Ab in die Botanik

Blumen auf Bikini

Von Ulf von Rauchhaupt
12.07.2020
, 00:09
Anfang Juli war der internationalen Tag des Bikinis. Das namensgebende Südsee-Atoll hat ebenfalls eine Flora, seiner Vergangenheit zum Trotz.
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Nur wenig ist heute banal genug, als dass noch kein Gedenktag dafür ausgerufen wurde. Am 5. Juli etwa begehen wir jährlich den internationalen Tag des Bikinis. Dieser erinnert an das Datum im Jahr 1946, als der französische Autoingenieur und Textildesigner Louis Réard seine zweiteilige Bademodenkreation vorstellte. Völlig neu war die Idee nicht. Schon auf antiken Mosaiken sind junge Frauen in solcher Bekleidung dargestellt, und auch Eva Braun trug dergleichen ausweislich erhaltener privater Filmaufnahmen bereits 1940.

Réards Geniestreich war vor allem der Exotik verheißende Name. Zu „Bikini“ hatten Kolonialbeamte in Deutsch-Neuguinea den Namen eines Atolls im Nordwesten der Marshall-Inseln gemacht, das auf Marshallesisch eigentlich „Pikinni“ heißt, was so viel bedeutet wie „Kokosnuss-Fläche“. Im Sommer 1946 war der Korallenring weltbekannt geworden, da die Amerikaner am 1. Juli dort ihren ersten Kernwaffentest nach Kriegsende durchführten. Bis 1958 wurde Bikini danach noch von 22 weiteren Nuklearexplosionen malträtiert, darunter war auch der berüchtigte „Castle Bravo“-Test, bei dem 1954 eine Wasserstoffbombe zweieinhalbmal heftiger detonierte als geplant. Am Ende waren von den ursprünglich 25 Inselchen des Atolls noch 22 übrig.

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Radioaktive Kokosnüsse

Wie lange Bikini nach 1958 eine postapokalyptische Ödnis blieb, ist indessen unbekannt. Der amerikanische Botaniker Raymond Fosberg von der Smithsonian Institution besuchte das Atoll 1985 und schrieb den ersten (und bis heute letzten) Bericht über die Pflanzenwelt auf Bikini. Zuvor hatte sich nur Randolph Taylor von der University of Michigan dort umgesehen, und zwar kurz vor dem ersten Kernwaffentest. Fosberg fand 56 Pflanzenarten vor, 24 mehr als Taylor, und nur neun fehlten, die bei Taylor aufgeführt sind. Einige der kleineren Inselchen müssen allerdings von den Explosionen, insbesondere von Castle Bravo, komplett sterilisiert worden sein: Dort fanden sich nur junge Pionierpflanzen, vor allem das Samtblatt Heliotropium foertherianum und die Fächerblume Scaevola sericea. Beide gehören zu den 26 dort heimischen Arten, die übrigen haben Menschen auf das Atoll gebracht, fünf schon die Polynesier, darunter die Kokospalme.

Von deren Kokosplantagen ließen die Explosionen kaum etwas übrig. Die jetzt wachsenden Palmen haben jene Bikinianer angepflanzt, die 1972 wieder zurückkehren durften, nur um 1978 erneut evakuiert zu werden, als sich herausstellte, dass Trinkwasser und Früchte noch viel zu stark radioaktiv belastet waren und das bis heute sind. Seit 1996 darf immerhin getaucht werden: Die bei den Waffentests versenkten Kriegsschiffe machen Bikini zu einem begehrten Ziel zahlungskräftiger Unterwassersportler, die allerdings noch immer nichts essen können, was auf den Inseln wächst. Aufs Blumenpflücken sollte man daher auch besser verzichten, obgleich die weißen Fächerblumen durchaus etwas hermachen, ebenso die orangen Blüten des zu den Borretschgewächsen zählenden Baumes Cordia subcordata oder die Losbäume der Art Clerodendrum inerme. Diese Schönheiten sind alle einheimisch, wenn auch nicht endemisch, denn Atolle wie Bikini sind zu jung, als dass sich darauf eigene Arten hätten entwickeln können. Eine Besonderheit der Bikini-Flora ist Fosberg indes aufgefallen: „Einige Arten“, schrieb er, „zeigen eine ungewöhnliche Größe und Üppigkeit.“ Eine Erklärung dafür hatte er nicht.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Rauchhaupt, Ulf von (UvR)
Ulf von Rauchhaupt
Redakteur im Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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