Ab in die Botanik

Wer Amsel und Meise beim Feiern stört

Von Andreas Frey
13.11.2020
, 11:34
Im Lockdown treffen sich die Menschen in ihren Gärten, zwischen Heizpilz und Feuerschale. Das mag die Verbreitung des Virus eindämmen, doch der Rasen und die tierischen Gartenbewohner freuen sich nicht unbedingt darüber.

Der Garten ist der neue Partykeller, das gilt selbst im Winter. Hauptsache draußen, lautet die Devise in Zeiten der Pandemie, ein Platz an der frischen Luft ist der beste Ort, um Freunde oder Verwandte zu treffen. So wird in meiner Nachbarschaft jetzt eifrig aufgerüstet: Heizpilze und Propangasflaschen werden in die Gärten geschleppt, Feuerschalen aufgestellt, Brennholz gestapelt. Der Kampf gegen Corona ist auch ein Kampf gegen die Kälte, die soziale wie die thermische.

Von launigen Gartenfeiern im Herbst wurde mir schon erzählt, bisher gehöre ich aber zu den wenigen, die noch nicht zu einem solchen Treffen eingeladen wurde. Als klimabewusster Mensch hätte ich eine solche Einladung allerdings ausgeschlagen: Wer sich einen Heizpilz in den Garten stellt, schreckt meiner Erfahrung nach auch nicht vor taghellen LED-Strahlern, grabdeckelgroßen Granitplatten im Beet, Glyphosatkuren und anderen Umweltsünden im Planquadrat zurück. Außerdem überzeugt mich die Ausrede, den Heizpilz nur einen Corona-Winter lang zu nutzen, null: Wer lässt eine Anschaffung von 200 Euro nach der Pandemie im Keller verstauben? Es gibt aber weitere Gründe, Wärme, Feuer, Lärm, Licht und Rauch nicht zu übertreiben: Der Garten ist Rückzugsort und Winterquartier für Tiere; es gibt Zeiträume, in denen Igel und Fledermaus vor dem Menschen endlich mal ihre Ruhe haben wollen. „Wenn man seine Tiere im Garten behalten will, sollte man nicht jeden Abend eine Gartenparty veranstalten“, sagt Marja Rottleb vom Naturschutzbund in Berlin. Abgesehen davon findet sie Treffen mit Freunden oder Familienmitgliedern im Garten völlig in Ordnung, rät jedoch, ein paar Verhaltensregeln einzuhalten, um die Tiere nicht zu stören.

Heizpilze schädigen den Rasen und verletzen Vögel

Etwa das Licht zu dimmen und später auszuknipsen. Das gilt auch für den Sommer, denn LED-Fackeln oder Bodenstrahler bringen den Biorhythmus von Insekten durcheinander, mit fatalen Folgen für die Kerbtiere. In jedem Fall ist es empfehlenswert, Wärmequellen nicht zu nahe an Brennholz- und Komposthaufen zu stellen, denn die dienen als Winterquartier. Wer gern Feuer macht, sollte natürlich darauf achten, dass nichts Brennbares in der Nähe ist, zum Beispiel Nistkästen. Darin ziehen sich Siebenschläfer oder Gartenvögel zurück, die dann rasch ausgeräuchert würden. Und es schadet nicht, nach Einbruch der Dunkelheit im Garten ruhiger zu werden, dumpfe Bässe verärgern nicht nur die Nachbarn.

Die Freiburger Ökologin Alexandra-Maria Klein hat nichts gegen abendliche Treffen im Garten – Tiere würden lernen, sich an den Menschen anzupassen. Problematisch seien jedoch Heizpilze, nicht nur aus Klimaschutzgründen: Setzen sich Vögel auf das noch heiße Gerät, können sie sich verletzen. Verbrennen kann auch der Rasen, stellt man Feuerschalen direkt darauf.

Wer im nächsten Sommer saftiges Gras haben möchte, sollte deshalb mit mehreren Steinplatten vorbeugen – und sie nach dem Fest schnell wieder entfernen, empfiehlt Rasenexperte Martin Bocksch von der Universität Geisenheim. Die größte Gefahr bestehe bei Nässe: „Wenn viele Leute rüberlatschen, wird der Rasen weich, der Boden verdichtet sich und die Oberfläche wird zerstört.“ Um dem entgegenzuwirken, rät Bocksch, jetzt im November den Rasen zu belüften, leicht zu düngen und letztmals zu mähen. Dann stehe einer Gartenparty nichts entgegen.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Frey, Andreas
Andreas Frey
Freier Autor in der Wissenschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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