Ab in die Botanik

Die Lösung der Ginkgo-Rätsel

Von Johanna Kuroczik
01.02.2020
, 09:00
Ginkgo-Bäume sind ein großes Mysterium: Sie wuchsen schon in Zeiten der Dinosaurier, sind zähe Überlebenskünstler und altern scheinbar nicht. Für Goethe waren sie Liebesboten.
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Zu dieser Jahreszeit ist er nicht beeindruckender als jeder andere haushohe Baum im Frankfurter Brentanopark. Karg thront er am Ufer der Nidda, der Goethe-Ginkgo. Die kahlen Kurztriebe an seinen Ästen erinnern an Widerhaken, die Blätter liegen frostüberzogen am Boden. Ein Ginkgo ist weder Laub- noch Nadelbaum. Die Blätter sind dichotom, die Blattadern wachsen gabelförmig, ein sehr ursprüngliches Merkmal. Einige der fächerförmigen Blätter sind zweigeteilt und erinnern an ein Herz. Auch Johann Wolfgang von Goethe staunte darüber, als er am 15. September 1815 während eines Spaziergangs mit Freunden an diesem Ginkgo vorbeikam: Handelte es sich um zwei vereinte Blätter oder ein Blatt, das sich in zwei Teile gabelt? Für Goethe ein Sinnbild inniger Zuneigung: Die erste Niederschrift seines Liebesgedichts „Gingo Biloba“, das 1819 im „West-östlichen Divan“ erschien, ist auf den gleichen Tag datiert. Das „k“ klang ihm zu harsch, drum ließ er es weg. Er reimte, der Baum gebe „geheimen Sinn zu kosten, wie’s den Wissenden erbaut“. Neben die Verse klebte er zwei Ginkgo-Blätter.

Aber war wirklich der Frankfurter Ginkgo Goethes Muse? Vielen Wissenschaftlern scheinen die Indizien dafür zu dünn, wie Siegfried Unseld in dem Buch „Goethe und der Ginkgo“ festhält. Der Sinologe Günther Debon lokalisierte das Ginkgo-Gedicht Ende der 1970er in den Schlosspark Heidelberg. Hier stand wohl ebenfalls ein Ginkgo, an dem Goethe wenige Tage später vorbeispazierte und von dem er womöglich die aufgeklebten Blätter pflückte, denn das Werk verschickte er erst am 27. September aus Heidelberg. Auch Recherchen der Frankfurter Rundschau konnten den Fall 2014 nicht aufklären. Ihr Fazit: „Die Beweiskette ist lang und uneindeutig.“ Der Germanist Hartwig Schultz, damals Mitarbeiter des Freien Deutschen Hochstifts, mutmaßte 2004 gegenüber der F.A.Z., ein DNA-Test der von Goethe aufgeklebten Blätter könne den Ursprung ermitteln.

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Ginkgo überlebte Dinosaurier und die Atombombe

Bisher ist niemand diesem Rat gefolgt. Dafür hat die Wissenschaft mittels Genanalysen kürzlich ein anderes Geheimnis des Ginkgo-Baums gelüftet, nämlich das seiner ewigen Jugend. Ginkgos können mehr als tausend Jahre alt werden, und das scheinbar, ohne zu altern. Ein Team um Li Wang von der Beijing Forestry University analysierte die Gene von neun Bäumen im Alter von 15 bis 667 Jahren und entdeckte, dass die Wachstumsschicht unter der Rinde, das Kambium, zwar im Alter nachlässt, aber immer noch aktiv ist. Bei älteren Bäumen finden sich hier viele Hormone, die vor Stress durch Kälte, Hitze oder Schädlinge schützen, schreiben die Forscher in „PNAS“.

Ginkgos sind tatsächlich zäh: Schon Darwin bezeichnete die Pflanzen als „lebendes Fossil“. Seit rund 300 Millionen Jahren wachsen sie auf der Erde, so könnten schon Dinosaurier ihre Blätter gefuttert haben. Ursprünglich wuchsen sie auch in Europa, doch die Eiszeit drängte sie nach Asien. Dabei stellen sie so wenig Ansprüche an ihre Umwelt, dass sie heute von New York bis Tokio in Metropolen angepflanzt werden. Sie sind resistent gegen die meisten Baumkrankheiten und Schädlinge. Selbst eine Atombombe kann ihnen nichts anhaben: Ein Ginkgo, der keinen Kilometer entfernt vom Einschlagsort in Hiroshima wuchs, trug im folgenden Frühling wieder Blätter. In Zeiten des Klimawandels scheint der Ginkgo der Stadtbaum der Zukunft zu sein, dem Kambium sei Dank. Auch dafür, dass den Wissenden noch 700 Jahre bleiben, um die Beweiskette zu entwirren und den wahren „Gingo“ zu identifizieren.

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Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Kuroczik, Johanna
Johanna Kuroczik
Redakteurin im Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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