Ab in die Botanik

Farn mit Corona-Frisur

Von Johanna Kuroczik
20.06.2020
, 18:28
Ob paarig gefiedert, fußförmig oder linealisch: In der Botanik findet sich für jedes Blatt eine passende Beschreibung.
Um die Vielfalt der Blattformen zu erfassen, mussten sich die Botaniker eine besondere Sprache zulegen. Was hat sich die Natur bloß dabei gedacht?
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Es gibt klare Gewinner des Corona-Lockdowns. Einer ist der Goldtüpfelfarn in meinem Büro. Gartenexperten im Internet raten, dieser Farn liebe ein subtropisch-feuchtes Klima, eifrig goss ich meinen Schützling also täglich. Für die Pflanze muss sich das statt heimischer Regenschauer eher wie Waterboarding angefühlt haben: Seit meine Kollegin ihn nur sporadisch gegossen hat, ist er gesund wie nie, seine langen, blaugrünen Blätter glänzen kräftig, und statt reihenweise abzusterben, sind neue gewachsen. Eins davon ist nicht seicht-gewellt wie die übrigen, sondern kraus, als hätte man ihm eine Dauerwelle verpasst. Während ich die rundlichen Blätter des Ficus im Nachbartopf betrachte, frage ich mich, warum sind Blätter so unterschiedlich geformt?

Botaniker haben sich eine besondere Sprache zugelegt, um Blattformen zu kategorisieren, mit Termini wie „paarig gefiedert“, „fußförmig“ oder „verkehrt eiförmig“. Der Goldtüpfelfarn fällt wohl in die Gruppe „linealisch“. Die Form hängt freilich mit der Funktion zusammen, Blätter sind ja gewissermaßen die lebenswichtigen Organe der Pflanze. Wer sich an den Biologieunterricht erinnert, weiß, in den grünen Chloroplasten findet die Photosynthese statt, aus der Energie des Sonnenlichts, Wasser und Kohlendioxid werden Sauerstoff und Glukose.

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Wasser, Sonne und Hundertmillionen Jahre Evolution

Durst formt die Pflanze. Robuste Sukkulenten, Agaven etwa, haben fleischige Blätter, in denen sie Wasser speichern können. Eine Wachsschicht schützt sie vor dem Austrocknen. Wer in der Wüste überleben will, muss gut haushalten. Ganz anders ist es im Regenwald: Wo es ständig schüttet, können Blätter auch mal Basketballspieler überragen, etwa das berühmte 2,5 Meter lange Blatt eines Meertraubenbaums, das Anfang der achtziger Jahre im Amazonas-Gebiet gefunden wurde. Hier sind die Auswüchse der Pflanze eher dünn und rundlich, mit einer Spitze, damit das Wasser gut ablaufen kann. Auch das Sonnenlicht beeinflusst den Wuchs: Blätter, die eher am schattigen Boden wachsen sind tendenziell größer, um mehr Strahlen einzufangen, als solche in sonnenverwöhnten Baumkronen.

In unseren Breitengraden wachsen die Blätter jedes Jahr neu, mit den exotischen Giganten können sie nicht mithalten. Ihre Ränder sind häufig gezackt, wie bei der Buche, und die Blattadern sind oft kräftig, ein Kastanienblatt kann dem Busfahrplan einer Großstadt gleichen. Die Blätter seien darauf spezialisiert, möglichst effektiv zu wachsen, sagt Klaus Minol. Der Biologe leitet die Redaktion Pflanzenforschung.de, ein Projekt des Bundesministeriums für Bildung und Forschung. Ihn rufe ich an, nachdem ich weder in Studien zur Pflanzengenetik – wie denen im Fachjournal „Cell“ über das Gen LMI1, dem das Behaarte Schaumkraut seine gefiederten Blätter verdankt – noch im Buch „Frag doch mal die Maus – unser Wald“ klare Antworten gefunden habe, warum Blätter unter den gleichen Lebensbedingungen ganz unterschiedlich wachsen. „Klima, Konkurrenz, Verteidigung und Evolution“, summiert Minol. „Warum jedoch die Pflanzen auf einer Blumenwiese alle unterschiedliche Blätter haben, kann ihnen so genau niemand sagen.“ Löwenzahn, Birke und Co. haben teils viele Hundertmillionen Jahre Evolution hinter sich. „Die Pflanzen verfügen über ganz eigene Gen-Baukästen.“ Vermutlich ist das lockige Blatt meiner Büropflanze nur eine Laune der Natur. Ich bleibe gespannt, welche Baukünste der Farn noch auffahren wird.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Kuroczik, Johanna
Johanna Kuroczik
Redakteurin im Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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