Enthüllungen in Ägypten

Das Tutanchamun-Dilemma

Von Ulf von Rauchhaupt
12.04.2016
, 09:01
Wenn es im Grab des jugendlichen Pharao nun keine verborgenen Kammern gibt, hat Ägypten ein Problem. Wenn aber doch, dann die Ägyptologie.

Diesen Aprilscherz hat sich niemand getraut: Was hätte man sich nicht alles ausdenken können, nachdem am 1. April im Tal der Könige nahe Luxor in der Sargkammer des Pharaos Tutanchamun eine Radarmessung beendet worden war. Sie sollte die im Juli 2015 aufgekommene Vermutung überprüfen, in dem berühmten Grab gebe es noch weitere, ungeöffnete Kammern. Da wären allerhand lustige Falschmeldungen Marke „Des Pharaos goldene Badewanne gefunden“ möglich gewesen. Schließlich hatte der japanische Radarspezialist Hirokatsu Watanabe im März erklärt, bei seiner eigenen ersten Untersuchung Hinweise auf Metall und organische Stoffe hinter den verdächtigen Wänden gefunden zu haben.

Tatsächlich aber wurde auf der Pressekonferenz am 1. April fast gar nichts verkündet: „Wir können über die Ergebnisse noch nichts sagen“, erklärte der ägyptische Antikenminister Khaled El-Enany. Die Analysen würden eine Woche dauern. Doch auch sieben Tage später galt, was der Ägyptologe Nicholas Reeves seither jedem sagt, der ihn fragt: „Mir geht es wie dem Rest der Welt, ich warte auf mehr Informationen.“

Reeves hatte alles ins Rollen gebracht. Der 59 Jahre alte Brite, der seit 2014 an der University of Arizona forscht, hatte Laserscans der West- und Nordwand in Tutanchamuns Sargkammer untersucht. Dabei waren ihm Oberflächenstrukturen aufgefallen, die so aussahen, als seien die Gemälde nicht auf anstehendem Fels aufgetragen worden, sondern stellenweise auf verputztem Mauerwerk. Daraus und aus stilistischen Argumenten leitete er die Hypothese ab, hinter der Westwand verberge sich ein bisher unbekannter weiterer Stauraum mit Grabbeigaben für Tutanchamun, hinter der Nordwand aber der Zugang zu einem weiteren Grab.

Dort müsse dann ein weiterer Pharao liegen, ebenso unberaubt, wie Tutanchamun 1922 bei der Entdeckung seines Grabes vorgefunden worden war. Und es könne sich dabei eigentlich nur um die einzige prominente Persönlichkeit der damaligen Königsfamilie handeln, deren Grablege noch vermisst wird: Tutanchamuns Stiefmutter und vermutliche Amtsvorgängerin Nofretete.

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Im Schatten von Nofretete
Das Geheimnis des Grabs von Tutanchamun

Da kann auch das Alexandergrab einpacken

Reeves’ Theorie umfasst also drei Vermutungen: Erstens gibt es da neue Kammern, zweitens beherbergt eine davon eine intakte Bestattung, und zwar, drittens, die der Nofretete. Von der ersten Vermutung sind bereits viele Beobachter überzeugt, auch wenn Mitarbeiter El-Enanys vorsichtig lieber von „einigen Anomalien“ sprachen, ohne weitere Andeutungen zu machen.

An ein Nofretete-Grab glauben dagegen die wenigsten, und sei es nur aus Scheu, öffentlich von der größten altertumswissenschaftlichen Sensation aller Zeiten zu träumen. Denn eine unberaubte Nofretete ließe nicht nur Schätze erwarten, gegen die Tutanchamuns Ausstattung Kinderkram wäre. Sie verspräche auch in unübersehbarem Umfang neue Erkenntnisse zu einer der faszinierendsten Epochen des Altertums. Selbst das Grab Alexanders des Großen käme da nicht im Entferntesten heran.

Die Rolle der National Geographic Society

Aber auch Vermutung Nummer zwei – irgendein intaktes Grab – wäre ein archäologischer Knüller. Und auf einen solchen hofft die National Geographic Society in Washington. Sie unterstützt die laufenden Untersuchungen, hat für Nicholas Reeves die Pressearbeit übernommen sowie Radartechnik plus Personal für die jüngsten Untersuchungen gestellt. Das alles offenbar im Austausch für Priorität bei der Berichterstattung. Schon für den Frühling ist eine Filmdokumentation in Arbeit, Bilder von den Radararbeiten sind bis zum Herbst für die Verwendung durch andere Medien gesperrt, Anfragen dieser Zeitung nach technischen Details blieben unbeantwortet.

