Ab in die Botanik

Der Fluch des feuchten Sommers

Von Andreas Frey
24.08.2021
, 23:34
Pilzbefall - der Fluch des feuchten Sommers
Matsch und Brei statt stolzer Ernte: Pilze bedrohen Reben, Gurken und Tomaten, ein Bakterium nicht nur Apfel- und Birnbäume. Der gefürchtete „Feuerbrand“ ist jetzt wieder am Bodensee aufgeflammt.
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Wen ich auch frage in diesem Matschsommer, die Antwort fällt immer gleich aus. Mies sei die Lage im Beet und auf dem Feld, sagen befreundete Hobbygärtner und Landwirte, die Ernte falle dieses Jahr wohl ins Wasser. Einer berichtete mir vergangene Woche voller Verzweiflung, dass er alle Tomaten und das meiste Gemüse verloren habe: Verfault oder erbarmungslos aufgefressen von „Myriaden von gnadenlosen Nacktschnecken“, schrieb er mir.

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Betroffen ist auch ein verwandter Winzer, mit dem ich mich kürzlich unterhielt. Ihn traf das feuchte Wetter doppelt hart, weil er seinen Betrieb ausgerechnet in diesem Jahr auf Bio umgestellt hat. Bis zum Juni ging das noch einigermaßen gut, trotz des unterkühlten und nassen Frühjahrs. Doch dann folgte gleich auf die Blüte im Frühsommer ein tagelanger Starkregen, der die Blätter nicht mehr trocknen ließ, was Pilz­krankheiten förderte. Die sogenannten Gescheine verkümmerten oder verwandelten sich in Matsch – mehr als die Hälfte der Ernte sei vernichtet. Schuld war die gefürchtete Rohfäule, die unreife Trauben befiel. Dahinter steckt der Schimmelpilz Botrytis cinerea, gegen den im biologischen Anbau kein Mittel hilft. Jetzt müsse er aufpassen, dass der Pilz nicht in das Holz eindringe, sagte der Winzer. Sonst sterbe die ganze Rute ab, und dann wäre auch das kommende Jahr perdu. Dieser verflixte Schimmelpilz hat auch meine Tomaten und Basilikumpflanzen auf dem Gewissen, obwohl sie geschützt unter dem Balkondach stehen. Vor allem die Romatomaten, deren Samen ich direkt aus Italien bezog: Keine Frucht ist bislang rot, dafür überzieht ein Schimmelschleier die Pflanze wie ein Spinnennetz. Und auch der Basilikum, sonst so groß wie meine Töchter, steht mickrig und verloren auf dem Boden.

Sorge um Vespergurken und Apfelbäume

Wahrscheinlich habe ich noch nie so viel über Pflanzenkrankheiten gelernt wie in diesem Sommer. Den Falschen Mehltau fürchten und kennen die meisten, Botrytis wohl auch, weniger bekannt ist aber vermutlich der Didymella-Pilz, der in Niederbayern und Unterfranken derzeit die Gurkenernte bedroht. Zu einem Engpass von Einlegegurken werde es wohl nicht kommen, heißt es – noch besteht also Hoffnung für alle Freunde der zünftigen Brotzeit. Problematischer ist hingegen eine meldepflichtige Pflanzenkrankheit, die gerade wieder in Lindau am Bodensee nachgewiesen wurde: Feuerbrand, ausgelöst durch das aus Amerika nach Europa eingeschleppte hoch infektiöse Bakterium Erwinia amylovora, das Apfel-, Birnbäume und weitere Rosengewächse gefährdet. Einmal befallen, sterben Triebe und Äste ab – am Ende hilft nur das schnelle Zurückschneiden bis ins gesunde Holz oder gar das Roden. Feuerbrand befällt Pflanzen, ähnlich wie Rohfäule, wenn es während der Blütezeit und kurz darauf feuchtwarm ist.

Um zu retten, was noch zu retten ist, flehen die Hobbygärtner und Landwirte jetzt um stabiles und trockenes Sommerwetter. Ein paar Wochen Sonne und Wärme wären wichtig, sagen sie unisono, vor allem im Süden und Westen bräuchten sie längere Zeit keinen Regen mehr. Ein paar trockene Tage liegen hinter uns, doch ist es unwahrscheinlich, dass uns das letzte Augustdrittel mitsamt September noch eine ausdauernde Schönwetterlage beschert. Die Tiefs haben diesen Sommer eine Vorliebe für Mitteleuropa.

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Etwas Gutes hat das feuchte Wetter allerdings: Nie zuvor habe ich so viel hochwertige Minze geerntet. Seit Mitte Mai nehme ich nur noch Minzgetränke zu mir: frisch mit Wasser, Holundersirup und Eiswürfeln, aufgebrüht als Tee und, ganz Hemingway-Style, als Mojito. Es wird Zeit, dass das Zeug endlich eingeht.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Frey, Andreas
Andreas Frey
Freier Autor in der Wissenschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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