Ab in die Botanik

Manuka und Kanuka

Von Ulf von Rauchhaupt
12.04.2020
, 08:00
Die wichtigste Wildpflanze Neuseelands ist mitnichten ein Farn, sondern ein blütenreiches Gebüsch mit einem Doppelgänger.
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Manuka bringt einen minderwertigen Honig hervor“, schrieb E. A. Madden vom neuseeländischen Landwirtschaftsministerium in einem Fachartikel für die Zeitschrift „Sheepfarming Annual“. „Aber wenn man Manuka durch Gras und Klee ersetzt, könnte man Honig besserer Qualität erzeugen.“

Der Artikel erschien 1951 und dürfte heute alle Freunde der Naturmedizin in Schockstarre versetzen. Denn heute ist der Honig, den neuseeländische Bienen aus dem Nektar der Blüten des Manuka-Baumes (Leptospermum scoparium) herstellen, der teuerste der Welt. Bis zu 300 Euro kostet das Kilo. Jährlich werden 10.000 Tonnen Manuka-Honig verkauft, obwohl Neuseeland nur 1700 Tonnen im Jahr produziert. Das meiste, was unter dieser Bezeichnung angeboten wird, ist also gefälscht und damit auch ohne die wundersamen Wirkungen, die dem Produkt zugeschrieben werden. Diese sind nicht alle völlig unplausibel. Es gibt tatsächlich eine Reihe von Studien, die den ätherischen Ölen des Gewächses Wirkungen unter anderem gegen Herpes simplex, Wurmbefall oder Coli-Bakterien bescheinigen. Beim Honig steht die medizinische Evidenz indes noch aus, anders als die kulinarische: Manuka-Honig schmeckt herber und wirkt länger auf den Gaumen als alles, was Bienen aus dem Nektar anderer Pflanzen machen.

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Erst die Maori machten Platz für den australischen Migranten

Die Pflanze selbst diente schon den Maori als Apotheke: Mit Rinde, Blättern oder dem Sud daraus senkten sie Fieber, kurierten Erkältungen, bekämpften Entzündungen. Und die leicht ablösbare Rinde brennt unter Entwicklung eines aromatischen Rauchs, ideal zum Räuchern von Fleisch und Fisch. Diese Rinde ist übrigens einer der Hinweise darauf, dass Manuka ursprünglich an die Feuerökologie Australiens angepasst war. Vor zwanzig Millionen Jahren haben vermutlich Stürme die Samen bis nach Neuseeland verweht, wo Manuka als lichtbedürftige Pionierpflanze es aber zunächst schwer hatte. Denn bis zur Ankunft der ersten Kolonisten aus Polynesien um das Jahr 1280 waren die Inseln zu 80 Prozent bewaldet. Erst durch die großflächigen Rodungen der Maori konnte Manuka zu einer der am weitesten verbreiteten Pflanzen Neuseelands aufsteigen – zusammen mit seinem Doppelgänger, dem Kanuka.

Manuka und Kanuka sind optisch eigentlich nur von Fachleuten leicht zu unterscheiden. Laien können sie aber durch das Befühlen der Blätter auseinanderhalten: Kanuka ist deutlich weicher. Dabei gehören beide recht verschiedenen Gruppen innerhalb der Familie der Myrthengewächse an, was aber selbst Fachbotaniker erst in den 1980er Jahren erkannten und Kanuka von Leptospermum ericoides in Kunzea ericoides umbenannten. In genau dieser Zeit wandelte sich auch das Image der überaus anpassungsfähigen Gebüsche (eine Kanuka-Varietät gedeiht noch auf mehr als 60 Grad heißen Böden in geothermalen Regionen der Nordinsel): Noch in den 1960er Jahren hatten Schafzüchter mit einer Pflanzenkrankheit infizierte Manuka-Zweige an ihre Nachbarn verkauft, auf dass der lästige Konkurrent zum Weidegras damit ausgemerzt werde.

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Nun aber begann klar zu werden, welche große Rolle Manuka und Kanuka für die Ökologie Neuseelands spielen. Und mittlerweile auch für die Ökonomie. Sollten die für die Wirtschaft der Inseln so wichtigen Touristen wegen des Coronavirus auch im kommenden Frühjahr noch nicht ins Land gelassen werden, die neuseeländischen Bienen arbeiten weiter.

Illustration Charlotte Wagner
Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Rauchhaupt, Ulf von (UvR)
Ulf von Rauchhaupt
Redakteur im Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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