FAZ plus ArtikelAnti-Corona-Nasenspray

Der „sanfte“ Impfstoff für radikale Lösungen

Von Joachim Müller-Jung
02.09.2020
, 13:26
Ein Nasenspray zum Schutz vor der Schweinegrippe: Eine Aufnahme aus dem Jahr 2009, als ebenfalls viele Influenza-Impfstoffe gegen H1N1 entwickelt wurden.
Dass Covid-19 mit den ersten Impfstoffen gestoppt werden kann, halten Experten für fast ausgeschlossen. Forscher aus Süddeutschland entwickeln schon eine „zweite Generation“. Die Hoffnungen auf ein Nasenspray sind groß – aber fatalerweise auch die Hürden, um dahin zu kommen.

Die Frage nach dem Corona-Impfstoff spitzt sich zu. Je näher der Termin rückt, an dem immunologisch abgerechnet wird und die Zulassungen der acht heißesten Impfstoffkandidaten anstehen, desto größer werden die Fragen: Wer wird zuerst geimpft, wie lange hält die Immunität, wie viele werden sich überhaupt impfen lassen? Und schließlich: Ist es möglich, die Corona-Krise damit vielleicht sogar komplett zu beenden, das Virus auszurotten? Keine dieser Fragen ist bisher abschließend beantwortet, und manche Experten halten es wie der Leiter der Forschergruppe Virotherapie an der Medizinischen Klinik VIII der Universität Tübingen, Ulrich Lauer, der sich sagt: „Mit den ersten Impfstoffen werden wir das Problem nicht lösen.“

Der Grund: Die neun von insgesamt rund hundert Impfstoff-Kandidaten, die derzeit in den entscheidenden klinischen Testphasen 2/3 und 3 an Zehntausenden Freiwilligen auf Wirksamkeit und Sicherheit hin geprüft werden, könnten weniger wirksam schützen als erhofft. Amerikanische Epidemiologen haben unlängst die – von anderen Immunologen umgehend kritisierte – vereinfachte Rechnung aufgemacht, wonach mindestens drei Viertel der Menschen nach der Injektion einen effektiven Impfschutz aufbauen müssten – vorausgesetzt noch, dass achtzig Prozent der Bevölkerung bereit ist, sich impfen zu lassen. Schon an dieser Prämisse würde der Bevölkerungsschutz durch Herdenimmunität scheitern, denn Umfragen in den Vereinigten Staaten zufolge wollen sich zum jetzigen Zeitpunkt sehr viel weniger Menschen gegen das Pandemievirus Sars-CoV-2 impfen lassen.

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Quelle: F.A.Z.
Joachim Müller-Jung- Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Joachim Müller-Jung
Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.
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