Amazonas-Plünderung

Hier wohnt das Weltgewissen

Von Joachim Müller-Jung
09.09.2021
, 10:35
Der tropische Regenwald ist ein mächtiger Faktor für die Stabilität des Weltklimas, und in ihm leben viele Millionen indigener Bewohner.
Die Plünderung des Amazonas geschieht so radikal wie nie. Wer stoppt das: die Politik, die Industrie? Bis jetzt nicht. Dafür hofft die UN auf die indigenen Bewohner des Waldes. Bekommen sie eine Chance?
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Im südfranzösischen Marseille zieht in dieser Woche eine Abordnung aus Süd- und Mittelamerika die Aufmerksamkeit auf sich, die sich ihren festen Platz an den grünen Tischen einer immer lauter werdenden Weltrettungsgemeinschaft längst verdient hat: indigene Sprecher, Stammesobere oder einfach, wie sie sich gerne selbst nennen, die legitimen Wächter des Waldes. Es ist die große Tagung der Weltnaturschutzunion IUCN, und zum ersten Mal haben die Organisationen der indigenen Völker ein Stimmrecht erhalten. So, wie sie sich in den vergangenen Jahren auf vielen UN-Veranstaltungen und bei UN-Institutionen, nicht zuletzt auf den Klimagipfeln, Gehör verschafft haben. Sie kämpfen in solchen politischen Arenen nicht nur für sich, sondern für die Natur und für den Klimaschutz. 80 Prozent der Amazonas-Regenwaldflächen, forderten sie am Wochenende in Marseille, sollten bis zum Jahr 2025 unter Schutz gestellt werden. Das ist fast doppelt so viel, wie sie selbst bewohnen. Ihnen geht es also keineswegs nur um eigene Interessen.

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Zuletzt schien das in Brasilia, der brasilianischen Hauptstadt, durchaus anders. Tagelang protestierten dort lautstark Tausende der prächtig geschmückten Ureinwohner aus dem ganzen Land, um ein Urteil des Höchsten Gerichts zu verhindern, das die Lebensgrundlage von Millionen Indigenen, aber indirekt eben auch unser aller Existenz beeinträchtigen könnte. Auf den ersten Blick muss die Sache keinen Europäer kümmern. Es geht um den Schutz der Lebensräume der Indigenen, die in der Verfassung festgeschrieben sind. Agrar- und Bergbaufirmen wollen nur jene Flächen anerkennen, auf denen schon vor 1988 Ureinwohner lebten. Der Rest soll, ganz wie es der 2019 ins Amt gewählte, rechtspopulistische Präsident Bolsonaro bei Amtsantritt ankündigte, für die wirtschaftliche Nutzung freigegeben werden. Für den Amazonas-Regenwald, der den größten Teil Brasiliens einnimmt, würde das bedeuten: Raubbau ohne Limit.

Politisch gewollter Raubbau des Regenwaldes

Die vergangenen beiden Bolsonaro-Jahre haben die Richtung vorgegeben. 10 476 Quadratkilometer Wald – die vierfache Fläche des Saarlandes – sind der Forschungsorganisation Imazon zufolge allein von August 2020 bis Juli 2021 durch Feuer und Raubbau verloren gegangen. Zehn Jahre lang hatte man es davor geschafft, die Waldverluste um zwei Drittel zu reduzieren. Schlagartig war mit der neuen Politik der Regierung Bolsonaro Schluss damit. Seither müssen die Indigenen um ihre Lebensgrundlagen, aber auch die Weltgemeinschaft um einen der Eckpfeiler der Klima- und Naturschutzpolitik fürchten. Denn mit schätzungsweise 73 bis 100 Milliarden Tonnen im Regenwald gespeicherten Kohlenstoffs ist das Amazonasgebiet ein entscheidender Faktor für die globale Entwicklung des Klimas. 17 Prozent des ursprünglichen Waldes sind bereits verloren, 17 weitere Prozent ökologisch hochgradig degradiert.

Bei einem Viertel Waldverlust könnte ein Kipppunkt erreicht werden: Dann werden wohl Trockenheit und Zersetzung die artenreichsten Flecken der Erde schneller denn je verschwinden lassen und die Atmosphäre unwiederbringlich mit Unmengen zu klimaschädlichen Treibhausgasen umgewandeltem Kohlenstoff anreichern. Tatsächlich sind in den vergangenen Monaten mehrere hochrangige Gutachten und Modellrechnungen veröffentlicht worden, die zeigen: In einigen Teilen des zerstörten Amazonasgebiets ist der Regenwald bereits von einem Kohlenstoffspeicher, der die Atmosphäre entlastet, zu einer Quelle für Kohlendioxid geworden. Ohne die Rettung des Amazonas-Regenwaldes, so wiederholt die Klimaforschung immer wieder, sei die im Pariser Vertrag formulierte Begrenzung der globalen Erwärmung auf deutlich unter zwei Grad nicht zu erreichen.

