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Ab in die Botanik

Aztekischer Alleskönner

Von Ulf von Rauchhaupt
 - 18:09

Vor zwei Jahren wurden der chinesischen Youtouberin Zhang mangelnde Botanikkenntnisse zum Verhängnis. Live wollte sie ihren Followern vorführen, wie schmackhaft die Blätter der Aloe vera seien, einer Sukkulente, der allerlei Gesundes nachgesagt wird. Doch statt in Aloe vera biss die junge Frau vor laufender Kamera in eine Agave americana. Beide Pflanzen gehören zwar zur selben Ordnung, nämlich jener der Spargelartigen, sind damit aber miteinander nur etwa so verwandt wie ein Mensch mit einem Koboldmaki. Zhang musste ihren Livestream abbrechen und Zeitungsberichten zufolge sofort ins Krankenhaus, wo man ihr den Magen auspumpte.

Was soll man auch erwarten, von einem Gewächs, das aussieht wie ein außerirdisches Tentakelmonster? Erstaunlich genug, dass Agave americana einst als Zierpflanze nach Europa gebracht worden sein soll, wo sie im Mittelmeerraum prompt verwilderte und zum Beispiel an den Hängen der Athener Akropolis heute wuchert wie Unkraut. In ihrer Heimat dagegen sind Gewächse der Gattung Agave uralte Kulturpflanzen. In Mexiko, wo 159 der insgesamt 210 Agavenarten heimisch und 119 endemisch sind, erzählten sich die Azteken, wie der Gott Quetzalcoatl einst die schönen Erdgöttin Mayahuel verführte, woraufhin sie in die Menschenwelt floh. Damit sie dort niemand entdecke, habe Quetzalcoatl seine Geliebte in eine Agave verwandelt. In dieser Gestalt gefangen, beginne Mayahuel jedes Mal zu weinen, wenn man den zentralen Trieb einer reifen Agave kappt und die Schnittstelle aushöhlt. Der zuckerige Saft, der sich dann über die folgenden Monate literweise in der Höhlung sammelt, seien Mayahuels Tränen. Die göttliche Abkunft der Agave würdigt die wirtschaftliche Bedeutung der Pflanzen im alten Mesoamerika. Fast alles an ihnen wusste man zu verwenden: Mit den Blättern deckte man Dächer, aus den Fasern stellte man Seile und Textilien her – in die feinere Baumwolle durften sich nur Adlige kleiden – und zieht man den Dorn am Ende eines Agavenblattes mitsamt der dranhängenden Faser ab, hat man eine Nähnadel mit integriertem Faden.

Das Beste aber war besagter Zuckersaft, der im Gegensatz zu den Blättern jüngerer Pflanzen deutlich weniger jener Steroid-Saponine enthält, die maßgeblich zu Madame Zhangs Unpässlichkeit beigetragen haben dürften. Diesen Saft vergor man zu alkoholischem „Pulque“, dessen Genuss im Aztekenreich strengen Regeln unterlag. Außerhalb ritueller Zusammenhänge durfte man sich damit nicht erwischen lassen, es sei denn, man war schwanger oder über 60 Jahre alt und damit nach aztekischem Recht Rentner.

Heute dürfen Pulque auch Jüngere trinken (Schwangere dagegen sollten das möglichst lassen). Ein noch beliebterer Agaven-Drink aber ist das Destillat aus im Schwelfeuer gerösteten Agaven-Herzen, der Mezcal. Mehr als 80 Prozent allen mexikanischen Agaven-Schnapses wird rund um den Ort Tequila im Bundesstaat Jalisco aus der blauen Agave (Agave tequilana) hergestellt. Dabei erfolgt die thermische Behandlung der Herzen zwecks Zuckeraufschluss hier nicht durch Feuer, weswegen dem Tequila die Rauchnote anderer Mezcal-Sorten fehlt. Bevor aber noch einem Youtuber der Magen ausgepumpt werden muss, sei hinzugefügt: Weder Mezcal noch irgendeine Agavenart enthält das halluzinogene Rauschgift Mescalin. Das kommt nur in einigen Kakteen der Gattungen Lophophora und Echinopsis vor, aus der Ordnung der Nelkenartigen.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Rauchhaupt, Ulf von (UvR)
Ulf von Rauchhaupt
Verantwortlich für das Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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