Ab in die Botanik

Gärtnern in dürren Zeiten

Von Andreas Frey
25.06.2022
, 10:11
Alle genießen die Abkühlung an heißen Sommertagen.
In Zeiten der Dürre muss der Gärtner grausam sein - manche besonders durstige Pflanzen müssen geopfert werden. Und dass dieser Sommer besonders heiß und trocken wird, dafür gibt es eindeutige Hinweise.
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Nur mit Badewannen voller Wasser lässt sich der Garten derzeit einigermaßen grün halten. Ex­treme Hitze und Wüstenwind saugen das Wasser aus den Böden, da kann man fast zuschauen. Regen ist kaum in Sicht, hier mal ein Schauer, vielleicht ein Gewitter. Landregen dürfte in den nächsten Tagen keiner fallen. Soll ich jetzt den ganzen Sommer gießen? Oder vorsorglich einiges verdorren lassen, bevor die Wasserrationierung kommt?

Langsam sollte man sich auch in deutschen Gärten auf dieses unbequeme Szenario einstellen. In Norditalien und im Tessin ist es mittlerweile so trocken, dass die Menschen bereits angewiesen wurden, sich einzuschränken. Dazu gehört beispielsweise, den Pool nicht mehr zu befüllen und den Garten nicht mehr zu gießen. Nachts wird in einigen Gemeinden das Wasser sogar ganz abgestellt.

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Deutsche sind keine Weltmeister im Wassersparen, doch das könnte sich in diesem Sommer ändern. Insofern wäre es besser, den Rasen jetzt schon verdorren zu lassen und sich von den Säufern im Garten endgültig zu verabschieden. Die Hortensien haben ohnehin keine Zukunft, also weg damit. Der Rittersporn ist wirklich hübsch anzusehen, aber Style ist kein ausreichendes Argument im Kampf gegen Wassernot und Klimawandel. Also auch an dieser Stelle gilt: Raus damit! Und zu Swimmingpools in Gärten: Die waren immer dekadent und überflüssig, angesichts der zahllosen Freibäder und Badeseen in Deutschland. Insofern sollte man etwaige Baupläne verwerfen und bestehende Pools in Teiche umwandeln.

Warum der Sommer 2022 besonders heiß wird

Dass der Sommer noch richtig problematisch werden könnte, darauf deuten mehrere Faktoren hin. Erstens: seine Vorgeschichte. Die Böden sind schon jetzt so trocken wie sonst nur im August. Es bräuchte wochenlangen Dauerregen, um dieses Defizit auszugleichen. Damit ist nicht zu rechnen. Zweitens: Die Siebenschläfer-Regel besagt, am 27. Juni ist ein Lostag in der Meteorologie. „Das Wetter am Siebenschläfer-Tag noch sieben Wochen bleiben mag“, heißt es in der alten Bauernregel. Tatsächlich ist nicht der eine Tag entscheidend, sondern der Zeitraum Ende Juni bis Anfang Juli. So wie sich im Übergang vom Frühsommer zum Hochsommer die Strömung einpendelt, so bleibt sie häufig bis Mitte August. Aktuell deuten die Wettermodelle für den Monatswechsel eine erneute Hitzewelle an, ein Modell prophezeit sogar den Aufbau einer Omegalage, die ist besonders stabil. Und drittens: die Langfristprognosen. Die sind zwar mit erheblichen Unsicherheiten verbunden, dieses Jahr allerdings ist das Signal für einen zu heißen und zu trockenen Sommer extrem stark. Ein bis zwei Grad wärmer als im Schnitt dürfte er ausfallen, regnen wird es wohl nur selten. Fazit: Vieles deutet darauf hin, dass der Sommer noch richtig aufdreht.

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Also muss man den Rasen der Trockenheit opfern? Ich gestehe, dass mir diese Entscheidung schwerfällt. Die Kleinen spielen dieses Jahr so gerne im Planqua­drat, der Säugling krabbelt über saftiges Gras, im Frühjahr erst habe ich den Rasen neu angelegt. Die Sorte, die ich ausgewählt habe, ist zwar extrem robust, aber dass auch die unterirdischen Wurzeln die Dürre überstehen werden, glaube ich nicht. Dann bliebe nur das Vertikutieren und Nachsäen im Herbst, sofern sich die Lage bis dahin ändert.

Damit ist das wahre Problem schon ausführlich beschrieben. Wer im Jahr 2022 noch hofft, dass der nächste Monat, der nächste Sommer oder das nächste Jahr endlich mal wieder wird wie früher, der hofft vergeblich. Ein durstiger Garten ist die neue Normalität, Wasser ein immer knapperes Gut. Und die Wasserrationierung vielleicht schon morgen die neue Regel.

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Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Frey, Andreas
Andreas Frey
Freier Autor in der Wissenschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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