Ab in die Botanik

Rüstig nach 4000 Jahren

Von Ulf von Rauchhaupt
19.10.2021
, 11:18
Ja, auch Bäume vergreisen und zeigen typische Alterserscheinungen. Aber nicht alle! Ausgerechnet der langlebigsten aller Baumarten macht hohes Alter höchstens indirekt zu schaffen.
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Altwerden ist nichts für Feiglinge, pflegte meine Großmutter zu sagen, als sie auf die hundert zuging. Sicherlich, gegen das Altern wäre weniger einzuwenden, würde man dabei nicht zugleich vergreisen. Immerhin teilen wir Menschen das Schicksal einer mit den Jahren irgendwann schwindenden Fitness mit anderen höheren Lebensformen. Im Stall oder in freier Wildbahn wird sie nur nicht so oft zum Thema.

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Vergreisen Pflanzen also auch? Die Frage ist nur bei mehrjährigen Gewächsen sinnvoll und besonders interessant im Fall der Bäume, Symbole rüstiger Langlebigkeit, und sie ist überraschend wenig erforscht. Dabei hätte man wenigstens Klarheit darüber erwartet, ob und wie schnell die Samenproduktion mit zunehmendem Alter eines Baumes nachlässt, stellen doch Produkte aus Früchten und Nüssen verholzender Pflanzen bis zu drei Prozent unserer Nahrungsmittel. Als das amerikanische Finanzministerium 1986 aufgrund eines neuen Steuergesetzes die Wertminderung älterer Plantagenbäume anzusetzen hatte, fanden die Beamten so gut wie keine wissenschaftliche Literatur zu der Frage. Ihnen blieb nichts anderes übrig, als die Pflanzer zu befragen, die ihre Bäume nach überlieferten Regeln ersetzen, bevor Ertragsrückgänge spürbar werden. Ökologische Modelle gehen indes oft davon aus, dass größere Bäume auch mehr Samen produzieren. Doch größere Exemplare einer Art – gemessen an der Dicke ihrer Stämme – sind in der Regel auch älter. Solche Modelle würden die Samenproduktion also überschätzen, wenn diese aufgrund von Vergreisungseffekten im höheren Alter nachließe. Aber tut sie das?

So vital wie einst

Es bedurfte eines 62-köpfigen Teams aus Biologen und Agrarwissenschaftlern aus aller Welt, um etwas Licht in die Sache zu bringen. Ihre Studie, die im August in PNAS erschienen ist, umfasste 585.670 Bäume, und bei 63 Prozent der 597 untersuchten Baumarten beginnt bei zunehmendem Stammdurchmesser die Fertilität irgendwann zu sinken, also setzt zumindest dieses Vergreisungssymptom ein. Bei 17 Prozent nimmt die Samenproduktion trotz sich weiter vergrößernder Baumkronen zumindest nicht weiter zu. Nur bei zwanzig Prozent der Baumarten scheint das durch die Größe gemessene Alter keinen Einfluss darauf zu haben, wie viele Samen an ihren Zweigen reifen, was den Autoren zufolge aber auch methodische Gründe haben kann. Insgesamt lautet ihr Fazit: Ja, selbst Bäume vergreisen. Aber offenbar nicht alle: Im Jahr 2001 veröffentlichten zwei Biologen in der Fachzeitschrift Experimental Gerontology Untersuchungen an Great Basin bristlecone pines (Pinus longaeva) an fünf Standorten in Kalifornien und Utah. Exemplare dieser mit der Grannen-Kiefer (P. aristata) nah verwandten Art stellen den ältesten bekannten vielzelligen Organismus dar, der nicht als Klon ins Dasein getreten ist; ein 1964 gefälltes Individuum hatte bis dahin mehr als 4900 Jahre gelebt.

Die von den beiden Autoren untersuchten Kiefern waren zwischen 23 und 4713 Jahre alt und zeigten keinerlei altersabhängige Veränderungen in ihrem vitalen Gewebe und auch sonst keine Anzeichen von Alterungsprozessen auf zellulärer Ebene. Zwar altert die äußere Erscheinung, aber das erklären sich die Wissenschaftler durch Änderungen im Nährstoffangebot, welche die Bäume wegzustecken hätten, da sie in kargen, hoch gelegenen und trockenen Regionen wachsen. Dort haben sie allerdings auch mehr von ihrer ewigen innerlichen Jugend, denn Pilzkrankheiten, Schädlinge oder Waldbrände drohen da kaum. Was die Kiefern gewöhnlich zur Strecke bringt, ist eine Entwurzelung infolge von Erosion. Auch wem die Vergreisung erspart bleibt, der ist nicht unsterblich.

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Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Rauchhaupt, Ulf von (UvR)
Ulf von Rauchhaupt
Verantwortlich für das Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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