Ab in die Botanik

Dämmerung im Faserland

Von Sonja Kastilan
18.07.2020
, 09:00
 Leinen bügeln: Ein Tribut an eine alte Tradition.
Öl, Samen, Fasern: Schon vor über 30.000 Jahren schätzten Menschen die nützlichen Flachspflanzen. Leinen ist nicht nur sommerlich, sondern uraltes Kulturgut.
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Zu wissen, dass man eine gut 30.000 Jahre alte Tradition würdigt, wenn man Wäsche aufhängt, lässt einen leider nicht vergessen, dass ihr später am Bügelbrett Tribut zu zollen ist. Leinen knittert vielleicht edel, aber das Bettzeug fühlt sich trotzdem angenehmer an, je öfter es gewaschen – und gebügelt wurde.

Warum dieses Gewebe gerade boomt, ist mir deshalb ein Rätsel, oder bin ich besonders empfindlich? Aber den „Masters of Linen“ scheint heimlich eine Trendwende gelungen zu sein: Leinenwäsche aus europäischer Produktion kann jetzt im Sommer nicht nur ökologisch auftrumpfen, sondern darf auch als kühlend gelten, dabei glatt und weich zugleich. Statt Baumwollsatin ist plötzlich Batist aus Langfaserflachs angesagt, und selbst „stone-washed“ kommt auf diese Weise wieder in Mode, wenn es geschmeidig sein soll, nicht nur robust oder zugfest.

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Neben Hanf und Brennnessel oder Rindenbast diente Flachs schon in der Morgendämmerung der Menschheit als pflanzliche Faserquelle. Selbst jene Jäger und Sammler, die in der Steinzeit die georgische Dzudzuana-Höhle bewohnten, müssen die Vielseitigkeit geschätzt haben, denn Archäologen fanden abgesehen von Steinwerkzeugen sowohl Nadel (aus Knochen) als auch Fädchen, die sie dem wilden Flachs zuordneten.

Gemeiner Lein in Europa

Vor rund 30.000 Jahren hat dort jemand Pflanzenfasern verarbeitet, ohne zu ahnen, dass irgendwann ein Schwurhand-Zeichen als Gütesiegel für reines Leinen oder Halbleinen von Bedeutung sein wird. Oder dass Baumwoll-Importe den florierenden Flachsanbau in Europa stark zurückdrängen. Noch wird dieser immerhin in Frankreich, Belgien und den Niederlanden gepflegt – von Caen bis Amsterdam, seltener in Deutschland und Österreich. Schade eigentlich, denn die blauen Blüten des Gemeinen Leins (Linum usitatissimum) wiegen sich hübsch im Wind, während Böen die meterhohen, überaus dünnen Stengel mechanisch herausfordern.

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Während ich mit dem Laken kämpfe, um es auf meinem Balkon zwischen Efeuranken, Minztöpfen, Farn und Lavendel zum Trocknen zu spannen, wird mir bewusst, dass ich keinen Platz für den Tuchteppich von Bayeux hätte, zudem Kulturgeschichte mit Füßen trete: Im Frühjahr habe ich die Bodenplatten mit Leinöl-Firnis behandelt – empfohlen als bewährtes Holzschutzmittel, ich könnte damit auch das Mauerwerk streichen oder Farben mischen, und wer sich einmal mit Linoleum befasste, weiß, wie essentiell dafür Leinsamen sind.

Mühsame Spinnerei

Damit fing es vermutlich an: Nicht Fasern, sondern Ölsaaten begehrten die ersten Züchter im Nahen Osten, die sich schon vor 11.000 Jahren um den Ur-Lein kümmerten. Durch Selektion wurden die Samen allmählich größer, wie Funde aus Syrien, Iran, Irak und Israel belegen, aber in der türkischen Stätte Çatalhöyük überdauerte auch 9000 Jahre altes Gewebe. Im neolithischen Gepäck kam Linum kultiviert nebst Linsen und Getreide nach Europa, natürlich finden sich Spuren der Züchtungsgeschichte im Erbgut der Pflanze.

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Von einem Hektar lassen sich heute tonnenweise Fasern ernten, allerdings ist es mühsam, Leinen in Handarbeit zu gewinnen: Ohne Raufen, Riffeln und Rösten, Darren, Schwingen, Brechen und Hecheln gibt es nichts zum Spinnen, was Napoleon Bonaparte maschinell erledigt sehen wollte, als er 1810 Erfinder mit einer Million Francs lockte. Die wurden nie gezahlt, doch andere Regierungen förderten die Flachsspinnerei, und jetzt ist Europa einig Faserland.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Kastilan, Sonja
Sonja Kastilan
Redakteurin im Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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