höhle, wenig Mensch, viel Kabel, Kameras, Leinwände – ein viriler Kontrollraum der Cyberwelt. Alles andere als der Bienenstock der klugen Köpfe, der vom stillen, beständigen Wasser des Bodensees umspült wird. Es ist der Platz, an dem Deutschland sich um diese Jahreszeit gewöhnlich als Nabel der aufgeklärten Welt präsentiert: Belebt und gedankenschwer, aber auch mit einer jugendlichen Leichtigkeit, die von den paar Hundert aus allen Kontinenten angereisten Nachwuchsforschern ausgeht, die sich hier mit Dutzenden Nobelpreisträgern treffen – normalerweise. So war das jedenfalls vor der Pandemie. Und so hätte man in Lindau gerne auch das Jubiläum mit den Teilnehmern aus den drei naturwissenschaftlichen Nobel-Disziplinen Physik, Chemie und Medizin oder Physiologie gefeiert: siebzig Jahre Nobelpreisträgertagung im Kreis von 74 geladenen Laureaten und gut siebenhundert jungen Spitzenforschern. Verhindert haben das die Kontaktbeschränkungen. Und so galt für die Online-Junbiläumswoche, was dereinst die unvergessliche Lindau-Protagonistin Rita Levi-Montalcini lebensklug bemerkte: „Habe keine Angst vor schwierigen Momenten. Das Beste geht von ihnen aus.“

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Die vor achteinhalb Jahren verstorbene Medizin-Nobelpreisträgerin verkörperte jenen „Geist von Lindau“, den Gastgeberin Bettina Gräfin Bernadotte diesmal via Glasfaserverbindung beschwor im virtuellen Lindau-Kosmos. Man könnte sogar sagen: Gerade in der Krise war er lebendig. Er habe, berichtete der Medizin-Laureat Harvey Alter bei seiner Lindau-Premiere fast überschwänglich bei seiner Podiumsdiskussion, noch nie so viel Präsenz der Wissenschaft in der Öffentlichkeit erlebt wie in diesen Tagen. Tatsächlich ist Corona zum Prüfstein für die Wissenschaft geworden – nicht nur fachlich im Hinblick auf die Forschung, auch gesellschaftlich und von der Politik ist sie nicht immer günstig auf die große Bühne gehoben worden. Einer der Höhepunkte des virtuellen Treffens war deshalb die Veröffentlichung der „Lindau Guidelines“, einer Leitlinie mit zehn Zielen für eine offene, kooperative Wissenschaft. 2018 hatte Medizin-Preisträgerin Elizabeth Blackburn die Initiative für eine transparente Grundlagenforschung gestartet. Nach vielen Stunden gemeinsamer Diskussionen im Lindau-Kreis bringt die Leitlinie nun ein wissenschaftliches Ethos zum Ausdruck, das auch als Antwort auf ein in der Pandemie sich teilweise laut artikulierendes Misstrauen gegen die Wissenschaft verstanden werden kann. Mehr als drei Dutzend der Nobelpreisträger hatten das Papier unterzeichnet, da war die Erklärung noch keine siebzig Stunden alt. Soll also einer sagen, der Wille zum Fortschritt und die Sorge um die Zukunft kümmerten die Alten nicht. Die junge Generation ist das Herzstück der Lindau-Idee, doch umso weniger gelten hier Alteisen-Klischees. Das hat sich schon früher immer wieder gezeigt – ob es um die frühe Warnung vor der Atomaufrüstung ging oder um die vor dem Pariser Klimagipfel von 72 Laureaten unterzeichnete „Mainauer Deklaration“. Pate für die „Lindau Guidelines“ stand die charismatische Levi-Montalcini. 1993 hatte sie am Bodensee in einem legendären Vortrag die Umrisse ihrer „Magna Carta of Duties“ vorgetragen, die als verantwortungsethisches Vermächtnis unter dem Titel „Declaration of Human Duties“ den Vereinten Nationen vorgelegt wurde.

In diesem Jahr war es ein langjähriger Freund, der an die „große Lady“ erinnerte: Edmond Fischer, mit 101 Jahren der älteste lebende Nobelpreisträger, ließ es sich nicht nehmen, mit mächtigen Kopfhörern auf dem Ohr von der empathischen Italienierin zu schwärmen. Das Wichtigste: Möge bei allem Druck der Spaß am Forschen nie vergessen werden. Ob es nicht vielleicht auch eine Bürde sei, wurde Fischer von einer jungen Frau im virtuellen Raum gefragt, ein Nobelpreisträger und quasi Rockstar zu sein. Doch, schon, sagte der, die Ansprüche würden mit der Auszeichnung in den Himmel wachsen. „Danach musst du höllisch vorsichtig sein, was du veröffentlichst.“ Welcher Corona-Forscher könnte das nicht unterschreiben, der schon das Rampenlicht gesehen hat?

Quelle: F.A.Z.
Joachim Müller-Jung- Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Joachim Müller-Jung
Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.
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