Dergleichen ist nicht völlig unüblich bei sensationsverheißenden Funden in Ländern mit wenig ausgeprägter Tradition, Grabungen durch eigene öffentliche Mittel oder gemeinnützige Stiftungen zu finanzieren. Und gewiss ist es besser als nichts, zumal National Geographic mit dem neuesten Equipment anrückte. „Das SIR-4000, das dort benutzt wurde, stammt von einem der renommiertesten Herstellern von Georadargeräten und ist mit Sicherheit auf dem neuesten Stand der Technik“, bestätigt Rainer Morawetz von der Geo5 GmbH, einer Spezialfirma für geophysikalische Untersuchungen in Loeben bei Graz. Auch die Verwendung zweier Frequenzen, 400 Megahertz für hohe Eindringtiefe und 900 Megahertz zur besseren Auflösung etwaiger Strukturen, hält Morawetz dem Ziel der Untersuchungen für angemessen. Selbst die Identifikation des Materials verborgener Objekte aus Metall oder organischen Stoffen sei damit machbar, in letzterem Fall allerdings auch schwierig und zeitraubend: „Das ist dann schon die hohe Schule.“

Wirkliche Wissenschaft geht anders

Die so zu vermutende Professionalität der Leute von National Geographic mag Zahi Hawass beruhigen. Der frühere Chef der Antikenbehörde und schärfste Kritiker der Ideen von Nicholas Reeves hatte die Messungen Watanabes mit den Worten kommentiert: „Radar ist nicht Wissenschaft, Radar ist Kunst.“

Nachteilig könnte sich das kommerzielle Interesse der Amerikaner freilich auf die wissenschaftliche Transparenz auswirken. Zwar sollen die Messungen sowie weitere Radaraufnahmen – zur Kartierung der vermuteten Hohlräume von oben durch die Gesteinsdecke hindurch – Anfang Mai auf einer internationalen Konferenz in Kairo diskutiert werden. Doch wie hat man sich diese Debatte vorzustellen, wenn die Ägyptologen die für Laien kaum interpretierbaren Radargramme bis dahin allenfalls im „National Geographic Magazine“ betrachten können?

Archäologie braucht Zeit - aber die hat Kairo nicht

Nun werden zuweilen auch in der akademischen Archäologie Befunde bis zur Fertigstellung einer Fachveröffentlichung unter Verschluss gehalten oder nur befreundeten Kollegen zugänglich gemacht. Doch sorgfältige Veröffentlichungen können in der Archäologie Jahre dauern. So viel Zeit kann sich die ägyptische Regierung nicht lassen. Sie braucht dringend positive Schlagzeilen, seit die Touristen aus Angst vor islamistischen Anschlägen scharenweise ausbleiben.

Das erklärt, warum der vormalige Altertümerminister Mamdouh Eldamaty Reeves schon im September einlud, die Grabkammerwände vor Ort in Augenschein zu nehmen, und wenig später Hirokatsu Watanabe einfliegen ließ. Und als Eldamaty bei einer Kabinettsumbildung am 23. März durch El-Enany ersetzt wurde, ließ dieser als eine seiner ersten Amtshandlungen verkünden, die Überprüfung von Watanabes Ergebnissen durch das Team von National Geographic werde planmäßig durchgeführt. Kairo hat es wirklich eilig.

Und wie kommuniziert man ein negatives Resultat?

Eile aber tue hier gerade nicht gut, meint Susanne Bickel von der Universität Basel, die selbst im Tal der Könige arbeitet. „Jetzt, wo die ganze Öffentlichkeit das Vorgehen verfolgt, hat das Ministerium große Mühe, sich die notwendige Zeit zu verschaffen, um Experten zu konsultieren und selbst über mögliche Szenarien nachzudenken. Oder sich auch nur zu fragen, wie man ein ,Es war nichts‘ kommunizieren könnte.“

Reeves sieht dieser Möglichkeit gelassen entgegen. „Wenn ich falschliege, denn liege ich eben falsch“, sagt er. Für Ägypten dagegen wäre es eine schlimme Enttäuschung. Noch fataler wäre es, den Zeitdruck aufrechtzuhalten, wenn die nichtinvasiven Methoden die Realität neuer Kammern über alle Zweifel erweisen. „Soweit ich informiert bin, gibt es noch keinen weiteren Plan, wie dann vorzugehen wäre“, sagt Bickel.

Die meisten Ägyptologen dürften wissen, was sie sich wünschen: sehr viel Zeit, sehr viel Geld und ein internationales Team aus anerkannten Experten, die sich ohne jeden politischen Druck auf ein Vorgehen zum Anbohren, minimalinvasiven Erkunden und schließlich Öffnen der Kammer einigen können. Dazu müssten aber schon sehr viele Stellen über ihren Schatten springen – von der ägyptischen Regierung über mögliche Geldgeber bis hin zu den in Frage kommenden Experten. Bei solchen Aussichten mag sich manch ein Forscher sogar wünschen, es gäbe diese Kammern nun doch nicht. Oder sie wären leer.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Rauchhaupt, Ulf von (UvR)
Ulf von Rauchhaupt
Verantwortlich für das Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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