Ab in die Botanik

Überall im Dschungel

Von Sonja Kastilan
20.04.2020
, 17:15
Wenn der Institutsflur wie in einem Comic aussieht, macht Warten sogar Spaß und regt die Phantasie an.
Zweieinhalb Monate ist es erst her, da saß ich auf einer Art Hochstuhl und musste warten. Heute kennt praktisch jeder den Institutsleiter und weiß, was ihn und seine Kollegen so umtreibt.
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Zweieinhalb Monate ist es erst her, da saß ich auf einer Art Hochstuhl und musste warten. Das kommt schon mal vor, gerade in einem international gefragten Forschungsinstitut. Ein Interview mit dem Direktor stand an, und zunächst war ich bewusst ein paar Minuten zu früh, dann wurde mein Gesprächspartner von einer Telefonkonferenz aufgehalten, die war schon wichtig, also hatte ich Zeit für ausgedehnte Flurbetrachtungen auf kleinem Raum. Zwei Tage später sollte die EU-Mitgliedschaft Großbritanniens enden, nun ja, das war tragisch, und Cro wurde 30, aber vorher erklärte uns die Weltgesundheitsorganisation den PHEIC, was sich leider wie „fake“ spricht, ausgerechnet. Das war dann doch schlimmer. Niemand konnte es damals wissen, und an jenem Institut wurde auch so einiges unternommen, um genau diese Entwicklung zu verhindern, doch die „gesundheitliche Notlage mit internationaler Tragweite“ sollte zu einer tödlichen Pandemie heranwachsen, die jetzt unser aller Leben verändert.

Dass ich mich um alte Malaria-Mittel, Ebola-Medikamente und Tuberkulose-Impfstoffe kümmere, ist Teil meines Jobs. Aber in diesem Frühjahr erscheinen derart exotische Arzneistoffe plötzlich sogar in Deutschland segensvoller als neuere, wirkungsvolle Antiallergika, mit denen wir die dunkle Macht des Blütenstaubs bekämpfen wollen. Ha, von wegen Birkenpollen als Plage unserer hochzivilisierten Welt: Das Stichwort „Corona“ beschwört gruselige Bilder herauf, von autofreien Straßen, tagtäglichen Maskeraden bis hin zum überstrapazierten Familienidyll. Wenn sich nun Mitteleuropa in einen von Viren durchseuchten „urban jungle“ verwandelt und man sein Zuhause nur noch als Vorhof zur Hölle empfindet, verlangt das nach mehr als nur einer Prise Humor. Und im sich immer schneller drehenden Medienkarussell kann es selbst erfahrenen Politprofis schlecht werden, sollte es unfreiwillig hoch und runter gehen. Die Nerven liegen blank.

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Von der Monstera zum Marsupilami

Zugegeben, zu Assoziationen lasse ich mich gerne hinreißen. Auf diesem Hochstuhl, in jenem Institut sitzend, wähnte ich mich in einem südamerikanischen Regenwald und erwartete im Gewirr von Monstera deliciosa, das eine oder andere Marsupilami zu sehen. Zumindest Fledermäuse, die fallen ja ins Forschungsfeld: Man ist auf der Suche nach demnächst überspringenden Erregern. Wenn keiner im Laborkittel vorbeieilte, keine Post abgeholt oder gebracht wurde, ließ ich frech die Beine baumeln und schaute mich um; wer den norwegischen Film „Kitchen Stories“ kennt, weiß, was ich meine. Viel war nicht zu beobachten, über einem grünen Boden ragten jedoch weiß getünchte Wände auf, und dort, in den Ecken, selbst hoch an der Decke, da wucherten Pflanzen. Eher sanft in Grau gehalten als im hart kontrastierenden Schwarz auf Weiß, wirkte der Gang für mich wie von André Franquin gestaltet.

Nun, der belgische Comiczeichner ist längst verstorben, doch die schwungvollen Linien von Wurzeln, Ranken mitsamt den Fensterblättern der als „Swiss Cheese Plant“ bekannten Monstera erinnerten an seinen Stil und beflügelten meine Phantasie. Allerdings fehlten die für ihn typischen Figuren. Vielleicht weil man sich hier aufs Wesentliche konzentrieren, sich nicht mit Projektionen aufhalten will, nichts überzeichnen? Nicht einmal Skizzen von Viren waren zu entdecken, wie wir sie jetzt zwei Monate später alle kennen als Bilder, für die sich sonst eben nur Virologen interessieren. Und warum muss ich schon wieder ans legendäre Marsupilami, so scheu und rar, aber wehrhaft, denken?

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Kastilan, Sonja
Sonja Kastilan
Redakteurin im Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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