Ab in die Botanik

Die Pflanzen des Homer

Von Ulf von Rauchhaupt
09.03.2021
, 10:46
Was blüht denn da, auf der Wiese, wo Zeus und Hera es treiben? Die Identifizierung der etwa sechzig in den homerischen Epen namentlich erwähnten Pflanzen hatte schon etliche Gelehrte beschäftigt.

Unten nun sproß die heilige Erd’ aufgrünende Kräuter / Lotos mit tauiger Blum’ und Krokos, samt Hyakinthos.“ So übersetzte Johann Heinrich Voß zwei Verse im 14. Gesang der „Ilias“ des Homer. Sie beschreiben eine Frühlingswiese auf dem Berge Ida im Südosten der Troas, von wo aus Göttervater Zeus sich während des Trojanischen Krieges zuweilen Überblick über die Kampfhandlungen verschaffte. In einer der lustigsten Szenen des ansonsten unendlich traurigen Antikriegsepos steigt nun Zeus’ Ehefrau Hera aufgebrezelt zur Aussichtsplattform empor, um ihren Göttergatten zu verführen. Dem steigen prompt die Säfte, und er erklärt seiner Angetrauten, sie mache ihn schärfer als alle Göttinnen, Nymphen und Prinzessinnen, an denen er sich bis dahin vergriffen hatte. Hera überhört den „Locker Talk“, und so geht es gleich auf dem Blütenteppich zur Sache.

Das wirft nicht nur, aber auch die Frage auf, worum es sich bei den genannten Blumen handelt. Die Identifizierung der etwa sechzig in den homerischen Epen namentlich erwähnten Pflanzen hatte im frühen 19. Jahrhundert etliche Gelehrte beschäftigt. Den heutigen Wissensstand hat vor einigen Jahren Claudia Erbar, Professorin für Biodiversität und Pflanzensystematik an der Universität Heidelberg, in den Mannheimer Geschichtsblättern dargestellt. Dabei kommt sie auch auf die drei Frühblüher auf dem olympischen Liebeslager zu sprechen.

Von ihnen war der Lotos schon immer ein Problem der botanischen Gräzistik, denn Homer bezeichnet mit diesem Wort zwei manifest verschiedene Pflanzen. Die eine wird unter anderem als Pferdefutter beschrieben, die andere ist eine „honigsüße Frucht“ mit psychotropen Inhaltsstoffen, die damit verköstigte Reisende ihre Heimat vergessen lassen.

Neubewertung des Lotos

Doch auch der Hyakinthos ist ein Problem, denn handelte es sich tatsächlich um die Bezeichnung einer Gladiolenart, wie es andere antike Texte nahelegen, könnte er nicht im Frühling („aufgrünende Kräuter“) zusammen mit dem Krokos blühen. Bei diesem wiederum handelt es sich keineswegs um Crocus sativus, aus dem schon im Altertum der sündhaft teure Safran gewonnen wurde, denn der „kultivierte Krokus“, den Homer an einer anderen berühmten Stelle („Eos im Safrangewand“) auch erwähnt, blüht im Herbst. Vermutlich wälzten sich Hera und Zeus in der Vorstellung des Dichters eher zwischen Crocus biflorus, der in der Troas noch heute auf felsigen Höhenwiesen blüht.

„Das gemeinsame Vorkommen der Pflanzen auf dem Ida hat dann auch zu einer Neubewertung des Lotos geführt“, schreibt Claudia Erbar. Bei der Pferdefutter-Variante handelt es sich demnach nicht, wie früher angenommen, um Verwandte des Klees, wiewohl einer davon, der Hornklee, „Lotus“ als wissenschaftlichen Gattungsnamen trägt, sondern eher um das Scharbockskraut Ranunculus ficaria. „Die glänzenden Blätter dieses Hahnenfußgewächses mögen dafür verantwortlich sein, dass Homer den Lotos auf dem Ida als tauig bezeichnet“, schreibt Erbar. Bestimmte Teile des Scharbockskrauts wiesen zudem Ähnlichkeiten mit dem Gewächs auf, das sich vermutlich hinter dem anderen, dem psychoaktiven, homerischen Lotos verbirgt – was die Wortgleichheit erklären könnte. Zu diesem aber ein andermal.

Hier bleibt noch zu klären, warum die sonst notorisch – und aus gutem Grund – eifersüchtige Hera auf einmal die Liebestolle gibt. Es ist, wie der Leser zuvor erfahren hat, ein Trick. Zeus soll abgelenkt und in den postkoitalen Schlaf geschickt werden, damit Poseidon unbehelligt den von den Trojanern gerade schwer bedrängten Griechen beispringen kann. Es ist schließlich Krieg, Frühling hin, Blumen her.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Rauchhaupt, Ulf von (UvR)
Ulf von Rauchhaupt
Verantwortlich für das Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot