Ab in die Botanik

„Ich stach Gwyneth Paltrow“

Von Johanna Kuroczik
05.05.2020
, 16:39
Ab in die Botanik: Die Hummeln
Die neuen Gartenbewohner verbreiten Lebensfreude, denn Hummeln haben einiges auf dem Kasten, weiß die Forscherseele. Ihr kurzes Leben steckt voller Dramen: Schwesternmord, Orgien und Parasiten.
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Ein Teil unseres Gartens liegt hinter dem Haus auf der Nordseite, er gerät leicht in Vergessenheit, denn kaum eine Pflanze hält es hier aus. So beanspruchte unsere verstorbene Hündin einst dieses Territorium als stilles Örtchen. An einem Morgen im März zeigten sich die neuen Bewohner der verwilderten Moos-Rasen-Fläche: Trotz weniger Grad über null summten große Hummeln durch die Luft, Richtung Häuserwand, und verschwanden in Mäuselöchern. Offensichtlich hatte sich eine Kolonie in dem Bau eingenistet.

Bombus terrestris ist die häufigste Hummelart in Europa, doch jedes Nest sei etwas Besonderes, erklärt Lars Chittka. Der Zoologe widmet seine Forschung an der Queen Mary University in London den Hummeln, Bienen und ihren Interaktionen mit Blüten. Für eine Studie aus dem vergangenen Jahr verfolgte er die Odyssee der jungen Königinnen nach dem Erwachen aus dem Winterschlaf per Radar. „Es scheint Wochen zu dauern, bis die junge Hummelkönigin das optimale Zuhause findet.“ Dazu inspiziere sie oft viele hundert Höhlen. Im neuen Heim legt sie ihre Eier, aus denen die Arbeiterinnen schlüpfen. Nicht nur dank ihres bräunlich-gestreiften Pelzchens kann die Dunkle Erdhummel der Kälte trotzen. Mit ihrer Muskulatur reguliert sie ihre Körperwärme und heizt sich auf mehr als dreißig Grad hoch. So labt sie sich ohne Konkurrenz an den Frühblühern, eine Zeitlang brummte es besonders in unserem Rosmarinstrauch. „Ihre Lieblingsfarben sind blau und violett“, bestätigt Chittka. Hummeln tragen in ihren Augen Rezeptoren für Grün, Blau und Ultraviolett. Vor einigen Wochen berichtete Chittka mit Kollegen in „Science“, dass Hummeln sich sogar Objekte merken und wiedererkennen können, die sie zuvor nur im Dunkeln ertastet hatten, ähnlich einem Menschen, der im Rucksack nach seinem Schlüssel kramt.

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Wo sind die Hummeln?

Bei den Erdhummeln handelte es sich um mit Zuckerwasser beträufelte Würfel. Im Hellen flogen sie direkt auf die süßen Quader zu, die nun hinter Glas lagen. „Hummeln sehen Blumen, Bäume und andere Objekte als Ganzes und reagieren nicht nur auf Farbkleckse“, erklärt Chittka. Sie seien keine Reflex-Maschinen. Und sie lernen schnell: Hummeln mögen zwar blauen Lavendel, bergen Blüten anderer Couleur aber mehr Futter, steuern sie die an.

Vor den Eingängen ihres Heims hinterm Haus sprießen auch ohne viel Sonne inzwischen Löwenzahn oder Butterblumen. Seit einigen Tagen fehlt nur das Brummen. Wo sind die Hummeln? Chittka fällt eine Ferndiagnose schwer. „Womöglich hat ein Parasit die Kolonie befallen, oder sie war schon im abnehmenden Stadium des Lebenszyklus.“ Hummeln sterben am Ende der Saison, nur die jungen Königinnen harren aus. Der Klimawandel lasse die Hummeln aber immer früher starten, in milden Wintern seien in London schon Völker um die Weihnachtszeit gesehen worden.

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Die Nordseite ist wieder trist. Dazu passt die Musik der Killer Bee Queens, Chittkas Rockband: Auf ihrem Album „Strange Flowers“ besingen sie die Welt von Hummeln und Bienen und klingen dabei ein bisschen wie Joy Divison, etwa in Songs wie „Ich stach Gwyneth Paltrow“. Das Leben einer Hummelkönigin hat was von Shakespeare, meint Chittka. Erst töte sie all ihre Schwestern, dann folge eine Orgie mit Dutzenden männlicher Tiere. So hoffe ich, dass den Hummeln auf unserer Wiese ein rauschhaftes, wenn auch kurzes Leben vergönnt war.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Kuroczik, Johanna
Johanna Kuroczik
Redakteurin im Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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