Ab in die Botanik

Nieder mit der Lampenflora

Von Ulf von Rauchhaupt
08.02.2020
, 12:14
Wird eine Höhle beleuchtet, sprießt dort früher oder später Grün. Lange war das gar nicht so einfach zu verhindern.
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Warum ist die Wand dort grün? Da muss Sergio Gómez lachen. Der Archäologe leitet die Ausgrabung des antiken Stollens, in dem wir uns befinden. Über 103 Meter führt er bis unter das Zentrum der „Pyramide der gefiederten Schlage“ in der alten Stadt Teotihuacán unweit von Mexiko-Stadt, die um 600 nach Christus unterging. Eben hatte Sergio auf die glitzernden Minerale aufmerksam gemacht, mit denen die alten Teotihuacanos die Decke des Ganges überzogen haben, damit sie im Fackelschein funkelt wie der Sternenhimmel. Auch von reichen Opfergaben hatte er erzählt, die man hier fand, viele davon aus Jade. Ist das grüne Zeug dort also auch welche? „Nein“, sagt der Archäologe, immer noch belustigt. „Das sind Pflanzen.“

Genauer gesagt sind es Algen. Wäre es hier feuchter, würden sich Moose dazugesellen, vielleicht sogar Farne. In elektrisch illuminierten Höhlen finden sich vor allem diese drei Pflanzengruppen. In unbeleuchteten dagegen ist es jeglichem Grünzeug zu duster. Selbst Laubmoose und Algen benötigen mindestens ein halbes Promille des Tageslichts, Blütenpflanzen das Zehnfache. Trotzdem wurde 1994 in der Lurgrotte in der Steiermark ein Exemplar des Steinbrechgewächses Chrysosplenium alternifolium gefunden, 102 Meter vom Eingang entfernt, und 2014, noch tiefer in derselben Höhle, ein Bäumchen des Schwarzen Holunders (Sambuscu nigra) – und das, obgleich das Licht in der Schauhöhle nur angeschaltet wird, wenn eine Besuchergruppe vorbeikommt.

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Ein optisches Ärgernis

„Lampenflora“ heißt das Phänomen. Auch englische Fachtexte verwenden diesen deutschen Ausdruck, den der Tübinger Botaniker Klaus Dobat 1963 geprägt hat. In jenem Jahr war in Frankreich die für ihre altsteinzeitlichen Wandgemälde berühmte Höhle von Lascaux für die Öffentlichkeit geschlossen worden. Nicht zuletzt der als „maladie verte“ (grüne Krankheit) bekanntgewordene Bewuchs rings um die Beleuchtungskörper hatte den Bildern zugesetzt. Auch in unbemalten Schauhöhlen ist das unterirdische Grün ausgesprochen unbeliebt. Pflanzen bilden schwache organische Säuren, die dem Kalk der Tropfsteingebilde zusetzen. Vor allem aber seien sie ein „optisches Ärgernis“, schrieb 1978 der Mitarbeiter einer Studiengruppe, die zwei Jahre lang untersucht hatte, wie man der Lichtgewächse in den Waitomo-Höhlen in Neuseeland Herr werden könnte. In Lascaux hatte man es mit Formaldehyd versucht, in Waitomo dann mit Dampfreinigern, UV-Strahlen, Herbiziden und so etwas wie Toilettenreinigern. Nur Letzteres erzielte halbwegs Erfolge, allerdings stank die berühmte Glühwürmer-Höhle anschließend nach Chlor.

Heute, da man sich der Empfindlichkeit der verschiedenen tierischen Höhlenbewohner bewusst ist, sind Chemikalien tabu, abgesehen von Wasserstoffperoxid, das Tropfsteinen jedoch auch nicht gut bekommt. In der Iberger Tropfsteinhöhle bei Bad Grund im Harz kommen Pflanzengifte schon deshalb nicht in Frage, weil sie in einem Trinkwasserschutzgebiet liegt. Die beliebte Besucherhöhle ist seit 1911 elektrisch beleuchtet und wurde 2008 durch ein modernes Museum ergänzt. „Zwischen 2008 und 2012 bearbeiteten wir die Lampenflora jährlich mit Wasser, Bürsten und Schwämmen bis hin zu Zahnbürsten rein mechanisch“, erklärt die Museumsleiterin Ortrud Krause.

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Revolution in der Höhlenbeleuchtungstechnik

Umso mehr freuen sich Höhlenbetreiber über die Erfindung der LED. Diese Leuchtmittel lassen sich heute so konstruieren, dass ihrem Licht die zur Photosynthese tauglichen Wellenlängen weitgehend fehlen. In der Mammoth Cave im amerikanischen Bundesstaat Kentucky wurde bereits im Jahr 2000 alles Lampengrün herausgerupft und dann eine LED-Beleuchtung installiert. Seither wächst da nichts mehr, entnimmt man der jüngsten Übersichtsarbeit zum Thema, die 2019 im International Journal of Speleology. Auch in der Iberger Tropfsteinhöhle hat die neue, 2013 verlegte LED-Anlage das Problem mit dem Grünzeug zumindest reduziert. „Die Abstände der Lampen zu beleuchteten Formen sind meist groß genug, um Algen nur geringfügig entstehen und zumindest Farn und Ähnliches absterben zu lassen“, sagt Ortrud Krause. „An anderen Stellen, die aufgrund des Besucherverkehrs stärker frequentiert sind und wo Lampen sich näher am Objekt befinden, ist allerdings allmählich, wenn auch langsamer, nach wie vor Flora entstanden, wobei sich das Artenspektrum offenbar verändert hat.“

Für Betreiber kleinerer Besucherhöhlen, die ihr Objekt nicht regelmäßig schrubben können oder solchen, denen das Auswechseln der Höhlenbeleuchtung zu teuer ist, haben die Autoren des Berichts im internationalen Speleologenjournal noch einen anderen Tipp parat: Lasst das Licht aus und gebt euren Gästen Taschenlampen.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Rauchhaupt, Ulf von (UvR)
Ulf von Rauchhaupt
Redakteur im Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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