Ab in die Botanik

Im Pflanzenparadies Teneriffa

Von Johanna Kuroczik
18.01.2021
, 17:39
Im Lockdown wurde Urlaub auf Teneriffa plötzlich cool – dabei wissen Botaniker, Hippies und Humboldt die Insel schon lange zu schätzen. Den Insel hat eine einzigartige Pflanzenwelt zu bieten.

Wer in früheren Jahren im Dezember Urlaub auf den Kanaren machte, erntete von Bekannten oft nur ein betretenes Lächeln: „Ist das nicht ein Rentnerparadies?“ Anders im düsteren Lockdown-Winter: Als einziges europäisches Nicht-Risikogebiet mit Temperaturen über 19 Grad war Teneriffa plötzlich exotisch wie eine karibische Privatinsel, der Abenteuerfaktor konkurrierte mit einem Trip zu den Cannabisplantagen Marokkos. „Ich habe gehört, du fliegst nach Teneriffa“, raunten einem Bekannte nun mit verschwörerischem, ja hungrigem Blick zu: „Wie geil ist das denn?“

Wie geil Teneriffa tatsächlich ist, war Liebhabern der Botanik freilich schon vor der Pandemie bekannt, Alexander von Humboldt bereits 1799. Der weilte eine Woche auf der größten Insel des Archipels, rühmte die Reichhaltigkeit der Vegetation (er habe „nirgends ein so mannigfaltiges, so anziehendes Gemälde“ gesehen) und soll hier obendrein die Lehre der Pflanzengeographie ersonnen haben.

Die Kanaren gelten als „Galapagos der Pflanzenwelt“, denn auf den recht jungen Vulkaninseln, Teneriffa ist etwa 12 Millionen Jahre alt, konnte sich die Flora frei entfalten, hier gedeihen mehr als 2200 Pflanzenarten. Haushohe Büsche vom roten Weihnachtsstern oder Oleander schinden Eindruck. Faszinierender sind jedoch die mehr als 550 Endemiten, also Pflanzenarten, die nur hier auf den Inseln wachsen, wie einst der berühmte Kanarische Drachenbaum, Dracaena draco subsp. draco. Auf Teneriffa zählt man etwa 110 endemische Arten. Die Passatwinde stauen sich am Teide, dem höchsten Berg Spaniens, und sorgen auf der Insel für unterschiedlichste Vegetationsstufen mit ihren speziellen Bewohnern: Im dürren Süden reicht der „Sukkulentenbusch“ bis rund 800 Meter, in dieser Steinwüste wuchern zähe Wolfsmilchgewächse.

Wandern in den Wolken

Darüber schließt sich der Buschwald an, auf der Nordseite liegen im ewigen Nebel die verwunschenen Lorbeerwälder. Fährt man höher, befindet man sich in der mesokanarischen Zone mit den typischen Kiefernwäldern voller Pinus canariensis. Ab rund zwei Kilometern über dem Meer schwankt dann die Temperatur extrem, teils zwischen -13 und +58 Grad, Niederschlag gibt es kaum. Neben dem kugeligen Teideginster, Cytisus supranubius, wächst hier der wohl ansehnlichste Endemit: Wildprets Natternkopf, Echium wildpretii. Diese kegelförmige Pflanze wird bis zu drei Meter groß und erinnert mit ihren unzähligen Blüten an eine gigantische rote Flaschenbürste. Der Kargheit um den Gipfel des Teide trotzt dann fast nur noch das zarte Teideveilchen.

Wer auf Teneriffa wandern geht, spürt die Macht der Passatwinde rasch am eigenen Leib. Genoss man vor einer Biegung noch die Sonne, geistert man dahinter mitten durch eine Wolke, die Sichtweite beträgt gefühlt zwei Meter, und das T-Shirt ist nass. Das machen sich die Insulaner zunutze und melken die Wolken: Im Tenogebirge werden Netze, groß wie Bettlaken, zwischen Holzpfähle gespannt, daran kondensieren die Wassertröpfchen und fließen in Behälter.

Denn die Wälder leiden zunehmend unter Trockenheit, in den vergangenen Jahren wurden die Kanaren vermehrt von Waldbränden geplagt. Auf der Insel La Palma, als Aussteigerparadies bekannt, entfachte ein deutscher Hippie im August 2016 eine Feuersbrunst, als er sein Klopapier verbrannte. Bei all diesen Widrigkeiten kann man nur hoffen, dass vom Botanikerparadies überhaupt etwas übrig bleibt.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Kuroczik, Johanna
Johanna Kuroczik
Redakteurin im Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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