Ab in die Botanik

Germania Silvis Horrida

Von Ulf von Rauchhaupt
10.11.2020
, 10:47
Zur Zeit der Römer war Germanien von düsteren Buchenwäldern bedeckt. Sie waren bereits damals eine irreversible Folge menschlichen Eingriffs in die Natur.

Das Land ist zwar durchaus von unterschiedlicher Gestalt, doch alles in allem starrt es vor Wäldern oder ist von Sümpfen verunstaltet“. So beginnt der römische Historiker Cornelius Tacitus (56 bis 117 n. Chr.) seine knappen Einlassungen zu den naturräumlichen Gegebenheiten Germaniens, genauer der germanisch besiedelten Gebiete jenseits von Rhein und Donau, denen es leider nie beschieden war, ein Teil des Imperium Romanum zu werden. Denn bald nach der Niederlage des Varus in der sogenannten Schlacht im Teutoburger Wald im Jahre 9 n. Chr. war den Römern der Appetit auf das „vor Wäldern starrende Land“ (Terra silvis horrida) gründlich vergangen. Die seit vorletzter Woche auf Netflix laufende Serie „Barbaren“ spielt vor diesem Hintergrund und hält sich hinsichtlich der Auswahl der Drehorte ganz an Tacitus: dunkler Wald überall, insbesondere Buchenwald.

Nun war Tacitus wahrscheinlich nie in Germanien gewesen, dürfte also das Land und den Gegensatz zu dem damals schon lange entwaldeten Mittelmeeraum nur aus Berichten anderer gekannt haben. Trotzdem ist seine Schilderung durchaus zutreffend, erklärt die Archäobotanikerin Susanne Jahns vom brandenburgischen Landesamt für Denkmalpflege in ihrem Beitrag zu dem Begleitband zu der Germanen-Ausstellung, die aktuell in Berlin zu sehen ist.

Eine Folge menschlicher Agraraktivität

Denn anhand von in Sedimenten eingelagerten Pollen lässt sich vielerorts rekonstruieren, wann wo welche Pflanzengruppen vorherrschten. Und im Germanien der Eisenzeit war das vor allem die Buche (Fagus sylvatica), die mit ihrem dichten Blätterdach den Wäldern dort jene besondere Düsternis verliehen haben muss. Die Gattung Fagus dominierte dabei im regenreichen Westen Germaniens („in Richtung Gallien ist es feuchter“, schreibt Tacitus). Im Osten hatte sich eher die mit den Birken verwandte Hainbuche (Carpinus betulus) breitgemacht, da sie die dort zumeist kälteren Winter besser übersteht. In staunassen Niederungen allerdings, den „hässlichen Sümpfen“ bei Tacitus, wo Buchen nicht wachsen, hatten sich Erlen gehalten.

Tatsächlich waren die eisenzeitlichen Buchenwälder keineswegs immer schon da, seit das Ende der Eiszeit eine Wiederbewaldung Mitteleuropas ermöglichte. Es waren keine Urwälder. Noch in der früheren Jungsteinzeit, bis etwa 4000 v. Chr., hatten Eichenmischwälder das Land bedeckt. Diese waren lichter und damit nicht nur landschaftlich einladender, sondern auch artenreicher. Eines der archäobotanischen Signale, die den Niedergang der Eichenmischwälder dokumentieren, ist der Rückgang an Pollen der Haselnusssträucher, denen die Buchen zunehmend das Licht nahmen.

Schuld daran war letztlich der Mensch. Denn offenbar hat sich die Buche erst als eine Folge menschlicher Agraraktivität ausgebreitet. „Tatsächlich sind die für den steinzeitlichen Ackerbau geeigneten Flächen auch für Buchen günstige Standorte“, schreibt Susanne Jahns. „Wurde ein Feld aufgegeben, konnten sich Buchen auf der Brache ansiedeln. Hatten sie sich einmal etabliert, behinderten sie mit ihrem dunklen Kronendach den Aufwuchs der lichtliebenden Bäume des Eichenmischwaldes.“

So hat der Mensch schon damals recht massiv und irreversibel in die scheinbar endlosen Wälder Germaniens eingegriffen – und schon damals nicht unbedingt zu seinem und anderer Lebewesen Vorteil. Das Anthropozän begann nicht erst mit Plastikmüll und Autobahnen.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Rauchhaupt, Ulf von (UvR)
Ulf von Rauchhaupt
Verantwortlich für das Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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