Ab in die Botanik

Die Farben des Novembers

Von Johanna Kuroczik
22.11.2020
, 09:00
Herbst in allen Farben
In den vergangenen Wochen konnte man sich an den bunten Baumkronen erfreuen. Doch warum färben sich Blätter im Herbst überhaupt rot und gelb? Dieses wissenschaftliche Rätsel ist bis heute nicht ganz gelöst. Dafür das eines anderen Farbspektakels der sonst düsteren Jahreszeit.

Wer am vergangenen Samstag auf den Gipfel des Altkönigs bei Frankfurt wandern wollte, brauchte dafür keine Wanderkarte, man reihte sich einfach in die Karawane aus bunten Anoraks ein und folgte den Menschen, die meist paarweise im Abstand von ein paar Metern die Pfade hinauf trotteten. Es ist Lockdown, und die Sonne scheint, also auf in das Naherholungsgebiet der Wahl, solange die Bäume noch ein paar Blätter tragen. Und während man an orangerot leuchtenden Buchen entlangspaziert und die Farben des Herbstes genießt, kann man sich darüber unterhalten, denn an Gesprächsthemen mangelt es in der Lockdown-Eintönigkeit zuweilen: Warum färben sich die Blätter überhaupt bunt? Tatsächlich ist diese Frage ist bis heute nicht ganz gelöst.

Werden die Tage kürzer und kühler, lohnt sich für den Baum die Blätterpracht nicht mehr. Bevor er sie abwirft, sichert er sich ihren Saft sowie stickstoffhaltige Proteine. Dazu muss das grüne Chlorophyll „entschärft“ werden, denn die Stickstoff-Schätze befinden sich teils in den Membranen des Photosyntheseapparats. In einer nicht mehr intakten Blattstruktur könnte das auf Licht reagierende Chlorophyll mittels der Energie des Sonnenlichts sogenannte freie Radikale bilden, aggressive Molekülfragmente, die dem Baum schaden. Chlorophyll wird zu einer farblosen Substanz abgebaut, und so kommen die Carotinoide zum Vorschein. Diese gelben Pigmente färben auch Möhren und dienen im Blatt als Sonnenschutz, auch schon während es noch grün ist: Das kräftige Chlorophyll überdeckt die gelbe Färbung im Sommer.

Mit Rotgold und Pink überrascht dann der Winter

Mit rot-violetten Baumkronen fallen im Herbst vorwiegend Bäume aus Nordamerika auf. Doch der dafür verantwortliche Pflanzenfarbstoff Anthocyan ist nur in geringen Maßen vorhanden und wird größtenteils extra neu gebildet. Warum verschwendet der Baum dafür kostbare Energie? „Da gibt es viele Hypothesen“, sagt Chemiker Bernhard Kräutler von der Universität Innsbruck, der sich seit Jahrzehnten mit dem Abbau von Chlorophyll beschäftigt. Eine Möglichkeit ist, dass die roten Farbstoffe zusätzlich vor der Sonne schützen und freie Radikale fangen. Oder sie zeigen Kampfgeist: Anthocyane könnten Insekten warnen, dass dieser Baum so kräftig ist, dass er sich eine dekadente Farbstoffproduktion leisten kann. „So soll die Eiablage der Tiere auf der Pflanze verhindert werden“, erklärt Klaus Minol von der Redaktion Pflanzenforschung, einem Projekt des Bundesministeriums für Bildung und Forschung. Das sei nicht hundertprozentig sicher, aber eine „wunderschöne Theorie“. Schon 2008 zeigte etwa der Forscher Thomas Döring damals am Imperial College London, dass Blattläuse eher gelbe Farben bevorzugten. Das Rot könnte demnach als Tarnung gebildet werden.

Ob Rot oder Gelb, in den nächsten Wochen werden die bunten Blätter zu braunem Matsch. Doch auch das kargste Geäst strahlte vergangenes Wochenende beim Abstieg vom Altkönig am späten Nachmittag rot-golden: Auf ein Farbspektakel kann man sich also auch im Winter verlassen, durch intensive Sonnenuntergänge in Gold, Rot und Pink. In der kalten Jahreszeit steht die Sonne länger tief, wo ihr Licht durch dickere Schichten der Atmosphäre zu uns unterwegs ist, so dass die Luftmoleküle mehr Blau aus der Sichtlinie heraus streuen und uns das Tagesgestirn somit röter erscheinen lassen. Dieses Gesprächsthema hebt man sich dann für den Winterspaziergang auf.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Kuroczik, Johanna
Johanna Kuroczik
Redakteurin im Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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