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Ab in die Botanik

Vom Schein der Robinien

Von Andreas Frey
Aktualisiert am 01.08.2020
 - 15:00
Klimawandel? Die Robinie wuppt das schon.
Die Robinie wurde jüngst zum Baum des Jahres 2020 gekürt. Denn die Scheinakazie passt sich gut an den Klimawandel an. Doch unumstritten war ihre Wahl nicht.

Ein bestimmter Baum bedeutet mir die Urwüchsigkeit meiner Kindheit. Sein Stamm wächst eigensinnig krumm, die hellbraune Rinde ist rauh und rissig. Mitte Mai erblüht er, wenn der Winter überstanden ist und der Sommer beginnen kann. Dann hängen die weißen Blüten in Trauben von den Ästen herunter, ihre gelb-grünen Kelche ziehen Bienen unwiderstehlich an und hüllen den Baum in einen süßlichen Duft, der an Bergamotte erinnert. Die Rede ist von einer Robinie, Robinia pseudoacacia, landläufig auch Scheinakazie genannt. Ursprünglich stammt sie aus Nordamerika, vor mehr als 400 Jahren pflanzte der Botaniker Jean Robin ein Exemplar in Paris, so wurde der Laubbaum nach ihm benannt.

Die „Scheinakazie“ rührt wohl daher, dass sich Blüten und Rinden der beiden Arten gleichen – verwandt sind Akazie und Robinie aber nicht. Daheim nannten wir sie trotzdem Akazie, aber wir sagten auch Rommé zu Canasta. Auch in dem Stadtviertel, in dem ich heute lebe, wachsen viele Robinien. Vergangene Woche traute ich meinen Augen nicht: Alle Bäume entlang meiner Straße standen Mitte Juli in voller Blüte. Ist es möglich, dass Robinien zweimal im Jahr blühen?

Auf der Suche nach einer Antwort erfährt man, dass das Holz der Robinie dichter und härter ist als Eichenholz, dass es nicht fault und gute elastomechanische Eigenschaften aufweist, weshalb es etwa zur Sanierung des Dachstuhls des Hamburger Michels verwendet wurde. Deswegen lassen sich aus Robinie beständige Möbel für draußen fertigen, wie Gartentische, Palisaden oder Spielplatzgeräte. Frisches Kernholz eignet sich sogar für den dauerhaften Kontakt mit Erde oder Sand. Die Scheinakazie wird holzwirtschaftlich kaum genutzt, das liegt an ihrer Krummschäftigkeit: Der Stamm wächst, wie er will, also meist schief, und obendrein besonders schnell; mit einer Wuchsleistung von bis zu 14 Kubikmetern pro Jahr und Hektar übertrifft er die meisten Laubbäume.

Aber blühen sie wirklich zweimal?

Aber aus anderen Gründen wurde die Robinie jüngst zum Baum des Jahres 2020 gekürt: Sie passt sich gut an den Klimawandel an, erklärt Maike Wanders von der Schutzgemeinschaft Deutscher Wald. Die Entscheidung sei allerdings kontrovers diskutiert worden. Zum einen ist umstritten, ob sie Hitze und Dürre überstehen kann, in Frankfurt beispielsweise werden vorerst keine mehr als Straßenbäume gepflanzt. Andererseits gilt die Scheinakazie als gnadenlose Kämpfernatur: Sie neigt zum Stockausschlag, ist äußerst stark in der Konkurrenz und verändert so empfindliche Ökosysteme.

Bei uns zu Hause war die Robinie ebenfalls umstritten, denn mit ihrem starken Wachstum verschattete sie das Haus, und irgendwann machten sich Blattläuse im Schlafzimmer breit. Ständig musste man Blüten, Blätter oder Zweige aufsammeln, irgendwas lag immer im Matsch. Als dann meine Mutter über eine Wurzel stolperte und sich dabei den Knöchel verknackste, war das Schicksal des Baums besiegelt: Die falsche Akazie musste weg.

Die Bäume in meiner Straße stehen noch. Aber blühen sie wirklich zweimal? Nein, sagt der Bayreuther Forstwissenschaftler Gregor Aas, nachdem er ein Foto unserer blühenden Bäume gesehen hat. Kein botanisches Wunder, bei den Bäumen handele es sich um die sehr ähnlichen Japanischen Perlschnurbäume, die im Juli oder August blühen.Wahre Bienenmagneten seien das. Wir nennen sie jetzt die Scheinrobinien.

Quelle: F.A.S.
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