Ab in die Botanik

Der Schwarzwald im Einmachglas

Von Johanna Kuroczik
23.12.2019
, 15:10
Wuchernde Botanik gibt es jetzt auch im Einmachglas. Wie funktionieren Flaschengärten? Es könnte so einfach sein.
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Manchmal hilft nur die Flasche. Wenn man etwa weder Garten noch Balkon besitzt und der einzige botanisch bestückbare Ort die Fensterbank des Badezimmers ist, kann man dort einen Flaschengarten plazieren. So etwas sieht aus wie „Rettet den Regenwald“ im Einmachglas. Noch vor wenigen Jahren fand man dergleichen nur vereinzelt in Design-Boutiquen, heute kann man Do-it-yourself-Kits im Internet bestellen. Bücher und Zeitungen beschreiben, wie man beispielsweise seinen eigenen Flaschengarten „Schwarzwald“ pflanzt. Der Wow-Faktor entspricht dem eines Buddelschiffes, das mehrmastig eine alte Schnapsflasche ausfüllt und Kinder zum Staunen bringt: Wie funktioniert das?

Das fragte sich Nathaniel Bagshaw Ward im Sommer 1829. Eigentlich wollte der Brite einen Schwärmer beobachten, wie dieser sich von seiner Puppe befreit, und hatte das Insekt dafür auf ein bisschen Mutterboden unter einer Glasglocke plaziert. Nach einigen Tagen keimte ein Farn, Lastraea Filix-mas, und etwas Gras; Ward vergaß den Schwärmer und experimentierte mit den Pflanzen. Er entwickelte den sogenannten Ward’schen Kasten, sozusagen den ersten Flaschengarten: Edle Versionen wurden Teil des viktorianischen Stils, in anderen konnte man nun lebende Pflanzen auf monatelangen Schiffsreisen transportieren. Heute lassen sich Pflanzengläser luftdicht verschließen. Während Flaschengärten meist alle paar Monate gegossen werden, gelangt in einer solchen Hermetosphäre nicht mal frische Luft an das Grünzeug. Der Brite David Latimer hat seine seit 1972 nicht mehr geöffnet. Die autarken Dreimasterblumen darin wuchern trotzdem wie wild.

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Anfängerfehler und Schimmelgefahr

Entscheidend für derart langlebige Flaschengärten ist ein balancierter Wasserhaushalt. „Es besteht immer Schimmelgefahr“, sagt Kimberly Frost. Die Agrarwissenschaftlerin eröffnet an diesem Wochenende in Berlin ein Geschäft für ihre Flaschengärten: „Tiny Gardens“. Der Boden von den Minigärten besteht aus mehreren Schichten. Unten liegt der Blähton als Drainageschicht, darauf wird Kohle verteilt, vorzugsweise Aktivkohle. Dann folgt die Erde, Moose und Pflanzen. Bevor das Gefäß verschlossen wird, füllt man gerade so viel Wasser hinein, dass sich am Boden nichts absetzt. Die Pflanzen transpirieren das Wasser über ihre Blätter, was sich an den Gefäßwänden wie Kondenswasser absetzt. Es rinnt nach unten in die Drainageschicht, wird durch die Kohle gefiltert und von den Pflanzen wieder aufgenommen. Als Pflanzen empfiehlt Kimberly Frost Farne, Bromelien oder Zierspargel. Hauptsache, sie mögen es subtropisch-feucht. „Viele Anfänger unterschätzen, wie wichtig die Moosschicht ist“, sagt sie. Wählt man für den ersten Flaschengarten ein Gefäß mit kleiner Öffnung, empfiehlt sich, lange Pinzetten und einen Trichter zu verwenden.

Minigärten sind ideale Geschenke. Zumindest bietet es sich an, gleich ein ganzes Arsenal zu bepflanzen, wenn man gedenkt, die Materialien in einem Baumarkt im wilden Frankfurter Westen zu erstehen. Blähton ist dort nur im 10-Kilo-Sack zu haben und nach Aktivkohle gefragt, verweist mich der irritierte Mitarbeiter auf die Braunkohle-Brickets im 25-Kilogramm-Block. Als ich mich auch noch nach Moos erkundige, schaut er mich an, als sei mir gerade welches auf dem Kopf gewachsen. Meine Motivation schrumpft angesichts dieser erschwerten Bedingungen. Vielleicht verschenkt man doch besser einen Ausflug zum Kaiserstuhl. Das ist dann wie der Flaschengarten „Schwarzwald“, nur in Groß.

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Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Kuroczik, Johanna
Johanna Kuroczik
Redakteurin im Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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