Ab in die Botanik

Alles andere ist Aprikose

Von Johanna Kuroczik
25.07.2020
, 15:00
Ab in die Botanik: Marillen, so weit das Auge reicht.
Geschützte Ursprungsbezeichnung, Original-Siegel: Ist die berühmte Marille aus der Wachau wirklich so besonders? Schlechtes Timing für solch Empfindlichkeiten, dieses Jahr ist für die Super-Aprikose schon hart genug.
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Bevor wir uns mit einem Glas süßer Marillenschorle gedanklich in die Wachau versetzen, uns vorstellen, wie wir auf einem Kirchplatz sitzend an einem Sommertag den Blick entlang der blaugrünen Donau über Weinterrassen und Obstbäumen schweifen lassen, muss geklärt werden: Ist die berühmte Marille der Wachau wirklich so viel mehr als nur eine schnöde österreichische Aprikose?

Die „Original Wachauer Marille“ ist sanft orange mit roten Sprenkeln und schmeckt besonders süß, trotz ihrer sauren Nuancen. Mit einem Siegel garantieren seit 2003 rund 220 Obstbauern in der Wachau, nur traditionelle Sorten anzubauen, hauptsächlich die „Klosterneuburger Marille“. Der Ursprung der Spezies Prunus armeniaca liegt in China und Zentralasien, mit Unterstützung des Römischen Reichs ist die Aprikose jedoch seit rund zwei Jahrtausenden auch in dem niederösterreichischen Tal heimisch. Tags herrscht pannonische Wärme, das nahe Waldviertel sorgt für kühle Nächte: Dieses Wechselspiel habe direkten Einfluss auf den Geschmack, heißt es im EU-Dokument zur „geschützten Ursprungsbezeichnung“ der Wachauer Marille. Doch die alten Sorten seien empfindlich, sagt Franz Reisinger, Obmann des Vereins „Wachauer Marille g.U.“ – und Herr über mehr als 2000 Bäume. Die treiben ihre weißen Blüten gewöhnlich im März. Wenn es dann noch mal friert, ist die Ernte ruiniert, so war es dieses Jahr.

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Ein schlechtes Jahr für die Marille

Durch den warmen Winter blühten die Bäume früh, ein paar Tage Kaltluft aus Skandinavien im April genügten, um die Erträge im Sommer 2020 auf gerade mal fünf Prozent der üblichen Menge schrumpfen zu lassen. Vergangene Woche startete die Ernte: Mehrmals am Tag ziehen die Landwirte und ihre Helfer nun durch die Baumreihen, denn die Früchte müssen zum rechten Zeitpunkt gepflückt werden. Optimal ist, wenn sie sich mühelos vom Ast lösen lassen. „Wir ernten eigentlich mit den Augen“, sagt Reisinger. Die Steinfrucht schmeckt nur bis zum nächsten Tag wirklich gut, sie wird schnell matschig und taugt dann auch zur Marmelade nicht mehr. Marillen anzubauen sei immer mit Risiko behaftet, weiß der Obstbauer. Bei Regen würden die reifen Früchte an den Bäumen platzen, dann wäre die ohnehin schon maue Ernte futsch. 2020 ist ein überaus schlechtes Jahr für die Marille: An diesem Wochenende feiern die Einwohner der Wachau (gemeinsam mit Tausenden Touristen) für gewöhnlich den jährlichen Marillenkirtag, ein Volksfest auf dem Kirchplatz in Spitz. Als besonders traditionsreich preist es der Bürgermeister, obwohl es erst seit 1951 stattfindet. Doch zwischen Marillenknödeln, ordentlich Marillenschnaps und Wachauer Wein kümmern solche Details nicht mehr. Wegen der Corona-Pandemie fällt die Obst-Sause jetzt allerdings aus.

Ob die Marille, auch nüchtern betrachtet, besonders ist, sucht Micha Horacek vom Francisco Josephinum Forschungszentrum im österreichischen Wieselburg durch Isotopenanalysen herauszufinden: Ob also Kohlen-, Sauer-, Wasser- und Stickstoffatome im österreichischen Obst charakteristisch zusammengesetzt sind, dessen Profil somit unverwechselbar und fälschungssicher ist. Eine Eigenheit fand er tatsächlich 2017, wenn auch nicht im gerühmten Fruchtfleisch, sondern im Stein. Das Projekt ist noch nicht abgeschlossen – wir akzeptieren die Grenzen der Wissenschaft an dieser Stelle und empfehlen, für die optimale Marillenschorle nicht mit dem Nektar zu geizen.

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Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Kuroczik, Johanna
Johanna Kuroczik
Redakteurin im Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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