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Lilien, oder das Aroma des Sommers

Von Sonja Kastilan
09.08.2022
, 10:07
Dufte Lilien
Wer sich ein besonderes Bouquet für laue Sommerabende wünscht, sollte sich Lilien ins Beet oder in einen Kübel setzen. Aber: Die Sorten gut auswählen, dann wird es honigsüß.
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Mit und ohne Duft sind sie zu haben: Mein Blumenhändler weist Lilien inzwischen nach ihren olfaktorischen Eigenschaften aus, die Farbe ist da eher zweitrangig. Im Sommer wage ich es meistens „mit“ und lasse mit großem Vergnügen eine süße Schwere durch die Wohnung wabern, was im Winter kaum zu ertragen wäre. Für mich. Ich bin, was Düfte angeht, nicht besonders tolerant und habe deshalb ein zwiespältiges Verhältnis zu Lilien, die mich – für immer und ewig – stets an phantastische Sommermomente in Berlin erinnern werden. Ein einzelner Stängel ist in der Lage, Altbauten mit absurd langen Fluren und 3,80 Meter hohen Decken nachhaltig zu parfümieren – das schont das Portemonnaie und macht optisch trotzdem viel her. Vor dem farbintensiven Blütenstaub muss man sich zwar in Acht nehmen, aber was für eine Pracht! Dekadent, wenn man gleich ein ganzes Dutzend ins Wasser stellt, sei es auch nur ein einziges Mal: Der Anblick ist unvergesslich.

Ein Morgenständchen im Kübel

Gladiolen, reinweiße und pink verlaufende, begleiten zurzeit eine einzelne zartrosa Lilie in meiner höchsten Vase, und als sich die erste von ihren neun (!) Blüten öffnete, fragte ich mich, ob ich sie nicht lieber ins Bad oder in den Garten verbannen sollte: Dieses Exemplar forderte mit einem intensiven, fast überwältigenden Bouquet meinen Geruchssinn heraus. Im Fachjournal „Phytochemistry“ hatten sich amerikanische Biologen und Pflanzenzüchter vor ein paar Jahren einmal mit dem Duft verschiedener Liliensorten beschäftigt und fanden für jede der fünf untersuchten eine spezifische Signatur. Sie spürten insgesamt 66 (andere nur 41) flüchtige Substanzen auf, darunter Terpene, Ester, Alkohole und Aldehyde, die von den Blütenblättern freigesetzt werden. Und zwar abhängig von der Tageszeit und der Blütenreife: Am Tag vier ist das Aroma am stärksten, berichteten chinesische Wissenschaftler kürzlich in den „Frontiers in Plant Science“. Sie machen 19 Duftstoffe für das Bouquet der Sorte „Manissa“ verantwortlich, deren Aroma sie als blumig und fruchtig beschrieben, gefolgt von einer scharfen, stechenden Note. Als insgesamt „musky“ bezeichneten es andere Forscher 2019 im Fachblatt „Horticulture Research“, wo sie eine Duftrecherche zur Gattung Lilium vorlegten und für diese sechs Aromatypen definierten, außer den moschusartige eben die schwach duftenden oder geruchlosen Lilien, kühle, fruchtige, blumige, fruchtig-honigartige – und die lilienhaften.

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Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Kastilan, Sonja
Sonja Kastilan
Redakteurin im Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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