Ab in die Botanik

Ein Museum fürs Gärtnern

Von Sonja Kastilan
23.07.2021
, 11:30
Von Wembley ins Gartenmuseum
Eine grüne Oase mitten in London: Einst Kirche, heute ein Museum, das den britischen Gärten und dem Gärtnern selbst gewidmet ist.Und hier sind keinesfalls nur rostige Gießkannen zu bestaunen.

Über englischen Rasen und Regen ließe sich an dieser Stelle so einiges erzählen, angefangen bei Aussaat und Pflege bis hin zu den verschiedensten Ballsportarten auf sehr berühmtem Grün. Nur sollte man es bei aller Liebe nicht wie Tom Cruise machen, der sich als Zuschauer in Wimbledon selbst von den Fans feiern ließ – und dadurch vom Geschehen auf dem Tennisplatz ablenkte. Im Wembley-Stadion wiederum, wo sich der Schauspieler abends zum EM-Finale blicken ließ, war einerseits die Konkurrenz an Prominenz aus allen Sparten größer, andererseits waren die Ränge weiter und trotz heftiger Kritik dichter besetzt. Außerdem galt alle Aufmerksamkeit der traditionellen „Mission Impossible“, einmal die Europameisterschaft zu gewinnen.

Was im Jahr 2021, noch dazu begleitet von heimischem Regen, unter Trainer Gareth Southgate endlich möglich schien, scheiterte tragisch, drei verpatzte Elfmeter ließen den Traum platzen. Auf dem nassen Hybridrasen triumphierten die Azzurri, und selbst Roberto Mancini hatte feuchte Augen – vor Freude oder Erleichterung, während die englischen Löwen bittere Tränen weinten: „Football almost comes home, before booking a ticket to Rome“, titelte „The Irish Times“ am Tag danach. Wer einen Silberpokal nach Hause bringen will, hat es sicher eilig, ins Flugzeug zu steigen; wer stattdessen eine Niederlage verschmerzen muss, kann vermutlich einen Ort der Ruhe gebrauchen, und in solch einem Fall wäre in London ein Besuch von „St Mary-at-Lambeth“ zu empfehlen.

Als Rettung vor dem völligen Verfall

Dort, wo im Jahr 1062 nur eine mittelalterliche Holzkirche stand, beherbergt heute ein im Lauf der Jahrhunderte immer wieder umgebautes, viktorianisch geprägtes und auch von Bomben getroffenes Kirchengebäude das „Garden Museum“. Es wurde 1977 eröffnet, um die Kirche vor dem völligen Verfall zu bewahren und um das Grabmal der Familie Tradescant auf dem längst stillgelegten Friedhof nebenan zu erhalten: John Tradescant der Ältere (1570?–1638) arbeitete einst für den Earl of Salisbury, später auch für die gebürtige Französin Henrietta-Marie de Bourbon: Frau von Charles I., somit Königin von England, Schottland und Irland; sein Sohn John Tradescant der Jüngere (1608–1662) trat in die väterlichen Fußstapfen, wurde königlicher Gärtner und ein die Welt bereisender Pflanzensammler und Botaniker.

Ihnen zu Ehren heißt die Gattung der Dreimasterblumen Tradescantia, und das Museum erinnert an beider Wirken, allerdings ist es im weitesten Sinne britischen Gärten – „celebrates the art, history and design of gardens“ – und dem Gärtnern gewidmet. Was nicht bedeutet, dass nur rostige Gießkannen oder Heckenscheren zu bestaunen wären: Neben einer Sammlung lockt das 2018 nach gründlicher Modernisierung neu eröffnete Haus mit weiteren Gärten und einem Café, zeigt wechselnde Ausstellungen und lädt zu Lesungen oder Workshops ein, zu finden sind die Veranstaltungen im Internet unter https://gardenmuseum.org.uk/.

So könnte man sich derzeit vom Leben der Floristin Constance Spry (1886–1960) inspirieren lassen, die 1929 mit „Flower Decoration“ ihr erstes, bald erfolgreiches Geschäft eröffnete und über die Jahre zahlreiche Bücher veröffentlichte, außerdem eine praxisorientierte Schule für Frauen gründete. Spry entwarf nicht nur Bouquets für Kinos, Geschäfte oder Modenschauen, sondern Brautsträuße für die High Society, etwa für Wallis Simpson, als die Amerikanerin 1937 den Duke of Windsor heiratete, und sie arrangierte 1953 den Blumenschmuck für die Krönung von Königin Elisabeth II. – die Queen wurde jetzt in Wembley durch Enkel William nebst Frau und Urenkel vertreten. Zuvor schickte sie dem Team eine Botschaft, lobte „spirit, commitment and pride“ aller. Und daran sollten sich die Fans ein Beispiel nehmen.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Kastilan, Sonja
Sonja Kastilan
Verantwortlich für das Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
  Zur Startseite
Verlagsangebot