Indigene Abordnung aus Süd- und Mittelamerika, die selbstbewusst vor der Weltnaturschutzunion IUCN in Marseille aufgetreten ist.
Indigene Abordnung aus Süd- und Mittelamerika, die selbstbewusst vor der Weltnaturschutzunion IUCN in Marseille aufgetreten ist. Bild: Coimbra Sirica

Mittendrin in dem globalökologischen Drama: die Indigenen. Tatsächlich ruhen auf ihren Schultern inzwischen viele Hoffnungen, nicht zuletzt der Vereinten Nationen, das Ruder am Amazonas noch herumzureißen. Ganz offen wird das in einem neuen Bericht der Welternährungs- und Forstorganisation FAO in Rom formuliert, der sich auf 170 Seiten ausschließlich mit der ökologischen Wächterfunktion der Indigenen beschäftigt. Der Grund ist einfach: Kein Lebensraum im Wald wird besser und effektiver geschützt als der Lebensraum der Indigenen. Wo sie leben, bleibt der Regenwald ökologisch intakt. Zwischen drei und sieben Millionen indigene Bewohner (allein in Brasilien mehr als 300 unterschiedliche Völker) bewohnen die Regenwälder des Amazonas. Ein Drittel des Amazonasgebiets – aber fast die Hälfte des noch intakten Waldgebietes: 250 Millionen Hektar – wird ihnen als Lebensraum zugeschrieben. Das sind Menschen, von denen fast die Hälfte keine Elektrizität und keine Grundschulausbildung haben, die aber offenbar bereit sind, eine enorme Verantwortung zu übernehmen. Der bewirtschaftete oder verödete Rest der ursprünglichen Amazonas-Regenwaldflächen, knapp 153 Millionen Hektar, ist mehr oder weniger vernichtet. Die Spuren lassen sich in immer neuen Studien nachlesen. Zuletzt hat eine im Journal Nature veröffentlichte Untersuchung amerikanischer Forscher an 14 500 Pflanzen- und Wirbeltierarten die biologischen Folgen dokumentiert: 95 Prozent aller Pflanzenarten und 85 Prozent der bereits als gefährdet eingestuften Arten sind seit Beginn dieses Jahrhunderts von dem Flächenfraß ins Amazonasgebiet betroffen und zum Teil deutlich dezimiert worden.

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Eine Milliarde Dollar für Amazonas-Klima-Initiative

Die Bilanzen der Tropenökologen fallen inzwischen mit jedem Jahr düsterer aus. Aber keineswegs nur die der Forscher. Auch die Wirtschaft, die sich von der Ausbeutung der Naturressourcen so viel verspricht, muss inzwischen den Preis bezahlen. Die brasilianische Soja-Industrie, eine der treibenden Kräfte der Entwaldung, musste laut einer von Wissenschaftlern im Journal World Development publizierten Studie in einem Jahr durchschnittlich 99 Dollar pro Hektar Ernteeinbußen hinnehmen, weil den Landwirten die natürlichen Dienstleistungen des Waldes wegbrechen. Die feuchtigkeitsspendenden Wälder liefern den Regen, auch in der brasilianischen Cerrado, und sie senken die Temperatur in den Anbauregionen. In der Zeitschrift Nature Communications wurden unlängst die Konsequenzen für den südlichen Teil des brasilianischen Amazonasgebietes für die gesamte Agrarwirtschaft durchgerechnet: Bis zum Jahr 2050 könnten wegen Hitze- und ­Trockenstress gut 56 Prozent der Erträge unwiederbringlich wegbrechen. Kon­sequenter Regenwaldschutz dagegen könnte eine Milliarde Dollar jährlich an Zusatzeinnahmen bringen.

Welche politische Überzeugungskraft solche Szenarienrechnungen haben, ist unklar. David Kaimowitz von der FAO jedenfalls, einer der Autoren des Indigenen-Berichtes, setzt durchaus auf die ökonomische Karte: Auch die FAO-Analyse, die aus mehr als dreihundert Studien der vergangenen zwanzig Jahre und allein 73 aus den letzten beiden Jahren zusammengestellt wurde, hält ökonomische Anreize für eine ideale Schutzstrategie. Anreize, die zum großen Teil den Indigenen zukommen sollten: „Sie müssen kompensiert werden für ihre ökologische Arbeit, von der wir alle profitieren. Generationen von ihnen haben viel geopfert, auch ihr Blut, und das schon viele Generationen.“ Die Wächterfunktion der Indigenen muss dafür allerdings vor allem politisch anerkannt werden. Die Industrie selbst, meint Kaimowitz, habe bereits zum Teil erkannt, dass ihr Gedeihen entscheidend vom Überleben der Wälder abhängig ist. So hat eine Initiative mit einigen ökologisch berüchtigten Großkonzernen kürzlich zugesagt, eine Milliarde Dollar für die Klima-Initiative „Lowering Emissions by Accelerating Forest Finance“ im Amazonas zu investieren. Eine Milliarde Dollar jedoch, sagt Kaimowitz auch, würden eigentlich jedes Jahr gebraucht, um die 250 Millionen Hektar der am meisten gefährdeten Waldregionen am Amazonas dauerhaft vor der Zerstörung zu schützen.

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Quelle: F.A.Z.
Joachim Müller-Jung- Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Joachim Müller-Jung
Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.
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