Ab in die Botanik

Hotel Beelifornia

Von Johanna Kuroczik
22.08.2020
, 09:00
Man weiß nicht, wer sich hier einquartieren wird - doch Honigbienen sind es sicher nicht.
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Diesen Sommer wollen alle die Bienen retten, gerne mit einem Insektenhotel. Doch mancher Halunke nutzt die neue Empfindsamkeit aus, bei den Nisthilfen aus dem Supermarkt ist Skepsis angeraten. Da greift man besser selbst zum Bohrer.
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Im Supermarkt stand es im Regal mit den Sonderangeboten, zwischen Einweg-Grills und Speisestärke: Das Bienenhotel für knapp fünf Euro hat ungefähr DIN-A4-Format, viele Fächer und ein kleines Dach. Aus welchem Holz es gefertigt wurde, bleibt ein Geheimnis, eine Beschreibung lag nicht bei. Und ich befürchte inzwischen, dass das Äquivalent zur vergnügten Comic-Imme auf der Verpackung niemals vorbeischauen wird.

Online sind Produktbeschreibungen anderer Insektennisthilfen zu finden, etwa des Typs „Mallorca“ (gehobene Preisklasse). Die Tannenzapfen hinter dessen Gittern im Erdgeschoss sind für Spinnen, Marienkäfer und Ohrwürmer gedacht. In den dicht gedrängt arrangierten Bambushalmen und löchrigen Holzklötzen in den Stockwerken darüber sollen Solitäre Wildbienen nisten. Jedes Weibchen sorgt allein für den Nachwuchs, polstert die Röhre mit Pollen, legt die Eier hinein, verschließt die Kammer und wiederholt das so lange, bis im Halm kein Platz mehr ist. Nun lehnt meine Nisthilfe seit Wochen auf dem Vorsprung an der Hauswand, Richtung Abendsonne, und obwohl Lavendel, Minze und Rosen ringsherum die ganze Zeit über in voller Blüte standen – das Holzhüttchen ist immer noch leer. Was stimmt damit nicht?

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Ein Gast mit schwarzer Brust und rostrotem Hinterleib

Eigentlich alles, erklärt mir Melanie von Orlow, die im Norden Berlins eine Imkerei betreibt und die Sprecherin des Naturschutzbunds Nabu für die Arbeitsgruppe Hymenoptera ist, Hautflügler also, zu denen Wespen, Bienen und allerlei andere im Garten willkommene Fluginsekten gehören. Nun sei es zu spät im Jahr, doch auch im Frühjahr wird bei mir vermutlich kein Insekt einziehen: „Neun von zehn dieser Nisthilfen sind Murks“, sagt sie. „Besonders die Massenware aus dem Supermarkt.“ Einige der billigen Kästen seien aus harzendem Nadelholz, andere mit Antiinsektenmitteln behandelt, die Löcher zum Nisten oft schlecht gebohrt, berichtet von Orlow. In den Gängen meines Exemplars entdecke ich Späne, und an den scharfen Rändern würden sich die Tiere verletzen. Die Bambushalme wären an sich praktisch, doch meist zu breit: Solitäre Wildbienen bevorzugen in der Regel Öffnungen, die drei bis sieben Millimeter messen. So mag es etwa die Gehörnte Mauerbiene, die zu den häufigsten Besuchern solcher Nisthilfen gehört und leicht an ihrem schwarzen Brustkorb und dem rostrot behaarten Hinterleib zu erkennen ist. Rund siebzig Prozent der mehr als 560 Wildbienenarten in Deutschland hausen ohnehin unter der Erde, und Honigbienen brauchen kein Hotel. Sie leben in großen Staaten und werden von Imkern versorgt.

„Bee-washing“ haben kanadische Forscher diese Taktik getauft, wenn Firmen sich an der neuen Bienen-Zuneigung bereichern, in dem sie Luxus-Nisthilfen für 300 Euro oder vermeintlich insektenfreundliche Samenmischungen verkaufen. Bei einer Umfrage in britischen Gartenmärkten gaben 2019 zwei von drei Kunden an, sie würden mehr für eine Pflanze zahlen, wenn die ein bienenfreundliches Logo ziere. Gute, handgefertigte Nisthilfen finde man auf Märkten, sagt Melanie von Orlow, doch ein Insektenhotel lasse sich auch einfach selbst zimmern. Dafür bohrt man recht tiefe Löcher in ein Stück Hartholz, reinigt die Gänge und glättet die Kanten. Oder man lockt Schornsteinwespen mit einer Lehmwand an, in der Öffnungen nur angedeutet sind. Bis zum Frühjahr ist ja noch genug Zeit.

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Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Kuroczik, Johanna
Johanna Kuroczik
Redakteurin im Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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