Ab in die Botanik

Frühling, erwache!

Von Andreas Frey
30.03.2021
, 10:40
Der Frühling lässt auf sich warten, wie auch andere Freuden im Lockdown. Wenn die Frühblüher im Garten erfrieren, stellt sich die Frage: Wann ist es warm genug, um mit der Gartenarbeit zu beginnen?

Rückschläge sind normal, im Frühling wie im Leben, Schnee und Kälte eher die Regel als die Ausnahme. Aber jetzt will und kann ich von Rückschlägen nichts mehr hören. Erst der Impfstopp, dann der Frühlingsstopp, obwohl er gestern erst offiziell begonnen hat. Neue Lockdowns, neue Flockdowns – alles sieht und schmeckt und fühlt sich genauso an wie im November, als diese ewig graue Zeit begann. Dagegen stelle ich mir den endlosen Murmeltiertag in Punxsutawney als wahren Sehnsuchtsort vor, als große Party.

Bleibt nur noch der Garten. Aber dessen Zustand ist gerade genauso traurig: Die Frühblüher sind schon welk, einige Knospen erfroren, zudem erkennt man mehr Moos als Gras im Planquadrat, wenn es nicht gerade vom Märzschnee bedeckt ist. Mit dem Frühling verhält es sich wie mit dem Licht am Ende des Tunnels, das uns seit dem Spätherbst versprochen wird: Man denkt, man kommt näher. Aber dann entfernt es sich doch wieder.

Oder doch nicht? Zumindest im Garten keimt etwas Hoffnung, die lange Zeit der Vegetationsruhe ist vorbei. So jedenfalls weist es die sogenannte Grünlandtemperatursumme aus, mit der Agrarmeteorologen den Stand der Vegetation bestimmen. Sie ist hilfreich, um Bauern und Gärtnern den Zeitpunkt zu verraten, wann es wieder mit der Arbeit losgeht. Dieses Temperatursummenmodell wurde im Jahr 1976 von den Agrarforschern Ernst und Loeper entwickelt und beschreibt den Zeitpunkt des einsetzenden Gräserwachstums im Grünland.

Der ist erreicht, wenn die Grünlandtemperatursumme von 200 überschritten und der nachhaltige Vegetationsbeginn erreicht ist. Die Berechnung dieser Werte ist nicht ganz trivial, man summiert alle positiven Tagesmittelwerte seit Jahresbeginn, allerdings werden sie im Januar noch mit dem Faktor 0,5 und im Februar mit dem Faktor 0,75 multipliziert. Erst im März gilt der volle Tageswert, das ist der Monat, in dem in den warmen Regionen die 200-Werte bereits überschritten werden. Eingetreten ist dieser Fall mittlerweile an Rhein, Ruhr, Main und Mosel, im Osten und Norden hingegen wird man noch längere Zeit auf saftiges Grün warten müssen, wie man auf dieser Karte ortsgenau nachlesen kann: https://www.mtwetter.de/monatskarte.php.

Es geht auch einfacher

Der Hintergrund dieses heuristischen Maßes betrifft das richtige Timing zum Düngen der Feldfrüchte, und darunter ist hauptsächlich die Gabe von Stickstoff gemeint. Die Nährstoffe sollten rechtzeitig zur Verfügung stehen, damit das Gärtnerglück gedeihen kann. Die Pflanzen benötigen Stickstoff hauptsächlich für den Aufbau saftiger Pflanzenmasse, der Boden kann ihn allerdings schlecht halten. Daher ist der richtige Zeitpunkt so wichtig: Düngt man zu früh mit Stickstoff, wird er ausgewaschen und belastet die Umwelt. Düngt man zu spät, geht die Pflanze im Frühling nicht richtig auf.

Wem das alles zu kompliziert ist, orientiert sich lieber an den phänologischen Jahreszeiten, mit dem der typische Entwicklungsstand der Natur beschrieben wird. Der richtige Zeitpunkt für das Düngen und den Beginn der Gartenarbeit ist demnach kurz nach der Haselblüte, die in der Phänologie als Vorfrühling bezeichnet wird. Zeigt die Forsythie ihre gelbgoldenen Blüten, ist es für das Düngen von Beeten und Rasen fast schon zu spät. Dann ist per Definition bereits der sogenannte Erstfrühling angebrochen.

Für mich bedeutet das: Es wird Zeit, dass wir uns die Farbe zurück ins Leben holen. Radieschen, Spinat und Frühlingszwiebeln dürfen jetzt schon ins Beet – die Gartencenter haben ja endlich wieder geöffnet. Zumindest noch. Rückschläge nicht ausgeschlossen.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Frey, Andreas
Andreas Frey
Freier Autor in der Wissenschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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