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Ab in die Botanik

Expecto Primulam!

Von Sonja Kastilan
 - 15:34
Primel sind weder fürs Wohnzimmer geeignet noch für den Schnee: Die handelsüblichen Hybriden der Polsterprimeln vertragen Frost nicht besonders gut.

Es ist ein Fluch, da bin ich mir fast sicher. Die Weihnachtsbäume standen noch, Mistelzweige wollte zwar niemand mehr, aber Christrosen und Glücksklee waren gar nicht teuer zu haben, doch alle kauften sie Primeln. Die Sehnsucht nach Farbe im furchtbar tristen Allerleigrau wird größer, und die käuflichen Hybriden der Polsterprimeln treiben es wahrlich bunt. Es ist Januar, der Lenz noch fern. Das hält heute allerdings kaum jemanden davon ab, sich den im Gewächshaus beschleunigten Frühling ins Haus zu holen. Von Blumen-Scham ist bisher keine Rede, die Plastiktöpfchen sind ja so klein, trotzdem: sehr, sehr viele, denn Primula vulgaris triumphiert als preisgünstige Massenware, während die Schneeglöckchen draußen im Garten den richtigen Moment abwarten müssen.

Seit Silvester blüht eine „Baronesse Rothschild“ auf meinem Fenstersims, wie nur ich sie nenne, der Name scheint mir angemessen für die anfangs bordeauxrote Primel-Dekadenz, deren Samtrobe jetzt allmählich zum Purpur verblasst. Ein Geschenk, wie die Traubenhyazinthe daneben, die mich mit ihrem Blau in den Bann zieht, obwohl ich lieber Schnee und Eisblumen betrachten würde als die verfrühten Frühlingsboten. Auch wenn weder Stadtlandschaft noch Zimmerbepflanzung daran erinnern: Theoretisch herrscht Winter. Sein Kältekick ist wichtig, den brauchen etliche Pflanzen unserer Breiten für eine gewisse Zeit, damit sie im Frühjahr austreiben, eben nicht voreilig blühen und Frostschäden riskieren. Eine solche Anpassung ist molekularbiologisch komplex – Gene, Sensoren, Enzyme und epigenetische Schalter sind beteiligt. Wenn Botaniker wissend von Vernalisation sprechen, darf man das als Zauber verstehen, der eine eigene Kolumne verdient hat. Im Frühling, nicht jetzt, allem Schneemangel zum Trotz.

Primeln im Dienst der Gesundheit

Jetzt, Mitte Januar, lässt sich vielmehr über zartes Blattgrün an güldenen Zweigen staunen. Was die Feiertage in den menschenleeren Fluren überstanden hat, dort schlicht vergessen oder als Deko zurückgelassen wurde, schlägt plötzlich aus. Unter dem Glimmer erwacht das Leben. Fragt sich nur, wie lange, da sich ja nun wieder jemand kümmern. Könnte. Das Wasser wechseln. Müsste. So lange bleibt es ein Wunder – oder zähe Widerstandskraft der Birke, um deren Zweige es sich offenbar handelt. Polsterprimeln haben noch keinen Einzug gehalten, aber schon bald dürfte auch hier alles bunt sein. Und zu Radix Primulae greifen Kollegen wohl sowieso: Die Wurzeln von Primula veris, der Echten Schlüsselblume oder Apothekerprimel, und Primula elatior enthalten unter anderem Triterpensaponine, die in Hustenmitteln als pflanzliche Expectorantia, Schleimlöser, dienen. Deshalb finden sich Primelwurzeln – und Blüten – getrocknet im Arzneitee, als Extrakt oder Tinktur in Säften, Tropfen, Pastillen.

Der Chemiker Leopold Gmelin prägte 1819 den Begriff Saponin, zuvor war von Pflanzen und ihren Seifenstoffen die Rede, den in wässriger Lösung schäumenden Substanzen: schon lange bekannt, bis heute vielfältig eingesetzt, und wie so oft macht ihre Dosis das Gift. Das aus der nordamerikanischen Polygala senega isolierte Senegin kam im 19. Jahrhundert als Wirkstoff in Mode, gegen Syphilis etwa. Als der Nachschub stockte, suchten die Apotheker heimischen Ersatz, griffen vermehrt zur Primel, nahmen manchmal Veilchen dazu: Ein Primulatum fluidum kann aber keine Wunder bewirken, und Magie gibt es nur im Märchen. Doch die Primelblütenpracht erinnert an einen Winterschutzzauber: Expecto primulam! Primulas! Farbenfroh, hübsch ubiquitär.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Kastilan, Sonja
Sonja Kastilan
Verantwortlich für das Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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