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Ab in die Botanik

Trügerischer Glanz

Von Sonja Kastilan
Aktualisiert am 29.06.2020
 - 10:30
Die Corona-Krise lässt uns den öffentlichen Raum mit neuen Augen sehen. Vielleicht gelingt es jetzt, selbst trostlose Plätze zu beleben.
Die Corona-Krise verschafft dem öffentlichen Raum neues Ansehen. Wo sich nun Pizzakartons stapeln oder dicke Absperrkordeln spannen, ist aber Phantasie gefragt.

Wie öffentlich Raum sein kann, lässt sich derzeit in Parks beobachten, wo zur neuen Normalität stapelweise Pizzakartons gehören und die Picknickdecken nicht nur sonntags auf kümmerlichen Rasenflächen ausgerollt werden, solange es nicht gerade wie aus Eimern schüttet. Während „Sprizz to go“ wiederum selbst jene Plätze attraktiv macht, auf denen sich vorher kaum jemand blicken ließ, weil es an Stühlen und Bänken mangelt oder teure Gastronomen das Pflaster beherrschen, das sie nun mit Klebeband noch großflächiger für sich beanspruchen und sogar mit Ein- und Ausgängen versehen.

Anders als Luftschlösser haben die kommerziellen Hoheitsräume wachsames Personal, und wenn einer der drei Schalenbrunnen an der alten Frankfurter Oper jetzt seit Wochen hinter Absperrkordeln lockt, irritiert das dann doch: Wo bleibt da die „urbanistische Geste“, mit der eine Stadt solche anspruchsvoll gestalteten Freiräume für ihre Bürger unentgeltlich zur Nutzung bereitstellt? Für kurze Zeit war das tatsächlich wieder so, abends blieb jedoch nur die eine Hälfte offen, und im Moment liegt die plätschernde Idylle wieder ganz in Fesseln. Wer auch immer dafür sorgen kann, dass die dicken Kordeln bald abgezogen werden und dieser Brunnen für jedermann frei zugängig ist, dem sei an dieser Stelle vorab mit einem imaginären Tusch gedankt!

Nach Feierabend lässt sich über diese neuen Sperrzonen mit einem Glas in der Hand sinnieren, das man samt Inhalt selbst mitbringen könnte, will man zum Beispiel auf dem Rand des dazu einladenden Lucae-Brunnens sitzen. Mit 17 Meter Durchmesser bietet das Becken reichlich Umfang, so dass die 120 Tonnen Reinersreuther Granit fast vergessen lassen, wie das vom Berliner Architekten Richard Lucae (1829 bis 1877) entworfene und 1880 eingeweihte Opern-Ensemble nach dem Zweiten Weltkrieg in Schutt und Asche lag.

Nicht Gummibaum, sondern Magnolie

Was der italienischen Hochrenaissance nachempfunden wurde, lockt heute mehr Menschen als der nur ein paar hundert Meter Luftlinie entfernt gelegene Platz, mit dem man 2008 das Lebenswerk des Ehrenbürgers François Mitterrand würdigen wollte. In meiner schwäbischen Heimat lebte der spätere französische Staatspräsident in Kriegsgefangenschaft, daher hatte der Mann schon lange mein Mitgefühl, seit ich diesen Frankfurter Platz kenne, nur noch mehr. Hell und freundlich soll hier zwischen Bank- und Bahnhofsviertel wirken, was zuvor „negative Begleiterscheinungen“ anzog: Drogenversteck, Müllstätte, Toilettenersatz.

Wenn minimaler Pflegeaufwand, Anti-Skater- und Anti-Graffiti-Schutz wichtig sind, ist keine Geborgenheit zu erwarten, wie es sich die Stadtplaner von diesem steinernen Herzstück anscheinend erhofft hatten. Auf den Sitzkissen aus Beton habe ich nie jemand „verweilen“ sehen, obwohl ich tagtäglich vorbei radle, dabei ist das Teil des Konzepts wie die sicher verschraubten Lochbleche, mit denen die Pflanzflächen abgedeckt sind. Die Angst, irgendetwas könnte „zu anderen Zwecken missbraucht“ werden, muss enorm gewesen sein, so strahlt jeder Friedhof mehr Lebensfreude aus als dieses Konstrukt aus Beton, Basalt und Edelstahl. Zwölf Hochbeete gehören zum Plan, doch die immergrünen Magnolien darin wirken furchtbar verloren.

Über Jahre hatte ich sie glatt für Gummibäume gehalten, den dunklen Glanz ihrer Blätter völlig falsch gedeutet. Bis mir eines Sommers große, mehr weiß als gelbe Blüten auffielen. Ein Wunder, dachte ich und entdeckte so Magnolia grandiflora, die auch einen viel prachtvolleren Platz in Porto begrünt, aber eigentlich im klimatisch milden Südosten der Vereinigten Staaten zu Hause ist. Die „Native American Ethnobotany“ listet sie als Arzneipflanze der Coushatta und Choctaw, was vom Main an den Mississippi und noch weiter südlich führt, wo die Ureinwohner in Zeiten von Covid-19 erleben, was „Ní neart go cur le chéile“ oder schlicht irische Dankbarkeit heißt.

Weil sie einst in der Not halfen, obwohl selbst nicht besonders wohlhabend, fließen jetzt Spendengelder aus Irland zu ihnen über den großen Teich. Diese Geste der Hilfsbereitschaft könnten wir nachahmen, und vielleicht gelingt es uns nebenbei, selbst trostlose Plätze zu beleben: Man freut sich über jeden Baum, der Grün ins urbane Grau bringt, und liest im Schatten mehr zur Geschichte und der brisanten Gegenwart Amerikas.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Kastilan, Sonja
Sonja Kastilan
Verantwortlich für das Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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