Ab in die Botanik

Können Pflanzen an Corona erkranken?

Von Johanna Kuroczik
17.04.2021
, 11:00
Unsere Autorin leidet unter Erkältungsviren und auch der Topfpflanze geht es nicht gut. Mehltau und Blattläuse kennt jeder, doch wie steht es um Virusinfektionen in der Pflanzenwelt? Tatsächlich können die für die Gewächse sogar von Vorteil sein.

Eine Erkältung grenzt derzeit an ein Wunder. Zumindest reagieren alle verwundert, wenn man über Schnupfen und Kopfweh klagt. Wie kann man sich diesen Winter überhaupt mit irgendwas anstecken, ohne Kontakte, dafür mit Maske? Die ubiquitäre Gesundheit ist eine Nebenwirkung des Lockdowns, die den Umsatz von Arzneiherstellern drückt. Die Hustensaft-Industrie ist praktisch am Boden, nun obliegt es mir allein, die Nachfrage nach Nasenspray am Laufen zu halten. Der Corona-Test war negativ, wie auch der Rest der naso­pharyngealen Selbstabstrich-Erfahrung.

Scheinbar verausgabt sich mein Immunsystem völlig im Kampf gegen Birkenpollen und lässt die Erkältungsviren gewähren. So leidet man schniefend und dösig auf dem Sofa, als einzige Gesellschaft die Topfpflanze, und bemerkt plötzlich, deren Blätter sehen komisch aus: gelbe Flecken, steif verformt, dazu komische Krümel. Man hört viel von Schreckgespenstern der Phytomedizin wie der von Bakterien ausgelösten Zitrusgrünkrankheit, der Mehltau-Pilzerkrankung und gefräßigen Schädlingen, doch wie steht es um Vireninfektionen bei Pflanzen? Kriegt die Monstera auch Corona?

Tatsächlich sind bisher keine Viren bekannt, die sowohl Menschen als auch Pflanzen befallen, wir sind wohl einfach zu unterschiedlich. Doch es wüten viele Hunderte fieser Viren in Europa, die es auf Pflanzen abgesehen haben, etwa das im Gartenbau häufige Gurkenmosaikvirus, das keineswegs nur Gurken, sondern auch Hunderte anderer Gewächse befällt: Die Blätter kriegen gelbe, mosaikförmige Flecken und verkrüppeln, die Pflanze wächst langsamer und stirbt. „Und man kann als Hobbygärtner nichts dagegen tun“, sagt Biologin Luitgardis Seigner, sie leitet die Arbeitsgruppe Virologie am Institut für Pflanzenschutz der Bayerischen Landesanstalt für Landwirtschaft, wo verdächtige Proben analysiert werden.

Wenn nur noch der programmierte Zelltod hilft

Häufiger wird Pilzbefall nachgewiesen. Doch seit die Globalisierung Pflanzen durch die ganze Welt schickt, gebe es in Europa mehr Schädlinge wie den Kalifornischen Blütenthrips, erklärt Seigner, und somit auch neue Viren. Denn Pflanzenviren werden nicht durch die Luft gehustet, sondern vom Krabbelvieh wie Blattläusen verbreitet, aber auch von kontaminierten Gartenscheren. Man werde die Erreger nur mit bestimmten Chemikalien los, sagt Seigner, denn Pflanzenviren seien sehr resistent.

Man könnte meinen, so eine Pflanze müsse leichte Beute sein. Weit gefehlt: Zwar bilden sie keine Antikörper, dafür tragen sie bestimmte Proteine zur Virenabwehr in ihren Zellen, wie die sogenannten Argonautenproteine. Und die Wachstumszonen, die Meristeme, bleiben meist virusfrei, auch wenn der Rest der Pflanze kränkelt. Ist die Infektion nicht mehr in den Griff zu kriegen, opfert die Pflanze bestimmte Teile durch den programmierten Zelltod. Ob es ein Virus war, der meiner Topfpflanze zu schaffen macht, weiß ich nicht. Angesichts der miesen Prognose fand sie ihr Ende in der Biotonne.

Allerdings bereiten nicht alle Viren ihren Opfern ein solches Schicksal: Das Gurkenmosaikvirus etwa verändert bei Himbeerpflanzen die Duftstoffe der Blüten so, dass sie häufiger von Hummeln angesteuert werden. Und die Blüten der sogenannten Rembrandt-Tulpen haben ihre malerisch schönen Farbverläufe einem Virus zu verdanken: Im 17. Jahrhundert hat wohl ein Mosaikvirus die Farbgene der edlen Tulpensorte ’Semper Augustus‘ so aufgemischt, dass die Blütenblätter nicht mehr einfarbig waren, sondern aussahen, als habe jemand mit lila Farbe auf gelben Grund gepinselt. Falls mal ein humanpathogenes Virus zirkuliert, das Menschen schöner macht, hoffe ich für meine Nachkommen, dass mein Immunsystem dann beizeiten wieder Pause macht.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Kuroczik, Johanna
Johanna Kuroczik
Redakteurin im Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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